Plaisir-Blessiert //1968

Er fasste mich am Oberarm und versuchte, mich näher zu ziehen. Nach Kräften zerrte ich an meinem Arm, um ihn aus seinem Griff zu befreien. Vergeblich. Er zog mich näher, umschlang mich mich. Ich wand mich, bemühte mich zu entkommen. Ich griff nach seinen Armen, und versuchte, sie von mir wegzureißen.
Er packte mich fester und warf mich auf den Boden. Gleichzeitig drückte ich gegen seinen Oberkörper und stieß mich irgendwie von ihm ab. Vor meinen Augen invertierten sich erst einen Moment lang die Farben. Dann wurde es schwarz.

Als ich wieder zu mir kam, sah ich, dass er sich erschrocken und besorgt über mich beugte: „Anny! Was ist los? Geht’s wieder?“
„Was ist passiert?“, fragte ich, und versuchte, mich aufzusetzen. Mein Kopf brummte, so dass ich ihn gleich wieder zurücksinken ließ.
„Du bist mit dem Kopf gegen die Wand geknallt, warst mehrere Sekunden bewusstlos. Verdammt, Anny! Ich hatte solche Angst um dich, war kurz davor, einen Krankenwagen zu rufen.“
Ich fasste mit einer Hand zu meinem Kopf, wo es besonders weh tat, und zuckte bei er Berührung sofort zurück. An meinen Fingern klebte Blut.
„Du hast da eine ziemliche Schramme an der Schläfe. Aber ich glaube, die Blutung lässt bereits nach.“
„Sei so lieb, und hol mir einen nassen Waschlappen aus dem Bad“, bat ich ihn.
„Klar. Kannst du aufstehen?“
Er half mir hoch, ich legte mich erst mal auf das Sofa. Dann ging er ins Bad, holte den Waschlappen und Verbandsmaterial.

Eine halbe Stunde später war ich wieder soweit, dass ich alleine aufstehen konnte, ohne dass mir schwindelig wurde. Die Wunde war bereits trocken, so dass ich es ablehnte, ein Pflaster zu tragen. Jedoch ist diese riesige blutunterlaufene Beule nicht zu übersehen.
„Vielleicht solltest du doch in die Klinik, auch wenn die Wunde nicht genäht werden muss. Du könntest eine Gehirnerschütterung haben.“
Ich wollte den Kopf schütteln, unterließ es aber lieber, da mein Kopf empfindlich auf Bewegungen reagierte. Ich habe nun wirklich keine Lust, mich mit irgendwelchen neugierigen Ärzten und sensationslüsternem Klinikpersonal auseinandersetzen zu müssen.

Als wir am späten Abend aneinander geschmiegt im Bett lagen, meinte er: „Wir müssen in Zukunft vorsichtiger sein. Vielleicht sollten wir solche Rangeleien ganz lassen. Es hätte nicht viel gefehlt, und du wärst krankenhausreif gewesen. Und ich wohl im Gefängnis.“
„Wo kein Kläger, da kein Richter“, erwiderte ich, und unterschlug dabei, dass Körperverletzung ein Offizialdelikt sein kann. Da muss bloß mal so eine $WohlmeinendePerson auf die Idee kommen, eine Anzeige zu erstatten. Und mich eingeschüchterte, verängstigte Ehefrau, die eigentlich sogar getrennt von ihm lebt, nimmt niemand als Zeugin ernst.
Ich möchte nicht auf unsere gelegentlichen Pläsierchen verzichten. Ich spüre doch so gerne seine überwältigende Kraft und überlegen-männliche Stärke. Niemand von uns legt es darauf an, dem anderen weh zu tun. Das passiert zwar versehentlich mal, sind aber nur unbeabsichtigte Seiteneffekte mit eventuellen Kollateralschäden. Meistens geht’s ja gut. Wie sonst kann man am eigenen Leib die Philosophiae Naturalis Principia Mathematica erspüren. Ich fühle mich dabei unübertrefflich lebendig, körperlich, weiblich.

