Von der Vergangenheit eingeholt //1720

Am frühen Abend war ich alleine in der Wohnung, als es an der Tür klingelte.
Es war Verena – völlig aufgelöst und den Tränen nah. Ich ließ sie herein, und bot ihr ein heißes Getränk (sprich Kaffee) an.
„Ist Papa da?“
Ich schüttelte den Kopf. „Der ist noch geschäftlich unterwegs, und kommt erst spät in der Nacht heim.“

Sie schien zu überlegen, was sie jetzt machen solle, entschied sich aber dann offenbar dazu, mir zu erzählen, was sie so aufgeregt hatte.
So ganz genau in allen Einzelheiten habe ich nicht verstanden, was genau passiert ist. Es kommt aber auch nicht auf Details an.
Jedenfalls war sie in Lydia’s Reisebüro bei der Arbeit gewesen, als ein alter Bekannter von Lydia, den Verena ebenfalls inzwischen kennengelernt hatte, hereinkam, und mit ihr ein paar Worte wechselte.
Im Verlauf dieser Unterhaltung erfuhr Verena dann von diesem Bekannten – wohl eher unabsichtlich – dass Lydia und Carsten früher liiert gewesen waren.
Das schockierte Verena sehr, so dass sie völlig verstört das Reisebüro verließ, und schließlich zu mir in die Wohnung kam. Irgendwie kann ich nicht so recht nachvollziehen, wieso sie das so sehr aufgeregt hat. Schließlich ist das schon ewig her, passierte lange vor ihrer Geburt, und betrifft sie selbst überhaupt nicht. Eigentlich sollten ihr diese uralten Geschichten egal sein.

„Das war vor deiner Mutter“, erklärte ich Verena, nachdem ihre Schilderung beendet war.
„Hast du davon gewusst?“
„Ja, dein Vater hat mir davon erzählt.“ Allerdings erst, als er es nicht mehr verheimlichen konnte. Und ich weiß auch beispielsweise von deiner Freundin Nina und deiner Tante Roswitha. Aber das sagte ich lieber nicht.

„Warum hat mir das niemand gesagt, als ich bei Lydia zu arbeiten angefangen habe?“
„Dein Vater meinte, dass das keinerlei Relevanz mehr hätte, und er es Lydia überlassen würde, ob sie dir davon erzählt.“
„Das hat sie aber nicht.“
„Bestimmt war es ihr auch nicht mehr wichtig“, antwortete ich schulterzuckend.
„Aber sie war doch auch mit Mama befreundet!“
„Soweit ich weiß, war das damals ein größerer Freundeskreis. Wenn du mehr erfahren willst, könntest du zum Beispiel Thomas fragen. Der gehörte auch dazu. Vielleicht kann dir auch Sonja noch etwas dazu erzählen.“
Sie nickte halb abwesend. „Das werde ich tun. Ich sehe Tante Sonja ja nachher noch.“

Kurz danach verabschiedete sie sich.
Mit Carsten konnte ich noch nicht darüber reden, weil er erst heimkam, als ich bereits eingeschlafen war.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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25 Antworten zu Von der Vergangenheit eingeholt //1720

  1. ittagebuch schreibt:

    Klingt von außen betrachtet wie ne Folge von „rote Rosen“ oder so ähnlich…

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  2. wollesgeraffel schreibt:

    Dallas und der Denver Clan. Alles nix gegen Deine Familie. Ich geb aber zu, die Geschichten sind das Salz in der Suppe. Während ich solche Geschichten immer gemieden habe, lese ich hier gerne. Wie machst Du das?

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  3. Plietsche Jung schreibt:

    Wenn sie öfter so hyperventiliert, sollte sie besser eine Tüte bei sich tragen.
    Warum so eine Aufregung ?

    Erstens ist es nicht ihre Angelegenheit, zweitens ist es verjährt, drittens hat sie keine anderen Sorgen ?

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    • Tja, ich versteh’s auch nicht, warum sie so ein Drama daraus macht.
      Sie wird sich schon wieder beruhigen, wenn sie die Überraschung erst verdaut hat.

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      • blindfoldedwoman schreibt:

        Es ist wohl eine romantische Kleine-Mädchen-Vorstellung, dass Mama und Papa immer nur sich lieb hatten.

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        • Aus dem Alter sollte sie aber eigentlich längst raus sein.

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          • blindfoldedwoman schreibt:

            M.E. trägt der frühe Tod der Mutter zu einer Verklärung bei. Das scheint bei beiden Töchtern zu einer „Haltlosigkeit“ geführt zu haben.

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            • Es ist sicher niemals leicht, seine Mutter zu verlieren.
              Aber die beiden Mädchen waren zu dieser Zeit bereits 19 bzw. 17 Jahre alt. Sie standen kurz davor, aus dem Haus zu gehen und ihr eigenes Leben zu führen.

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            • blindfoldedwoman schreibt:

              So wie ich das sehe, also bei Freunden mit Kindern in dem Alter:
              Man sucht gemeinsam eine Wohnung, hilft beim einrichten. Bietet ein Nest, an den WE fahren die meisten nach Hause, Wäsche waschen und endlich wieder was gescheites zu essen inklusive.
              Die wenigsten nabeln sich gleich ab.
              Und auch wenn nicht, im Hinterkopf bleibt doch, du kannst immer nach Hause.
              (zuhause war wohl in deren Fall immer mit der Mutter verknüpft)

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            • Damit magst du grundsätzlich recht haben. Als ich studiert habe, lief es ja auch so ähnlich.

              Aber als ich damals Carsten kennengelernt habe, hatte ich schon manchmal den Eindruck, er fühle sich von seinen Kindern .. nun, nicht direkt im Stich gelassen, aber er hätte sich sicherlich mehr Kontakt gewünscht. Die beiden hatten es ja noch nicht einmal nötig, ihn zu Weihnachten zu besuchen.

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            • blindfoldedwoman schreibt:

              Das kann man von außen nicht beurteilen.
              Gerade in der Trauerphase entwickeln sich Angehörige auseinander.
              Für Carsten sicher auch schwierig, jetzt plötzlich Ankerpunkt zu sein, auch emotional.
              Das hat wohl immer seine Exfrau geleistet.
              So wie Du ihn beschreibst, ist er eher der rationale Typ. Mir geht es nicht um Bewertung. Ich möchte nur Erklärungen liefern.

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            • Für ihn war es damals auch schwer: abends allein, am Wochenende allein .. und das ziemlich plötzlich nach zwei Jahrzehnten lebhaften Familienlebens.
              Naja, wie auch immer – sein Bedürfnis nach etwas Gesellschaft kam dafür mir zugute. 🙂
              Wenn seine Töchter mehr Zeit mit ihm verbracht hätten, wäre vieles vermutlich ganz anders gelaufen.

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  4. ednong schreibt:

    Da ist wohl ihre kleine heile Welt bzgl ihrer Mutter zusammengebrochen. ..

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  5. Leser schreibt:

    Ich fände es interessant, was Carsten dazu sagt, wenn er davon erzählt bekommt. Oder ob sich Verena evtl. sogar bei ihm meldet. Ob sie ihrer Chefin nun anders entgegen tritt? All solche Sachen halt… 😉

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