Erde zu Erde //1983

Ein Bruder meiner Mutter ist gestorben. Da wir früher hin und wieder bei ihm zu Besuch auf dem Dorfe waren, erschien es mir geboten, am Nachmittag zur Trauerfeier in die alte Heimat anzureisen. Wirklich gut habe ich ihn nicht gekannt, aber immerhin war er mein Onkel. Sein Tod kam nicht überraschend. Er war schon länger krank gewesen.

Ich fragte Carsten, ob ich das Auto nehmen könne, denn mit öffentlichen Verkehrsmitteln muss ich mehrfach umsteigen, und wäre viel länger unterwegs – insbesondere beim Rückweg.
„Geht klar. Ich kann so disponieren, dass ich den Wagen an diesem Tag nicht unbedingt brauche. Soll ich mitkommen?“
„Du hast doch dringende Termine, die wichtiger sind.“
„Wenn du mich brauchst, dann hat das Priorität.“
„Ach, tatsächlich?“, fragte ich überrascht.
„Aber sicher doch, Anny.“
„Danke. Aber das ist nicht notwendig. Ich komme schon zurecht. Sabine geht auch alleine hin.“
„Wie du willst.“

Zur Trauerfeier in der Dorfkirche kam ich gerade pünktlich. Als ich meine Eltern und Sabine in den vorderen Reihen sitzen sah, setzte ich mich daneben. Ich trug einen schwarzen Rock und eine graue Bluse, die eigentlich nicht zusammenpassten, sowie meine dunkelbraune Winterjacke (fast zu warm), aber sonst bevorzuge ich farbenfrohere Kleidung. Der Friedhof grenzt gleich an die Kirche an, so dass keine längere Trauerprozession nötig war. Ich war nicht die einzige, die ein schwarzes Kopftuch aufgesetzt hatte.
Anschließend ging es dann zum Leichenschmaus mit Kaffee und belegten Broten oder trockenem Kuchen.

Meine Mutter nutzte die Gelegenheit, um Verwandte, die sie lange nicht gesehen hatte, auf den neuesten Stand zu bringen:
„Unner Mädlich, die sinn ja jetz ah alle zwee verheiert. Unner Sabine, die hat vier so liebe Kinner. [..] Der Dafidd, des issder enn ganz enn Wilder. Der gedd jedz ah scho nei die Schul nei. Und die Grisdina, die Klennst, die is so ä häddzichs Menschle [..] Der Sabine ihr Moo, der Dorsden, der macht ja alles für sie und die Kinner. Ah wenn bei uns ämol äbbes kabudd is, dann kümmter gleich und rebariert’s. Erst noilich, do hadder uns drei Ster Holz ghaggt. Mir selber sinnjo ald und könne hald ah nimmer so richdich. Des Holz, des is ja so doier worn. Obber bloß mit Kohle ällens kommer hald ah nedd geheiz. [..] Unner Anne, naja, die wohnt jetz in $NichtImSauerland. Ihr Moo is halt so viel älter als sie, und mit Kinner hat’s halt nimmer geklabbt. Die Anne is ja jetz ah scho vierzich. Ich wess gor nedd, wos der ihr Moo so richdich ärbedd, obber die Anne, die verdient ja selber gud. Die wor ja scho immer so gscheid. Die is jetz sogar ä Doggderre. Der ihr Moo wor enn Widdmoo mit zwee grosse Kinner. Unner Anne hädd sicher enn bessere gefinn geköh – so ä schüe Weißbill – obber die wor halt scho immer so eiche. Die hadd ah fürone nie enn Froind ghobbd. Jedz musse hald selber geseh, wie se zurecht gekümmt mir ihrm Moo. Ich konnerre do nedd gehölf.“
Sabine saß genauso mit verdrehten Augen dabei wie ich, während unser Vater die Tirade nickend bestätigte.
Dann drehte das Gesprächsthema zum Augenarzt der Kreisstadt, der sich demnächst zur Ruhe setzen wollte. Und ich erhielt den Vorschlag von Verwandten, mich dann an seiner Stelle niederzulassen, damit ich wieder daheim sein könne.
So sehr bin ich schon lange nicht mehr gedemütigt und beleidigt worden! Mich mit einem Arzt zu vergleichen! Ich zählte in Gedanken bis zur digitalen Vier, lächelte und sagte lediglich, das sei nicht möglich. Eine längere Erklärung wäre auf den denkbar unfruchtbarsten Boden gefallen.

