Tausendachtundsechzig

Das ist doch sicher jedem schon mal so oder ähnlich ergangen:
Du hast eine Mail verfasst, und willst jetzt den Empfänger eintippen. Die Autocompletion springt nach den ersten Buchstaben an, und macht Vorschläge. Du wählst eine Adresse, und klickst auf sie, so dass sie übernommen wird.
Bloß dass man auch mal versehentlich die falsche Adresse treffen kann.
Und das nicht vor dem Abschicken merkt.

So erging es wohl auch einem meiner Mitarbeiter.
Eigentlich hätte die Mail an einen seiner Kollegen gehen sollen. Stattdessen erreichte sie eine Mitarbeiterin im Marketing.
Außer einer ausführlichen Beschreibung verschiedener Konfigurationseinstellungen hatte der Entwickler allerdings noch ein paar zusätzliche, nicht zum Thema gehörende Bemerkungen gemacht, wodurch sich die Marketingmitarbeiterin gestört fühlte (wobei sich mir schon die Frage stellt, warum sie die Mail nicht einfach gelöscht hat, sobald sie sah, dass sie gar nicht an sie gerichtet war, sondern stattdessen bis zum Ende durchscrollte).
Also ging sie zu ihrer Vorgesetzten (das ist die Tussi, mit der ich schon öfter Konflikte hatte). Die war gleich noch mehr aufgebracht, und zusammen stiegen sie die Hierarchieleiter noch eine Sprosse hinauf zum Vertriebsleiter.
Der hätte die Angelegenheit gerne abgewiegelt, aber die Marketenderinnen gaben keine Ruhe, bis er sich einen kurzfristigen Termin beim Geschäftsführer geben ließ.
Der Geschäftsführer nahm die Mail zur Kenntnis, untersagte ausdrücklich die Weiterverbreitung, versprach, sich darum zu kümmern, und schickte die Marketenderinnen wieder zu ihrer Arbeit zurück. Er wechselte noch einige Worte mit dem Vertriebsleiter, der dann auch wieder in sein Büro zurück ging.

Dann ließ der Geschäftsführer die Vorgesetzte des Entwicklers zu sich holen (die eben noch dem Jour-Fixe der IT-Abteilung die Ehre ihrer Anwesenheit gab).
Er zeigte ihr die ausgedruckte Mail.
„Ja, und? Das sind irgendwelche Konfigurationsmöglichkeiten, die notwendig sind, um …“
„Ich meine diesen Absatz da unten.“
„Aha. Meine Mitarbeiter müssen sehr kreativ arbeiten. Da dürfen sie zwischendurch auch mal Denkpausen einlegen.“
„Und wenn die Mail an Kunden gegangen wäre?“, fragte er scharf.
„Ich werde meine Mitarbeiter anweisen, in Zukunft besser darauf zu achten, wohin sie ihre Mails schicken.“
„Damit ist es nicht getan. Diese Äußerungen sind so keinesfalls in dienstlicher Korrespondenz zulässig.“
„Die waren doch gar nicht für’s Marketing gedacht, sondern Entwicklungs-intern“, allmählich wurde ich auch ärgerlich.
„Du wirst nicht darum herum kommen, den Mitarbeiter abzumahnen. .. Das heißt, in Anbetracht der Umstände ist es wohl besser, wenn ich das selbst übernehme.“
Jetzt stellte ich auf stur: „Wenn du das machst, muss ich davon ausgehen, dass du die Meinung meines Mitarbeiters nicht teilst.“
„Was willst du damit sagen?“
„Genau das.“
Er überlegte. Er war in einer Zwickmühle.
Dann atmete er durch, und lenkte schließlich ein: „Sorg‘ dafür, dass sich so etwas nicht wiederholt! Und jetzt, geh!“
„Danke!“ Ich beugte mich über den Schreibtisch, und gab ihm einen Schmatz auf die Wange, bevor ich sein Büro verließ. Die Marketenderinnen wieder zu beruhigen, ist sein Problem.

