Zweihundertsiebenundvierzig

Sonja hatte uns zu ihrem Geburtstag eingeladen. Sie feierte mit einigen Freunden bei sich zu Hause.

Carsten hatte erst ablehnen wollen, hinzugehen, aber überlegte es sich dann doch anders. Wahrscheinlich hatte er ein schlechtes Gewissen, weil er damals seine eigene Geburtstagsüberraschungsparty, die Sonja organisiert hatte, geschmissen hatte.
Sonja wollte uns zunächst aushorchen, wie es Verena gehe. Aber Carsten hielt sich ziemlich bedeckt. Verena’s Schwangerschaft gehört zu den Themen, die man bei ihm besser nicht anschneidet.

Als sie sich wieder ihren anderen Gästen zuwandte, gesellte sich stattdessen Lukas zu uns. Das neue Schuljahr hat ja kürzlich begonnen, und ich fragte ihn, ob er neue Lehrer bekommen hätte, und wie es ihm im Unterricht so erginge.
Er erzählte, er habe einen Wahlkurs Elektronik belegt. Carsten war natürlich sofort wachsam. Aber er hätte ganz beruhigt sein können. Ich mache keine Witze mehr über Löcher, die Elektronen anziehen und Elektronen, die in Löchern herumtunneln.
Stattdessen fragte ich Lukas, welche Themen bereits behandelt worden wären, und wie es ihm gefiele.
Er berichtete, dass sie mit Ohm’schen Widerständen begonnen hätten, und dass er jetzt den Farbcode auswendig lernen müsse.
Hilfsbereit wie ich bin, fragte ich Carsten, ob ich Lukas eine mnemotechnische Hilfe, auch Eselsbrücke genannt, geben dürfe.
Carsten lachte: „Lieber nicht, Süße. Ich kenne diese Sprüche doch auch. Aber du kannst das ja mit Sonja abklären.“ Er wusste genau, dass ich das nicht tun würde.
Lukas dagegen sah etwas verwirrt aus. Aber Carsten wechselte geschickt das Thema und fragte ihn nach seinen anderen Fächern.

Irgendwie kamen wir dann darauf, dass Lukas als Klassenlektüre „Homo Faber“ lesen muss. Das gleiche wurde mir in der Schule auch angetan. Der Protagonist ist angeblich ein rationaler Mensch (was ich absolut nicht bestätigen kann; ein wirklich rationaler Mensch würde z.B. nie einer Zufallsbekanntschaft spontan einen Heiratsantrag machen), der – ohne es zu wissen – ein inzestuöses Verhältnis mit seiner Tochter beginnt. Ist das ein angemessenes Thema für Elftklässler? Aber bitte, ist mir egal.
Sonja, ihres Zeichens ja Deutschlehrerin, hatte wohl mitbekommen, worüber wir uns unterhielten, und trat wieder zu uns. Wir diskutierten dann noch über die Interpretation literarischer Texte (die typische Schulaufgabenfrage nach der Intention des Autors – und die immer richtige Antwort: „Belehren und unterhalten“, die aber noch detaillierter aufgearbeitet werden muss). Und schon zu meiner Schulzeit drängte sich mir die Frage auf: Warum schreiben die Autoren nicht einfach, was sie meinen, anstatt Generationen unschuldiger Schüler dazu zu verdonnern, sich irgendwelche tiefschürfende Ideen dazu aus den Fingern zu saugen? Wobei ich sicher bin, dass die Autoren sich wirklich nur einen winzigen Bruchteil – wenn überhaupt – dieser Gedanken gemacht haben, die ihnen von Schülern und Lehrern unterstellt werden. BTW, dieses Blog ist anders. Ich schreibe, genau das, was ich meine (von meinen versteckten Anspielungen mal abgesehen).

Carsten und ich verabschiedeten uns schon ziemlich früh von der Party. Aber wir wollten ja auch noch etwas vom Abend haben. 😉

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Über breakpoint AKA Anne Nühm

Die Programmierschlampe.
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7 Antworten zu Zweihundertsiebenundvierzig

  1. ednong schreibt:

    Du schreibst also alles so wie du es meinst. Aha. Welche mnemotechnische Hilfe wäre das denn gewesen?

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    • breakpoint schreibt:

      Zu deinem ersten Satz: Äh, ja, .. sh. mein neuester Eintrag.

      Und du willst wirklich die Eselsbrücke lesen, mit der wir damals als Erstsemester gleich auf den Rest des Studiums eingestimmt wurden?

      Da geht es um die ca. vier farbigen Ringe um die kleinen einlötbaren elektrischen Widerstände. Aus den Farben dieser Ringe kann man den Ohm’schen Widerstand erschließen.

      Bad – black – schwarz – 0
      boys – brown – braun – 1
      rape – red – rot – 2
      only – orange – orange – 3
      young – yellow – gelb – 4
      girls. – green – grün – 5
      But – blue – blau – 8
      virgins – violet – violett – 7
      give – gray – grau – 8
      willingly. – white – weiß – 9

      Sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt!

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      • ednong schreibt:

        LOL – also das ist ja geil. Kannte ich noch nicht. Wir haben das damals eher harmlos gelernt.

        Ich glaube, du hättest das arme Kind völlig verstört, wenn Carsten eingestimmt hätte.

        Außerdem sind es 5 Ringe — allerdings zeigt der letzte die Toleranz an.

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        • breakpoint schreibt:

          Tja, in die Lehrpläne der Schulen wird das nachvollziehbaren Gründen nicht aufgenommen. Aber den Studenten einschlägiger Fächer kann man’s schon zumuten.

          Oh, ich weiß, warum ich nicht spontan damit herausgeplatzt bin. Und Carsten weiß, warum er lieber das Thema wechselte.

          Am häufigsten sind schon vier Ringe. Die mit fünf (oder gar sechs) Ringen sind wohl eine andere Preisklasse. Und zu sehr ins Detail gehen (z.B. gibt es auch silberne und goldene Ringe) wollte ich denn auch nicht.

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  2. breakpoint schreibt:

    FünfhundertneunzehnEigentlich waren wir gestern zur Geburtstagsfeier meiner Schwägerin Sonja eingeladen gewesen. Aber da ich so gar keine Lust auf Party hatte, sagte Carsten ihr kurzfristg und ohne Begründung ab.

    Mein BMI rutscht immer weiter ab, und meine Kleider beg…

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  3. Pingback: Fünfhundertneunzehn | breakpoint

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