Siebenhundertsiebenundneunzig

Carsten und ich waren gestern mittag mal wieder zusammen mit Lukas beim Essen.
Wir sprachen zuerst darüber, dass der Beginn der Vorlesungszeit immer näher rückt, und Lukas schon sehr erwartungsfreudig auf sein Studium ist.
Da meinte Carsten, dass er damals nach dem Abi erst mal „beim Bund“ war, und erzählte ein paar Erlebnisse und Anekdoten darüber.

Während wir auf dem Rückweg waren – Lukas hatte noch in der Stadt etwas zu erledigen – erinnerte Carsten sich noch einmal: „15 verschwendete Monate.“
„Ich habe das eigentlich immer als ein bisschen ‚ausgleichende Gerechtigkeit‘ gesehen“, meinte ich.
„Ausgleichende Gerechtigkeit?“, fragte Carsten verwundert, „wofür?“
„Für die Nachteile, die ich als Frau habe.“
Sein Gesicht war ein einziges Fragezeichen, denn normalerweise rede ich keinen solch quasi-feministischen Bullshit. Aber diesmal passte es wirklich.

„Welche Nachteile hast du denn, die 15 Monate meines Lebens wettmachen?“
„So gesehen sind 15 Monate Peanuts. Ich rede davon, dass eine gesunde, kinderlose Frau in den 30 bis 35 Jahren ihrer Fruchtbarkeit locker acht Jahre lang menstruiert.“
„Das kannst du aber nicht mit dem Wehrdienst vergleichen.“
„Natürlich nicht. Selbst beim Wehrdienst hast du zwischendurch mal frei, und bist nicht rund um die Uhr eingeschränkt.“
„Das ist aber schon ein Unterschied. Man ist beim Bund nicht Herr über sich selbst, und kann nicht machen, was man will.“
„Ha! Die Menstruation schränkt mich körperlich ein – insbesondere, aber nicht nur, beim Sex oder Schwimmen – und geistig. Mein analytisches Denken ist dann deutlich weniger leistungsfähig, und mein räumliches Vorstellungsvermögen ist völlig im Keller. Ich kann in der Zeit also keine wirklich anspruchsvollen Arbeiten mit gewohnter Effizienz ausführen.
Statt eventuell fürs Vaterland, bluten Frauen eben allmonatlich für die Katz. Und statt einen Stahlhelm zu bekommen, verlieren sie wertvolle Eisenvorräte.“

„Bist du auch mal durch einen matschigen Schützengraben durchgekrochen?“, fragte Carsten halb ironisch, halb ärgerlich.
„Das wäre mir lieber gewesen, als mich in unerträglichen Krämpfen zu winden.“
„Ich hatte nicht den Eindruck, dass du da extreme Beschwerden hast.“
„Jetzt nicht mehr so schlimm, aber vor fünfzehn oder zwanzig Jahren schon. Bestimmt habe ich viel mehr Zeit mit Krämpfen als du im Schützengraben verbracht.“

„Auf was willst du eigentlich hinaus?“ Ich merkte, dass ich im Begriff war, seine Geduld wieder mal überzubeanspruchen.
„Auf nichts, gar nichts. Du hast mich nach der ausgleichenden Gerechtigkeit gefragt, ich habe dir geantwortet, und einige Parallelen und Analogien genannt. Und das war nur meine persönliche Meinung, und warum diese Assoziation für mich immer tröstlich war.
Außerdem gönne ich es ja Lukas und seinen Altersgenossen, dass ihnen der Wehrdienst heute erspart bleibt.“
„Hm“, brummte er, und schwieg für den Rest des Weges.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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33 Antworten zu Siebenhundertsiebenundneunzig

  1. DerMaskierte schreibt:

    Interessanter Vergleich. Das eine ist aber Biologie und das andere hahnebüchene Konstruktionen unserer Politik. Dann dürften alle genetisch Kranke alle genetisch Gesunden verteufeln, weil sie im Chromosomen-Roulette eben nicht so gut abgeschnitten haben.

    Die Zivildienstzeit war die mit Abstand vergeudeste Zeit meines Lebens. Und die Zeit, in der ich das Maximum an Krankfeiern ausgenutzt habe, was man ohne Verlängerung der Dienstzeit herausholen konnte. Lieber hätte ich bereits studiert, dann hätte ich schon ein Jahr eher Azubis quälen können. 😉

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  2. plietschejung schreibt:

    Ich muss gestehen, ich sympathisiere mit Carsten.

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  3. Leser schreibt:

    Haha, klingt erst so, als wärst Du lieber in einem männlichen Körper geboren. Und dann werden Frauen auch noch mit „genetisch Kranken“ Verlieren im Chromosomen-Roulette verglichen, ich kringel mich gerade vor lachen (naja, innerlich zumindest) 😉

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    • breakpoint schreibt:

      „als wärst Du lieber in einem männlichen Körper geboren“
      Ganz und gar nicht. Das Nichtvorhandensein der Menstruation ist der einzige Punkt, um den ich Männer beneide.
      Männer blenden das ja gerne aus, sofern sie keinen Wert auf einen Dreier mit Tante Irma legen.

      „Verlieren im Chromosomen-Roulette“
      Gilt nicht gerade das Y-Chromosom als „verkrüppelt“? Zumindest existiert eine derartige Theorie.