Wenig später traf der Pfarrer, der den Trauergottesdienst gehalten hatte, ein. Die Trauernden waren sich einig, dass er in seiner Ansprache so schöne Worte über den Verstorbenen gefunden hatte.
Als er sich ausgerechnet neben meine Mutter setzte, ließ diese es sich nicht nehmen, ihre Darstellung noch einmal fast wortwörtlich (aber hörbar bemüht um größere Konformität mit der Schriftsprache) zu wiederholen, was ich im folgenden als Übersetzung (Deutsch ist nun mal nicht meine Muttersprache) wiedergebe:
„Unsere Töchter sind jetzt beide verheiratet. Sabine hat vier liebe Kinder. [..] David ist ein ganz Wilder. Er geht jetzt auch in die Schule. Und Kristina, die Kleinste, ist so ein herziges Menschlein. [..] Sabine’s Mann Thorsten macht alles für sie und die Kinder. Auch wenn bei uns irgendetwas kaputt ist, kommt er gleich und repariert es. Erst neulich hat er uns drei Ster Holz gehackt. Wir selbst sind ja alt und können halt auch nicht mehr so richtig. Holz ist ja so teuer geworden, aber nur mit Kohle allein kann man halt auch nicht heizen. [..] Anne wohnt jetzt in $NichtImSauerland. Ihr Mann ist viel älter als sie, und mit Kindern hat es nicht mehr geklappt. Anne ist ja jetzt auch schon vierzig. Ich weiß nicht, was genau ihr Mann arbeitet, aber Anne verdient ja selbst gut. Sie war ja immer schon so gescheit. Sie ist jetzt sogar eine Doktorin. Ihr Mann war ein Witwer mit zwei großen Kindern. Anne hätte sicher einen besseren finden können – so eine schöne Frau – aber sie war halt schon immer so eigenwillig|eigenbrötlerisch|eigenartig|nerdig. Sie hat auch vorher nie einen Freund gehabt. Jetzt muss sie halt selbst sehen, wie sie mit ihrem Mann zurechtkommt. Ich kann ihr dabei nicht helfen.“
Der Pfarrer erwiderte salbungsvoll etwas, dass „unser aller Herr in seiner unendlichen Weisheit und Güte“ .. blablabla.
Unvermittelt brach meine Mutter dann plötzlich in Tränen aus, weil ihr Bruder ja so „enn guder Käll“ gewesen war.
Der Pfarrer beruhigte sie, dass sie ihn ja „im ewigen Paradiese“ wiedersehen würde.
Die Umsitzenden nickten, und einer stellte die Frage in den Kreis, wer wohl von den Anwesenden der nächste sein würde, der seine „letzte Reise antritt“.

Als ich mich auf dem Heimweg machte, war es noch hell. Ich hatte mit Carsten vereinbart, dass ich noch kurz in der Firma vorbeischaue, von wo aus wir dann beide zurück in die Wohnung fahren wollten.
Es tat mir so gut, dass er mich erst mal in den Arm nahm, mich fest an sich drückte und emphatisch küsste, bevor ich dazu kam, Grüße von meiner Verwandtschaft auszurichten.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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22 Antworten zu Erde zu Erde //1983

  1. Talianna schreibt:

    Autsch. Das ist aber wirklich eine schwer zu ertragende Tirade, und dann auch noch unterstellter Dr. med. …

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  2. claudius2016 schreibt:

    Naja, dass ein Dr. was anderes sein kann als ein Arzt, ist wohl in großen Teilen der Bevölkerung nicht bekannt. Das ist wohl einfach so…

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  3. blindfoldedwoman schreibt:

    Waren Deine Eltern denn noch nie im Betrieb?
    Nach so vielen Jahren müßten sie doch wissen, was ihr beide arbeitet.

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  4. transomat schreibt:

    Oh mein Gott, wie ich das kenne.
    Komisch ist nur, je älter man wird um so fröhlicher werden solche Veranstaltungen.

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  5. ednong schreibt:

    Ster? Weißbill? Ansonsten alles verständlich, sofern ich es niedergeschrieben sehe. Aber wenn es erstmal mit dem gewöhnlichen Tempo ausgesprochen wird, bin ich hilflos verloren …
    Und klar, lad deine Eltern ruhig mal zu einem Tag der offenen Tür ein. Würde ich ihnen aber als Überraschung verkaufen und nichts vorher zum Ablauf des Tages sagen. Und anschließend noch durch die Stadt bummeln und Essen gehen.

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  6. Plietsche Jung schreibt:

    Das Schöne daran ist, dass wir alle einmal so werden.
    Wenn nicht, bekommen wir bestimmt Demenz.

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  7. Pingback: Unpraktikabel //1990 | breakpoint

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