Elfhundertfünfundachtzig

Als Kind konnte ich nicht verstehen, warum mein Vater es ablehnte, ein Telefon anzuschaffen. Er sagte, dass ihn das schon immer bei der Arbeit störe, wenn es immer wieder klingle und ihn so ablenke. Deshalb wollte er zumindest daheim vom Telefongeklingel verschont bleiben.
So hatten wir – im Gegensatz zu allen anderen meiner Schulkameraden – kein Telefon. Ich fühlte mich dadurch schon ziemlich von der Welt abgeschnitten.
Wenn wir selbst einmal telefonieren mussten, nutzten wir eine Telefonzelle. Wollte uns jemand dringend erreichen, konnte er nur bei einer Nachbarin anrufen, die das einigermaßen gelassen duldete, da dies wirklich nur selten geschah.
Erst als ich begann zu studieren, und deshalb in eine andere Stadt zog, legten sich meine Eltern einen Telefonanschluss zu.

Inzwischen kann ich die Einstellung meines Vaters gut nachvollziehen. Mir geht es ähnlich. Das Telefon klingelt immer gerade dann, wenn man es am wenigsten gebrauchen kann.
Da bin ich in meine Arbeit vertieft, klingelt es, und reißt mich aus meinen Gedanken und meinem Flow. Dann ist es oft etwas völlig unwichtiges, irgendein Cold Call (wenn ich’s recht bedenke, kamen solche schon lange nicht mehr) oder sonstiger Werbeanruf.
Auch der Kunde, der nachts um drei aus den USA anruft, ist nicht wirklich willkommen.
Oder ich bin gerade anderweitig beschäftigt, habe die Hände voll. Bis ich ans Telefon komme, ist bereits wieder aufgelegt. Oder es ist ein Kunde dran, der dringende Daten braucht. Aber da mein Rechner gerade aus ist, kann ich nicht darauf zugreifen. Für so etwas sind Mails da!
Die kann ich ganz entspannt bearbeiten, wenn ich dafür Zeit und Ruhe habe, und muss nicht spontan etwas äußern, was ich – hätte ich etwas Bedenkzeit gehabt – viel fundierter hätte ausdrücken können.
Ich kann es nicht verstehen, dass viele Leute freiwillig ein Handy mit sich herumtragen, und so non-stop erreichbar sind. Zumindest wenn ich unterwegs bin, will ich nicht noch angeklingelt werden.

In der anderen Richtung sind Anrufe genauso nervig. Da lege ich mir zurecht, was ich sagen will, aber an der anderen Seite geht niemand ran, oder es ist besetzt.
Schlimmer noch sind Anrufbeantwortet, auf die ich etwas sprechen soll. Wenn ich dann um Rückruf bitte, bin ich dann vermutlich selbst gerade nicht erreichbar, wenn der Rückruf erfolgt (sh. oben), oder ich bin schlicht nicht auf’s Telefonieren eingestimmt, bzw. nicht darauf vorbereitet.
Furchtbar sind auch Warteschlangen (z.B. bei Support-Hotlines). Erst muss man ein paar Tasten drücken, um durchgestellt zu werden, dann minutenlange nervige Musik. Dann – endlich – darf man einem Sachbearbeiter sein Problem schildern. Der leitet dann an einen Kollegen weiter. Nochmal Warteschlange. Nochmal das gleiche erklären .. puh! Schrecklich!

Mittlerweile habe ich eine richtige Aversion gegen das Telefonieren entwickelt, so dass ich beispielsweise das Ausmachen eines Termins beim Zahnarzt immer wieder vor mir herschiebe, obwohl das vergleichsweise harmlos ist.

Vielleicht liegt es daran, dass telefonieren mir in meiner Jugend nicht selbstverständlich war. Ich habe mich nie richtig daran gewöhnen können. Und später standen dann den positiven Telefonerlebnissen vergleichsweise viele negative gegenüber.

Mit Carsten telefoniere ich auch nur selten. Entweder machen wir vorher eine ungefähre Zeit aus, und ich sehe ja dann seine Nummer auf dem Display. Oder es ist etwas wirklich Dringendes und Wichtiges.

PS: Ja, ich weiß, dass man zeitlich begrenzte Klingelsperren einrichten kann, oder einzelne Rufnummern sperren, und so weiter. Das ist mir alles bekannt. Es mindert das Problem zwar, löst es aber nicht.