      „ich kringel mich gerade vor lachen“
      Lachst du immer noch?

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  4. ednong schreibt:

    „Auf nichts, gar nichts.“
    Ah, ich kann mir vorstellen, wie sich Carsten genau an der Stelle die Fußnägel gekringelt haben 😉

    „… sofern sie keinen Wert auf einen Dreier mit Tante Irma legen“
    Tante Irma kannte ich dafür noch nicht.

    Herrlich. Ich kann mir seinen Frust so richtig deutlich vorstellen, verstehe allerdings auch deine Intention.

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  5. ednong schreibt:

    1. Fußnägel gekringelt
    Weil der Vergleich seiner Meinung nach unpassend ist.

    2. Tante Irma
    Nein, ich meinte nur, den Namen kannte ich dafür noch nicht.

    3. Intention
    Mitleid erhaschen 😉
    Du wolltest dein Leiden ihm verständlich machen.

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    • breakpoint schreibt:

      1. Du meinst, tabuisiert?

      3. Nee, um Mitleid geht es mir dabei nicht. Starke Beschwerden habe ich ja nicht mehr, und mit dem Rest habe ich mich mehr oder weniger abgefunden.
      Eher um Verständnis, und zwar weniger um das „Leiden“, aber dass er das auch als Problem und ernstzunehmende Unannehmlichkeit anerkennt, und nicht nur als belanglose Normalität (was es objektiv gesehen allerdings ist).
      Aber da erwarte ich wohl zu viel.

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  6. Leser schreibt:

    Durch ednong’s letzten Kommentar hab ich überhaupt erst verstanden, was Du mit „Dreier mit Tante Irma“ meintest. Naja, ich weiß gar nicht, ob ich schon mal in der Lage war, aber ich glaube, was mich am meisten dabei stören würde, wären die Flecken überall. Also solange man es in der Dusche macht, kein Problem.

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  7. Irenicus schreibt:

    Hmm ich lese gerade deinen Blog von vorne bis hinten durch und bin bisher eigentlich sehr angetan, von dem was ich so lese, auch wenn ich nicht immmer zustimmen würde. Aber dieser Artikel hier, ist in meinen Augen schon krass daneben. Vergleichst du hier enrsthaft das Vorbereiten auf den Kriegsfall mit deiner Menstruation?

    Nur mal so, JEDER ehermalige Wehrpflichtige (Zivildienstleistende übrigens auch!) kann in einem Kriegsfall eingezogen werden. Wenn der Bundestag also irgendwann mal der Meinung ist, sie müssten mal wieder die deutschen Ressour… Verzeihung, die westlichen Werte am Hindukush verteidigen, und die nicht genügend freiwillige Bekloppte finden/haben, dann holen die einfach jemanden der das mal machen musste. Carsten könnte mit seinen 51 Jahre mittlerweile zu alt dafür sein (ich glaube bei 45 Jahren ist Schluss – Angeben ohne Gew(e/ä)hr, aber jeder der jung/alt genug ist, hat dann halt einfach Pech.

    Aber was ist schon Krieg? Da sind so ein paar Krämpfe alle paar Wochen natürlich die absolute Hölle dagegen.

    Mal abgesehen davon, dass natürlich nun wirklich nicht jede Frau irgendwelche schweren Beschwerden hat. Im Gegenteil gibt es sogar Frauen die während ihrer regel leistungsfähiger sind. Ich weiß von mind. 2 Athletinen (ich rede hier von absoluter weltspitze), die ihre Periode gezielt manipulieren um sie zum Karrierehighlight zu haben, weil sie dann 3-5 % leistungsfähiger sind.

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    • Zunächst vielen Dank für dein Interesse an meinem Blog.

      Ich habe niemals Menstruation mit dem faktischen Ziehen in den Krieg verglichen (werde ich auch nicht).
      Letzteres ist eine vage, theoretische Möglichkeit (wenn sie denn einträte, deutlich schlimmer – keine Frage!), während ersteres alle paar Wochen real ist.

      Es ging mir darum, einige Analogien zwischen Menstruation und Wehrdienst aufzuzeigen.

      Auch wenn einzelne Frauen sich in dieser Zeit leistungsfähiger fühlen, trifft das für die große Mehrheit nicht zu, und viele fühlen sich richtig hundeelend währenddessen.

      Ich habe hier auch keineswegs gefordert, Männer als Ausgleich, Wehrdienst leisten zu lassen. Aber – wie bereits hier in den Kommentaren erwähnt – empfand ich den Gedanke daran als tröstlich, wenn ich an „ein paar Krämpfen“ litt. Dieser Gedanke hat niemandem geschadet, aber mir gutgetan.

      Und nur zur Klarstellung: Ich finde es gut, dass die Wehrpflicht inzwischen zumindest ausgesetzt ist.

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  8. Irenicus schreibt:

    Vielen Dank für die Antwort.

    „Letzteres ist eine vage, theoretische Möglichkeit“
    Naja so vage ja nun auch wieder nicht. Genau dafür ist der Wehrdienst da. Aber gut, dann sind wir uns ja einig 😉

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  9. Pingback: Tausendsechsundzwanzig | breakpoint

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