Jetzt wisst ihr, warum ich heute (und voraussichtlich auch morgen) nicht im Büro bin. Und falls ich mal aus dem Haus muss, um etwas einzukaufen, werde ich mir ein Kopftuch aufsetzen, und so binden, dass es die Schramme verdeckt.
Mein Kopf tut schon noch etwas weh, aber nicht so sehr, dass ich irgendwelche Medikamente dagegen nehmen würde. Und daheim habe ich sicherlich mehr Ruhe als im Büro.
Die Dev Spec kann ich genauso gut daheim lesen, sonst liegt nichts dringendes an. Einen Termin für ein Mitarbeitergespräch habe ich auf nächste Woche verschoben. Bei den anderen angesetzten Besprechungen ist meine Anwesenheit nicht zwingend erforderlich. Meine Mitarbeiter können mich per Mail erreichen, falls es ihnen notwendig erscheint.
Dann ist Wochenende, und bis Montag ist die Schramme hoffentlich soweit verblasst, dass ich mich wieder unter Menschen trauen kann, wenn ich die Haare ein wenig drüber fallen lasse. Spätestens am Dienstag habe ich einen Termin, den ich nicht so einfach verschieben kann.

Ich wünschte mir wirklich eine Welt, in der jeder herumlaufen kann, wie er will, ohne dass sich fremde Leute einmischen in Dinge, die sie gar nichts angehen. Kann man nicht einfach in Ruhe und unbehelligt sein eigenes Leben leben?

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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15 Antworten zu Plaisir-Blessiert //1968

  1. blindfoldedwoman schreibt:

    Ist doch nicht so schlimm. Passiert halt beim raufen.

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  2. Elle schreibt:

    Guten Morgen,

    ich bin ganz Ihrer Meinung, dass andere Leute einem nicht in die persönliche Lebensführung hineinreden sollten – solange (!) – das oben geschilderte auf freiwilliger Basis passiert.
    Aber ab wann reagiert man, wenn wiederholt Verletzungen sichtbar sind, die vielleicht auch durch Schläge entstanden sein können? Wo ist die Grenze zwischen dem Respekt vor der Privatsphäre und Ignoranz gegenüber einem möglichen Opfer?

    Die Frage kann nicht allgemein, sondern meiner Meinung nach nur situativ beantwortet werden.
    Ich würde nicht direkt zur Polizei marschieren, sondern möglichst diskret dem oder der Verletzten sagen, dass ich zur Hilfe bereit wäre, sofern sie gewünscht wird oder erforderlich ist.
    Und noch als kleine halbe off-Topic-Ergänzung: Bitte daran denken, dass auch Männer geschlagen werden können, pauschal nur von Frauen als Opfer auszugehen ist zu kurz gegriffen (in der Mehrheit der Fälle wird aber die klassische Rollenverteilung greifen).

    Viele Grüße
    Elle

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  3. Little Lotta schreibt:

    Die Ärzte haben bestimmt Verständnis, wenn Du ihnen sagst, daß Ihr BDSM gemacht habe. Das kennen sie jetzt auch.

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  4. Pendolino70 schreibt:

    Die Gefahr, dass du wegen eines Sexunfalls in die Mühlen der Justiz gerät sind bestimmt bedeutend geringer als sich dabei schwerwiegende Verletzungen zu holen, die besser von Fachpersonen begutachtet oder behandelt werden sollten. Aber scheint alles gut zu sein.

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  5. Mia schreibt:

    Naja, eine fremde Person mit Blessuren im Gesicht oder sonstwo würde ich auch nicht darauf ansprechen. Das wäre mir schlichtweg egal
    Aber wenn eine mir gut bekannte Person mit sichtbaren Schürfwunden, extrem großen blauen Flecken oder anderen offensichtlichen Verletzungen begegnen würde, würde ich schon mal nachfragen, was passiert ist. An rohe Gewalt – verursacht von einer anderen Person – denkt man ja üblicherweise zuletzt.
    Wenn deine schadhafte Stelle am Kopf am Montag noch zu offensichtlich ist, kannst du dir notfalls mit Make up weiterhelfen. Das findet frau in jedem gut sortierten Kosmetikschrank. Hauptsache, es gibt keine allzu großen Folgeschäden.

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  6. Pingback: Le sacre du Twitter //2169 | breakpoint

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