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Über breakpoint AKA Anne Nühm

Die Programmierschlampe.
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26 Antworten zu Elfhundertfünfundachtzig

  1. Leser schreibt:

    Interessant, was so eine frühkindliche Prägung da alles ausmachen kann. Bei mir ist das genau gegenteilig gelaufen:
    Mein Vater war damals beruflich in diesem Bereich tätig. So hatten wir schon in den 80ern zwei Nummern, eine private und eine geschäftliche. Dann kam irgendwann noch eine dritte fürs Fax hinzu, und außerdem war unser Haus das erste, was dann in den 90ern einen ISDN-Anschluss bekommen hat. Ein Autotelefon, obwohl nicht unbedingt „standesgemäß“ für die damalige Zeit (wir gehörten nie zu den „oberen Zehntausen“), war auch immer im Familienkombi vorhanden (außer, es stand gerade ein Modellwechsel – des Telefons, nicht des Autos – an, und es war noch nicht eingebaut). Ab den frühen 90ern dann auch die ersten (GSM-)Handys und „portables“ in Koffergröße (davor waren die zu groß und zu schwer zum Rumschleppen). So bin ich mit der Technologie „Telefon“ aufgewachsen (bzw. einem Urahn dessen, was wir heute haben), und folglich hat es mich nie gestört, angerufen zu werden, oder wo anzurufen, bzw. mit jemandem zu telefonieren. Ich kann mich auch an „stundenlange“ Telefonate erinnern (wirklich so 4-5 Stunden), die gelegentlich einmal vorkommen. Als es vor 15 Jahren zum ersten mal das Angebot der Telekom gab, am Wochenende kostenlos ins deutsche Festnetz zu telefonieren, habe ich damals auch exzessiv Gebrauch davon gemacht.
    Und doch hänge ich nicht dauernd am Handy, denn ich weiß sehr wohl, wann ich es einfach sein lasse (und so oft werde ich zum Glück nicht angerufen).
    Das einzige, was wirklich nervt, ist, wenn man jemanden unbedingt erreichen will, und dort geht niemand ran, oder nur der AB oder so.

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    • Ja, siehst du, da haben wir in unserer Kindheit/Jugend völlig entgegengesetzte Erfahrungen gemacht.
      Ich hätte damals manchmal auch gerne mit Freundinnen telefoniert. Es gab aber diese Option nicht.
      Und inzwischen schätze ich dafür Mail-Kommunikation viel mehr (was es früher natürlich erst recht nicht gab).

      Ich hoffe, dass dieser Eintrag die Frage ausreichend beantwortet, warum ich nicht telefonieren mag, auf die wir kürzlich in einer Diskussion gekommen sind.

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  2. Irenicus schreibt:

    Ich finde Telefone auch eher nervig (und wir hatten in den ersten acht jahren meiner Kindheit auch keins. Mein Handy trage ich trotzdem überall mit mir rum, einfach weil es manchmal extrem praktisch ist, noch mal schnell anzurufen, wo man sich eigentlich trifft, oder ähnliches.
    Trotzdem hasse ich es, wenn ich einen Kunden anrufen muss, und schreibe lieber 10 Emails, statt einmal zum Telefon zugreifen. Selbst Freunde anzurufen um mich mit ihnen zu verabreden fällt mir ungeheuer schwer, während mir eine sms überhaupt keine Probleme macht. Ich weiß, dass das (teilweise auch einfach) irrationale Abneigung ist, und zwinge mich teilweise dazu, sie zu ignorieren.

    Was mich aber noch wirklich nervt, ist das ständige Benutzen von smartphones bei einigen Freunden. Egal was wir machen, Film gucken, in der Kneipe sitzen udn reden, Poker spielen… ständig hat irgendwer ein Smartphone in der Hand um darauf irgendeinen Schwachsinn anzuschauen. Meiner Freundin musste ich es praktisch „verbieten“ in meiner Gegenwart ihr Smartphone zu benutzen.

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    • Ja, da geht es dir so ähnlich wie mir.

      Telefongespräche empfinde ich als noch schwieriger als (manchmal) persönliche Gespräche, bei denen es wenigstens noch Rückmeldungen in Form von Mimik und Gestik gibt (klar, es gibt Bildtelefone, aber der Anrufer braucht mich nicht unbedingt mit verwurschtelten Haaren zu sehen).
      Da lobe ich mir die asynchrone Kommunikation über Mail, die es mir erlaubt, selbst die Zeit zu bestimmen, wann ich reagiere.

      Ich muss gestehen, dass ich SMS gar nicht in meinem Kommunikationsrepertoire habe. Brauch‘ ich einfach nicht.

