Crazy Little Thing Called Brain //2603

Jahrzehntelang hielt ich es für ganz normal, dass keine visuellen Bilder in meinem Kopf entstehen. Wenn jemand von seinem inneren Auge oder Kopfkino sprach, so hielt ich es für eine Metapher, und habe diese Metapher selbst gelegentlich genutzt. Oder wenn ich irgendwo las, dass sich jemand nicht mehr an das Gesicht einer früher nahestehenden Person erinnern könne, so dachte ich auch, das sei lediglich ein besonderer Ausdruck der Wertschätzung für diese Person. Dass sie tatsächlich bildlich in der Erinnerung vorhanden sein könnte, erschien mir zu abwegig, um überhaupt darauf zu kommen.
Nur mit großer Konzentration kann ich überhaupt statische, dunkle Schemen erkennen (sofern man das überhaupt als „sehen“ bezeichnen kann). Normalerweise habe ich eine viel abstraktere Vorstellung im Kopf als ein tatsächliches optisches Bild. Da ist es auch völlig unerheblich, ob ich dieses Bild bereits einmal in der Realität gesehen habe, oder nicht. Mein räumliches Vorstellungsvermögen ist teilweise davon entkoppelt, teilweise auch nicht. Ich kann das nicht besser beschreiben, zumal es zyklusabhängig ist.

Vermutlich hängt auch meine Gesichtserkennungsschwäche mit dieser Aphantasie zusammen. Da ich Gesichter nicht mit mental abgespeicherten Bildern davon vergleichen kann, erkenne ich sie halt nicht, sondern muss auf Frisur, Statur, Bewegungsmuster, Mimik, spezifische Gesten, Besonderheiten wie Brille oder Bart, und sonstige Auffälligkeiten (je weiter einzelne Merkmale vom Durchschnitt entfernt, um so größer die Wiedererkennungswahrscheinlichkeit), Stimme (Klangfarbe, Sprechhöhe, Sprechgeschwindigkeit, Dialekt, Akzent. Wortwahl, Sprachduktus, .. wenn alle nur noch hochdeutsch sprächen, ginge etliches an Individualität verloren), typische Bekleidung, .. zurückgreifen. Unvorstellbar für mich, wie andere Leute es schaffen, ein Phantombild zu erstellen. Ich würde auch niemanden nur aufgrund eines oder auch mehrerer Fotos erkennen, könnte noch nicht einmal bestätigen, dass ein Passfoto mit der gezeigten Person übereinstimmt. Solche Aufgaben verwirren mich. Da läuft mein Gehirn irgendwie ins Leere – wie eine Funktion, die nicht zurückkehrt.
Andererseits ist es viel zu kurz gedacht, Doppelgänger nur auf ihre Optik zu reduzieren. Masken in fremden Gesichtern halbieren die Erkennungsquote noch einmal.
Auch diese Einschränkung ist mir erst vor wenigen Jahren wirklich bewusst geworden.

Schon lange ist mir dagegen meine Rinks-Lechts-Schwäche und Beidhändigkeit bekannt. Dadurch, dass wir von Links nach Rechts lesen, erkenne ich zwar eine Vorzugsrichtung, aber die ist in meinem Gehirn nicht hardkodiert vorhanden. Mein Zentralprozessor muss jedesmal erst dynamisch berechnen, wo links und rechts ist, was bestimmt eine halbe Sekunde dauert. Wiederholte Bewegungsvorgänge prägen sich dagegen allmählich ein, so dass es durchaus Tätigkeiten gibt, die ich nur mit einer bestimmten Hand mache. Mit Rechts schreibe ich, trage mein Kind, bediene die Maus, während ich mit Links Taschen trage oder bevorzugt die Tastatur bediene. Das ist aber vor allem Gewohnheit.

Wo so viel Schatten ist, muss auch etwas Licht sein. So kann mir wohl niemand eine gewisse MINT-Begabung absprechen, die allerdings mit einigen neurodiversen Zügen einhergeht.
Warum ist das so? Wie immer versuche ich, zu verstehen und Ursächlichkeiten zu finden.
Da ist mir vor einiger Zeit wieder eingefallen, dass meine Mutter gelegentlich erwähnte, dass sie, während sie mit mir schwanger war, eine Zeitlang sehr krank war, so dass sie das Bett hüten musste und der Arzt einen Hausbesuch machte, wo er meinem Vater erklärte, sie sei schwerkrank. Konkrete Einzelheiten dazu sind von meinen Eltern allerdings nicht zu erfahren. Teilweise haben sie es vermutlich selbst vergessen, und bestimmt hat auch der Hausarzt nicht viele Informationen dazu genannt.

