Deep Cut //1869

Als ich eine Kuchenplatte oben aus dem Oberschrank in der Küche nehmen wollte, blieb die darunterliegende Glasplatte daran hängen, geriet ins Rutschen, fiel herunter, zerschellte an der Kante der Küchenspüle und fiel in etlichen Scherben auf den Boden.
Durch den Schreck und den Ärger über den Verlust der Glasplatte, die ich vor langer Zeit einmal von einer inzwischen längst verstorbenen Verwandten geschenkt bekommen hatte, und die deshalb Erinnerungswert für mich gehabt hatte, realisierte ich erst beim Hinunterschauen, dass eine der Scherben mein linkes Knie außen über eine Länge von gut drei Zentimeter aufgeschnitten hatte, so dass das Blut meinen Unterschenkel hinunterlief und auf den Boden tropfte.
Ich humpelte ins Bad, um die Schnittverletzung notdürftig zu verbinden, bevor ich mich daran machte, die Scherben aufzukehren und das Blut aufzuwischen.

Als zwei Stunden später die Blutung immer noch nicht nachgelassen hatte, zeigte ich Carsten, der mittlerweile heimgekommen war, die Verletzung.
„Das muss genäht werden“, meinte er, „mach dich fertig, ich fahr‘ dich zur Chirurgischen Klinik.“

Er fuhr mich dann direkt zum Eingang, drängte mir sein Handy auf mit der Order, ihn anzurufen, wenn ich fertig sei, damit er mich wieder abholen könne.
Wenigstens hatte ich daran gedacht, ein Fachbuch mitzunehmen, so dass ich lesen konnte, während ich in der Notfallambulanz wartete.

Der Arzt lobte, dass der Schnitt so schön glatt sei (kein Wunder, wenn eine große Glasscherbe senkrecht nach unten fällt, und dabei entlang der Haut schneidet). Während die Lokalanästhesie zu wirken begann, erklärte er, dass er dafür einen besonders dünnen Faden nehmen würde, damit „auf einem so schönen Bein keine hässliche Narbe bleibt“. Was soll der Schmus? Er soll seinen Job machen, und nicht so unprofessionell herumreden.
Als ich nicht reagierte, versuchte er weiterhin Smalltalk zu halten, aber ich ging nicht darauf ein. So fragte er mich etwa, was ich beruflich mache, aber ich hatte nicht den Nerv, das einem Arzt zu erklären. Der soll sich lieber darauf konzentrieren, meine Haut ordentlich zusammenzuflicken. Und wieso sollte ich in allen Einzelheiten den Hergang des Unfalls schildern, wenn für ihn die Information, dass es ein sauberer Schnitt (meinetwegen durch eine Glasscherbe) ist, doch vollkommen ausreicht.

Als ich dann fertig war, ignorierte ich Carsten’s Anweisung, und ging zu Fuß heim. Die Blutung war ja inzwischen gestoppt. Richtige Schmerzen hatte ich nicht. Die Betäubung wirkte noch.
Auch jetzt tut der Schnitt nicht weh, spannt höchstens ein wenig unangenehm. Ich kann auch ganz normal laufen, und gedenke, meine Gänge wie üblich zu erledigen. Mit zusätzlichen Spaziergängen sollte ich mich allerdings vorläufig zurückhalten.
Der Verband ist scheußlich, so dass ich ausnahmsweise einen kniebedeckenden Rock angezogen habe. Ärgerlich, dass das ausgerechnet in der Minirockhochsaison geschehen musste! Andererseits wäre vielleicht gar nichts mit meinem Knie passiert, wenn ich einen längeren Rock getragen hätte.

In etwa zehn Tagen soll ich zu einem Arzt, um die Fäden ziehen zu lassen. Aber dafür suche ich bestimmt keinen Arzt auf. Das kann ich selbst (obwohl ich mich dafür schon ein wenig verrenken muss) mit meinem Manikürset. Das habe ich schließlich damals auch gemacht, als die Fäden nach Carsten’s Vasektomie gezogen werden mussten.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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32 Antworten zu Deep Cut //1869

  1. Plietsche Jung schreibt:

    Der Arzt muss ein bißchen fragen, um zu erfahren, ob es ein Arbeitsunfall war. So zum Beispiel. Wegen der BG.