Ich lenkte meinen Schritt stattdessen Richtung Nerdtopia, und beorderte alle meine Mitarbeiter sofort zu einer außerplanmäßigen Besprechung.
Ich erklärte ihnen, dass eine fehlgeleitete Mail beim Marketing einige Aufregung verursacht hatte, und dass sie zukünftig besser aufpassen sollen, an wen ihre Mails gehen, insbesondere wenn Teile des Inhalts als unangemessen empfunden werden könnten. Außerdem – das müsse ich rein der Vollständigkeit halber erwähnen – seien private Inhalte generell in Mails verboten, und könnten eine Abmahnung rechtfertigen. Ich darf solche Äußerungen offiziell nicht dulden. Der Chef sei recht ungehalten gewesen, habe sich aber überzeugen lassen, es diesmal bei einer allgemeinen mündlichen Verwarnung zu belassen (die ich hiermit durchgeführt hätte). Zudem gäbe es auch Möglichkeiten, die Kommunikation so zu verfremden, dass Außenstehende gar nicht verstehen, um was es geht. Natürlich gäbe es auch den gegenteiligen Fall. Ich erzählte von jener Evangelistin, die auf einer Entwickler-Konvention irgendetwas von „big dongle“ und „fork the repo“ (weshalb wir hier die Repos vorzugsweise branchen) aufgeschnappt hatte, und – statt ihre Arbeit zu machen – dies zum Skandal heraufgepuscht und in die Öffentlichkeit ausposaunt hatte. (Meines Wissens ist sie – im Gegensatz zu dem unverständlicherweise daraufhin entlassenen Entwickler – immer noch arbeitslos.) Zum Abschluss fasste ich noch einmal zusammen, dass sie in Zukunft einfach vorsichtig sein sollen, was sie wem schreiben, denn nicht jeder hätte für alles Verständnis.

Danach ging jeder wieder seiner Arbeit nach. Auch wenn ich keine konkrete Namen und Daten genannt habe, bin ich sicher, dass sie das schon intern kommunizieren werden. Bloß hoffe ich, dass sie sich nicht mehr nachweislich bei solchen Äußerungen erwischen lassen. Das kann auch mal schief gehen, und ich weiß nicht, ob ich sie dann immer so beschützen kann.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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50 Antworten zu Tausendachtundsechzig

  1. aliasnimue schreibt:

    Was stand denn da verwerfliches darunter? Ich hab jetzt so keine Idee.

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  2. Plietsche Jung schreibt:

    Die Verwarnung war nötig. So was geht nicht.

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  3. verbalkanone schreibt:

    Okay, ich weiß natürlich nicht, was da so schlimmes Persönliches in dieser Mail enthalten war und ich will es auch nicht wissen, aber auf mich wirkt das schon ein bisschen wie die srichwörtliche Mücke, aus der ein Elefant gemacht wurde. Ob in diesem Fall, der auf eine Unkonzentration deines Mitarbeiter zurückzuführen ist, das wirklich beurteilen zu können, müsste ich Details wissen. Wie auch immer, du hast das Problem recht unkonventionell gelöst. Sollte so etwas wieder vorkommen, wird der Verursacher sicherlich nicht so glimpflich davonkommen. Dafür werden deine beiden „Gegnerinnen“ schon sorgen … Hast du denen etwas getan oder könnt ihr „nur“ menschlich nicht miteinander?