Ich kann hier nur Hypothesen aufstellen, ohne die Chance zu haben, diese jemals bestätigen oder widerlegen zu können.
Meine Vermutungen zum Zeitablauf sind also, dass die Schwangerschaft sich zunächst völlig normal entwickelte, was auch mein Fingerlängenverhältnis belegt. Dann erkrankte meine Mutter. Es erscheint mir recht plausibel, dass dies einen Einfluss auf meine Gehirnentwicklung hatte. Was genau passiert ist, werde ich nie erfahren, aber die pränatale Wirkung eines temporären Testosteronschubs ist völlig konsistent mit dem Ergebnis meiner Begabungen und Unzulänglichkeiten (naja, vielleicht außer der Rechts-Links-Schwäche). Das Timing hat sich als ausgesprochen günstig erwiesen. Es hätte auch anders ausgehen können. So bin ich zwar nicht in jeder Hinsicht typisch weiblich, aber die Vorteile überwiegen.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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24 Antworten zu Crazy Little Thing Called Brain //2603

  1. keloph schreibt:

    gibt es diesen zusammenhang wirklich?

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  2. Sabrina Seerose schreibt:

    Danke für Deine gut nachvollziehbare Selbst-Beschreibung!
    Was könnte denn den Testo-Schub nach „Programmierung“ Deiner mentalen Weiblichkeit bewirkt haben; vielleicht ein Medikament, das Deine Mutter zur Behandlung ihrer Erkrankung einnehmen mußte?

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  3. Ich frage mich auch immer, wie Menschen Phantombilder erstellen können. Ich sitze da wie der Ochse vor dem Berg.

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  4. pirx1 schreibt:

    Diese und vergleichbare Effekte, wenn auch in weitaus frappierender Ausprägung (optische Aphasie, Apraxie etc.), sind z. B. auch bei Split-Brain Patienten bekannt. Man könnte durchaus, z. B. mit fMRT, PET oder SPECT, untersuchen, ob es Leitungs- und Aktivierungsunterschiede zu Normkollektiven z. B. im corpus callosum oder den Stammganglien gibt. So manche Universitätsneurologie findet das sicher als Forschungsgebiet hochinteressant. Dem Betroffenen nützt das allerdings herzlich wenig, weil sich so ein, nennen wir es „Verarbeitungsunterscheid“, nicht therapieren lässt. Die Ursachenforschung bleibt natürlich erst recht ergebnislos, so lange man das verantwortliche Defizit nicht kennt,

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    • pirx1 schreibt:

      ps:
      Die besondere Begabung für MINT kann dagegen natürlich vor allem auch ein simpler Kompensationsmechanismus sein, ein Ausweichen in eine Nische, bei der Aphantasie weniger Selektionsnachteil ist (wobei eigentlich gerade technisch Begabte vom optischen Vorstellungsvermögen besonders profitieren). Sind überhaupt seriöse Studien bekannt, die den Zusammenhang zwischen MINT-Begabung und intrauterinem Testosteronspiegel belegen? Das alte Anlage-Umwelt-Problem.

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    • Das wäre bestimmt spannend.
      Wenn ich viel Zeit hätte, würde ich schon mal solche Bilder machen lassen. Aber so ist mir der Zeitaufwand zu groß, zumal es eh nichts brächte.
      Auf „Therapierung“ lege ich keinen Wert, da ich mich längst mit diesen Mankos arrangiert habe, noch bevor sie mir überhaupt bewusst wurden.

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    • blindfoldedwoman schreibt:

      Die Uni Bonn forscht zu Aphantasia.
      Im größeren Umfang findet das in Exeter statt.

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  5. blindfoldedwoman schreibt:

    Fast alle, die Aphantasia haben sind auch mehr oder weniger gesichtsblind.
    Was ist mit Deinem Erinnerungsvermögen? Also konkrete Geschehnisse, nicht erlerntes?

    Übrigens ist Aphantasia wohl tatsächlich eine Art Behinderung.

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  6. Pingback: By The Way //2621 | breakpoint

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