Rücken ohne Entzücken beim Bücken //2172

Es begab sich, als 12 oder 13 Jahre alt war, dass ich wochenlang ziemliche Rückenschmerzen hatte. Schließlich ging meine Mutter mit mir zum Hausarzt deswegen. Der wusste nicht weiter, und überwies mich an einen Orthopäden.
Da in unserer Kreisstadt kein Orthopäde praktizierte, mussten wir dazu in die nächstgrößere Stadt im angrenzenden Landkreis. Wir hatten ja kein Telefon, so dass die Arzthelferin des Hausarztes einen Termin für mich ausmachte.
Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, aber es muss wohl in den Ferien gewesen sein. Außerdem muss mein Vater Urlaub gehabt haben, denn er fuhr uns hin. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln wären wir da nicht mit akzeptablem Zeitaufwand hingekommen. Sabine war auch dabei. Wir nutzen die Fahrt dann gleich für einen Familienausflug (wenn ich mich nicht sehr irre, war das damals mein erster Kinobesuch – bei uns daheim gab es ja kein Kino).

[Exkurs:
In meinem Heimatstädtchen gab es während meiner Kindheit zwei Allgemeinärzte. Später kam noch ein dritter hinzu. Es gab zwei Zahnärzte, bis einer starb. Erst nach länger Zeit wurde wieder ein anderer Zahnarzt ansässig.
In unserer Kreisstadt gab es (mindestens) zwei Augenärzte und einen Hautarzt. Das weiß ich, weil ich auf meinem Schulweg an den Praxen vorbeikam. Außerdem gab es einen HNO-Arzt und angeblich je einen Kinder- und Frauenarzt. Aber das habe ich nur vom Hörensagen erfahren. Immerhin gab es ein Krankenhaus.
In der nächstgelegenen, großen Kreisstadt gab es den Orthopäden und einen Internisten (weiß ich, weil ein Verwandter mal hinmusste).
Für speziellere Fachärzte musste man wohl noch weiter. Vage erinnere ich mich, dass Bekannte mal von Besuchen bei einem Urologen bzw. Neurologen erzählten, und dafür bis in die nächste Großstadt fahren mussten. Andere Fachärzte weiß ich nicht.
In den letzten Jahren, seit ich nicht mehr in der alten Heimat lebe, sind dort wohl mehr Ärzte abgewandert oder haben sich zur Ruhe gesetzt, als neu hinzugekommen. Das ist schon ein Riesenunterschied zu $NichtImSauerland, wo es praktisch für jedes medizinische Fachgebiet sogar mindestens eine eigene Klinik gibt.]

Wie auch immer – meine Erinnerungen sind lückenhaft – der Orthopäde drückte mir ein wenig an meiner Wirbelsäule herum. Ich hatte zu dieser Zeit gerade erst angefangen, einen <BH| zu tragen (der mir nicht wirklich nicht gut passte) und fühlte mich entsprechend unsicher. Dann schickte mich der Orthopäde zum Röntgen und diagnostizierte anhand der Aufnahmen eine beginnende Skoliose.
Er gab meiner Mutter einen Zettel mit, auf dem mehrere gymnastische Übungen beschrieben waren, die ich machen sollte. Das war – wenn ich mich nicht sehr täusche – alles.
Ich habe nie welche von den Übungen gemacht. Dem Orthopäden hätte es klar sein müssen, dass ich gerade „im Wachsen“ war (und ich wuchs damals offenbar außergewöhnlich schnell). Da kann es (vorrübergehend) schon mal zu solchen Ungleichmäßigkeiten kommen. Ob Röntgenaufnahmen aufgrund der Symptomatik tatsächlich indiziert waren, darüber kann man geteilter Meinung sein.

Irgendwann fiel mir dann auf, dass ich – wenn ich z.B. mit Schulkameradinnen unterwegs war – mich immer zu ihnen herunterbeugte, um mich mit ihnen zu unterhalten. Dabei nahm ich wohl eine ungünstige Haltung an, die dann auf Dauer Rückenschmerzen verursachte.
Ich gewöhnte mir also eine gerade und aufrechte Haltung an. Dadurch wirkte mein Gang selbstbewusster, als ich damals war. Ich nahm in Kauf, dass andere zu mir aufsehen mussten.
Tja – und ich bekam wohl in meiner Heimatstadt den Ruf, arrogant und eingebildet zu sein – auch weil ich zu schüchtern war, mir fremde Menschen zu grüßen. Meine Mutter hatte mir gesagt, dass ich Touristen optional grüßen könne, Leute, die ich kenne, aber grüßen müsse. Da ich aufgrund meiner Gesichtsblindheit aber fast niemanden kannte (und meistens sowieso in Gedanken versunken war), grüßte ich folglich auch Leute nicht, die mich kannten.
Ich erinnere mich, dass meine Mutter mich mehrmals ermahnte, es hätte Beschwerden gegeben und ich solle doch die Leute ordentlich grüßen, und mich ihnen gegenüber nicht so hochnäsig zu benehmen. Aber was sollte ich machen? Ich traute mich einfach nicht, mir unbekannte Personen anzusprechen.

Seither hatte ich keine nennenswerten Rückenprobleme mehr. In meinem Umfeld kann ich es mir erlauben, aufrecht zu gehen. High Heels trage ich nur noch bei geeigneten Anlässen oder mit dem passenden Begleiter.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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8 Antworten zu Rücken ohne Entzücken beim Bücken //2172

  1. blindfoldedwoman schreibt:

    Gerade grosse Menschen sollten auf ihre Haltung achten, da sie anfälliger für Rückenprobleme sind.
    In Gedanken und gesichtsblind kann ich gut nachvollziehen. Da gibt es immer mal wieder Beschwerden. „Du hast doch zu uns hingesehen“.

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  2. Jezek1 schreibt:

    Ich sollte in meiner Kindheit dringend Schuheinlagen tragen, sonst würde es mit mir ein übles Ende nehmen (meinte mein Orthopäde). Nach einem halben Jahr vergaß ich die Dinger; leben aber heute noch. die angedrohten Spätfolgen ab 40 wollen sich einfach nicht einstellen.

    Ich denke, jeder Generation wird ein neuer Floh ins Ohr gesetzt. Heute sollte jeder seine Allergie und seine Unverträglichkeit kennen, damit er bei der nächsten Party mitreden kann. Ich kenne meine leider nicht, und habe daher auch zu schweigen 🙂

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  3. Plietsche Jung schreibt:

    Wächst sich alles zurecht. Passt schon… 😊

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