    Ich hatte übrigens vor Jahren mal einen Fall, in dem mich eine Kunden in einer Mail als „Fotze“ betitelte, weil ich ihr höflich udn sachlich erklärt hatte, dass wir einen bereits angebrochene Parfumflacon nicht zurücknhemen und umtauschen könnten. (Im Grunde also auch preislich eine Lappalie.) Ich druckte mir die Mals aus und ging damit zu meinem Vorgesetzten, dem Geschäftsführer, dem ich direkt unterstellt war und informierte den Geschäftsführer, dass ich mit dieser Kundin zukünftig nicht mehr zusammenarbeiten wollen würde. Der Geschäftsführer schrieb daraufhin der Kundin selbst eine Mail, in der er sich für die bisherige Zusammenarbeit mit ihr bedankte und sie darüber in Kenntnis setzte, dass es keine weitere Zusammenarbeit geben würde. Man muss sich meiner Meinung auch, wenn man Dienstleister ist, nicht alles gefallen lassen. Und mit der Bezeichnung „Fotze“ übertritt man nun wirklich eine Grenze. Punkt.

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    • In der Mail stand nichts Beleidigendes. Die Reaktion im Marketing war eindeutig übertrieben. Ich hätte diese Mail einfach sang- und klanglos gelöscht.

      Hast du denen etwas getan oder könnt ihr „nur“ menschlich nicht miteinander?

      Sagen wir mal so .. wenn ich nicht gewesen wäre, wäre die Marketingleiterin jetzt Abteilungsleiterin, statt dem Vertriebsleiter unterstellt zu sein. Das trägt sie mir wohl noch nach.
      Und dann gab es da einige kleinere Vorfälle, bei denen das Marketing nur äußert widerwillig mit mir kooperierte, und Zuarbeit verzögerte.

      Bei deinem Beispiel ist klar eine Grenze überschritten, und so etwas muss man sich von niemandem bieten lassen.
      Dein Vorgesetzter hat sich loyal dir gegenüber verhalten.

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      • verbalkanone schreibt:

        Dass es zwischen der Marketingleiterin und dir eine Vorgeschichte gibt, war mir klar. Da hast du wohl eine echte Feindin gewonnen. So etwas kann sehr lästig und gefährlich sein. Am besten, du drehst dieser Frau niemals den ungeschützten Rücken zu.
        Ja, da war definitiv eine Grenze überschritten. Und lach nicht, aber das war das einzige Mal in knapp zwölf Berufjahren, die ich in dieser Firma verbracht habe, dass sich mein Chef mir gegenüber loyal verhalten hat. Ansonsten war er durchgängig ein bösartiges Arschloch.

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  4. Geeforce schreibt:

    Die Leute sind grundsätzlich viel zu verklemmt und empfindlich was das angeht…. 🙄

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  5. mkuh schreibt:

    einen Abteilungs internen messager aufsetzen ?
    dan geht das schreiben schneller, nur noch sachliche über die mails, wie z.B. Konfig sachen
    der rest über den messager
    Kann mit schnellere Komipation erklärt werdnen 😉

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    • Danke für den Vorschlag, aber für Schriftliches (also längere Texte) ist Mail besser geeignet. Ansonsten besprechen die Mitarbeiter face-to-face, was zu besprechen ist.
      Ein Messenger würde nur weitere Probleme mit Dokumentation, Datenschutz, Konfiguration, etc. aufwerfen.

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    • Leser schreibt:

      Das bedeutet aber auch, die Infrastruktur dafür unternehmensintern zu betreiben. Also auf einem Server zusätzlich noch einen Jabberserver laufen zu lassen, und dem das S2S zu verbieten, und ihn auf das Unternehmensnetz zu beschränken. Der laufende Betrieb kostet dann zwar praktisch nichts, aber die Einrichtung sind halt erst mal ein paar Arbeitsstunden in der IT (noch mehr, wenn sich niemand damit auskennt). Weil, dafür Skype oder so zu benutzen ist sicher keine gute Idee, wenn da auch unternehmensinterne Sachen kommuniziert werden.

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  6. RAID schreibt:

    Die spannende Frage ist doch, ob du mit auf der Liste standest!

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  7. Jezek1 schreibt:

    Hmmm, da herrschen ja rauhe Sitten… Was bin ich froh das in meinem Umfeld so etwas nicht passiert; zumal ich selber nix Privates mit Beruflichen vermischen.

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