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  3. ednong schreibt:

    Diese jungschen Leut‘ immer 😉
    Damals (TM) war ein Telefon noch richtig teuer und man hatte so wunderschöne Taktuhren für die Berechnung der Gesprächsgebühren am Telefon stehen. Und es ewig gedauert, bis man von der Deutschen Bundespost dann den beantragten Anschluß bekam. Und es gab noch Wählscheiben *seufz*

    Mein Handy nutze ich ausschließlich. Und die Nummer ist auch den Kunden bekannt. Die können und dürfen jederzeit anrufen – schlafe ich oder bin aus anderen Gründen nicht in der Lage, ans Telefon zu gehen, gehe ich auch nicht. Auch das wissen sie, ebenso, dass das Telefon auf still steht, wenn ich schlafe. Also keine Gefahr besteht, mich zu wecken.

    Und ob ich ans Telefon gehe oder nicht – die Hoheit liegt doch noch weiterhin bei mir. Man muß sie nur nutzen. Und ablenken lasse ich mich nicht – es sei denn, ich suche nach Ablenkung 😉

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  4. Jezek1 schreibt:

    Der wahre Luxus ist doch einfach mal nicht erreichbar zu sein. Und die wirklich wichtigen Leute haben kein Handy; maximal läuft einer hinterher und macht die Telefonate für einen. Oder hat jemand schon mal den Papst mit einem iPhone in der Hand gesehen?

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  5. baerlinerinn schreibt:

    …da sagst du was! Privat HASSE ich telefonieren. Ich habe keinen Festnetz-Anschluss, nur mobil. Und daran hänge ich auch. Whatsapp, EMails checken, Google, Facebook, Instagram. Das war’s. Im Aussendienst immer unterwegs und dennoch in Kontakt zu Freunden und Familie. Aber telefonieren? Fehlanzeige. … Beruflich sehr gern und ein Muss. Privat sehe ich keine Veranlassung, Minuten oder Stunden zum Quatscjen zu vertrödeln, wenn’s persönlich oder schnell mal über andere Kanäle geht. … Mein Telefon klingelt vielleicht 2 x im Monat. Ruft mich gar eine unbekannte Nummer an, gehe ich sowieso nicht ran. Ich habe ebenfalls keine Erklärung, warum ich diese typische Frauen-Eigenschaft des Ratschens am Telefon nicht vorweisen kann. 😉 Mußte aber schmunzeln, weil sich meine Geschichte der Deinen ähnelt. Im Ostteil Berlins aufgewachsen hatten nur die Wenigstens Telefonanschluss. Bis ich 14 war, kannte ich Telefone nur von dem einen Grosseltern-Paar und wenn wir telefonieren mussten, dann mal kurz vom Nachbarn aus oder natürlich von besagten Telefonzellen aus. Und… es hat mir nicht geschadet. Ich finde es sogar heute noch befremdlich, warum Kinder schon Mobiltelefone haben müssen, wir konnten uns auch ohne verabreden und sogar wiederfinden auf überfüllten Plätzen. Einfach dahin zurück laufen, wo man sich zuletzt sah. 😉 … Das Klingeln selbst nervt mich auch. Du hast schon recht, wann immer man in eine Sache vertieft ist, ist ’s einfach nur nervig. Genau dann muss man, weil man hilfsbereit ist, noch eine andere Tätigkeit der gerade ausgeübten vorziehen und zack, hat der Anrufer sich in deinen Tagesplan geklinkt und herrscht über deine Zeit. Auch das Überrumpeln kann ich sehr gut nachvollziehen und reagiere oft auch zu impulsiv, was sich per Mail mit Bedenk- und Bearbeitungszeit hätte lösen können..:-/

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    • Ja, oft – nicht immer – ist telefonieren nur nervig.
      Aber irgendwie erleichtert es mich, zu hören, dass ich nicht das einzige Kind ohne Telefonzugang war.
      Obwohl – so richtig den Wunsch verspürt, zu telefonieren, hatte ich auch erst so im Teenager-Alter.
      So richtig entspannte Telefongespräche habe ich nur wenige geführt.

      Ach, ja, es lebe die gute, alte E-Mail!

      Und mit den Mobiltelefonen für Kinder gebe ich dir Recht. Die brauchen noch keine.

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  6. Molly L. schreibt:

    Menschen sind merkwürdig. Früher war ein Telefon die Krone der fortschrittlichen Kommunikationsschöpfung, heute meiden wir Telefonate, wo es nur geht, und kommunizieren (wieder) lieber schriftlich.

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