    Fäden ziehen ist einfach, wenn man ein paar Dinge beachtet. Das schaffst du.
    Gute Besserung.

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  2. thrillerbraut schreibt:

    Ich denke, der Arzt wollte dich nur ablenken. Es gibt ja so Patienten, wie mich beispielsweise, die sind froh über alles, was nicht mit der Wunde zu tun hat. 😉
    Von daher könnte ich auch NIE selbst die Fäden ziehen. Da wäre ich auf dem Boden, noch bevor der Verband ab wäre.
    Als mein Mann mal einen Rad-Unfall hatte und Blut überströmt nach Hause kam, und auf keinen Fall ins Krankenhaus wollte, musste ich ja die Erst-Versorung machen. Mann, ich musste mich alle fünf Minuten aufs Bett legen, weil mir so schlecht war 😉
    Daher also: Respekt, dass du das so locker nimmst.

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    • Ablenkung? Hm ..
      Ich hatte kaum körperliche Schmerzen. Der Verlust meiner Glasplatte schmerzt mich weit mehr.
      Bei diesem Arzt habe ich die professionelle Distanz vermisst.

      Als Kind hatte ich häufig Nasenbluten. Deshalb kriege ich nicht gleich die Panik, wenn ich ein wenig Blut sehe.

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      • thrillerbraut schreibt:

        Viele Patienten empfinden das eben anders und ihnen würde die Menschlichkeit fehlen, wenn der Arzt sich nicht mit ihnen beschäftigen würde. Und solche wie mich lenkt es eben wunderbar ab, wenn ich was aus meinem Leben erzähle. Das ist weniger der Schmerz, als die Sache an sich 😉
        Wahrscheinlich interessiert es den Arzt auch einen Schei*, was seine Patienten so treiben und hat alles, was nicht mit dem Befund zu tun hat, sofort wieder vergessen.

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        • Das sehe ich anders.
          Der Arzt ist dafür zuständig, seine Patienten zu behandeln, soweit dies in seinen Möglichkeiten liegt.
          Persönliche Angelegenheiten darüber hinaus gehen ihn schlicht nichts an. Neugier und Sensationsgier finde ich unangemessen und unverschämt.
          Seine Aufgabe ist es, Patienten sachlich und distanziert zu diagnostizieren und zu therapieren. Sonst nichts.

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          • Blublubla schreibt:

            Tja, soweit ich das aus meiner beschränkten Stichprobe festmachen kann, sieht das die Mehrheit anders und möchte nicht „allein gelassen werden“. Er versucht’s halt der Mehrheit rechtzumachen (und wirklich interessieren tut es die Ärzte, die ich kenn tatsächlich nicht). Ich fürchte du gehörst einfach zu einer Minderheit in diesem Bereich.
            Und wie ich sonst auch sag: Man sollte es überwiegend der Mehrheit rechtmachen 😉

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            • Das ist einer der Gründe, warum ich keine Ärzte mag:
              Die mischen sich in meine höchstpersönlichen Angelegenheiten ein, obwohl es für die Behandlung völlig unerheblich ist.
              Gerade wenn zwangsläufig ein körperlicher Kontakt notwendig ist, ist der Grat äußerst schmal zum übergriffigen Verhalten. Mehr Zurückhaltung wäre angebracht.

              Es gibt durchaus auch Ärzte, die sich dezent und professionell verhalten.
              Als ich letztes Jahr zum HNO-Arzt musste, führte der ordentlich die Behandlung durch, ohne überflüssige Konversation.
              Mein Zahnarzt ist auch ganz OK.

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          • thrillerbraut schreibt:

            Da kann man mal sehen, wie verschieden Menschen sind und wie sie reagieren. Was dem einem als Unverschämtheit vorkommt, ist für einen anderen sehr angenehm. Recht machen kann man hier wohl nur sehr schwer.

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  3. ednong schreibt:

    Dickkopf. Absoluter Dickkopf. 😉

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  4. Dieter schreibt:

    Gute Besserung und rasche Heilung

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  5. blindfoldedwoman schreibt:

    Da hast Du Glück im Unglück gehabt. Gute Besserung!

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  6. claudius2016 schreibt:

    von mir auch gute Besserung!

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  7. Pendolino70 schreibt:

    Gute Besserung auch von meiner Seite. Das ist ja gerade noch mal glatt gegangen!

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