Hundertfünfundzwanzig

Die ersten Bewerbungen, teils online, teils per Post, sind eingegangen.

Die Sekretärin legte mir gestern morgen einen ganzen Stapel auf den Schreibtisch. Aber das ist vermutlich erst der Anfang.

Ich soll zumindest eine Vorauswahl treffen, wer zu einem Gespräch eingeladen wird. Eigentlich hätte das die Personalchefin auch machen können, aber Carsten meinte, sie könne die fachliche Kompetenz nicht abschätzen und ich würde sicher eher in seinem Sinne auswählen.
Also ging ich dann den ganzen Stapel durch. Zum Glück sieht man bei vielen schon auf den ersten oder zweiten Blick, dass sie ungeeignet sind.

So legte ich gleich die zwei Bewerbungen von Frauen auf den Ungeeignet-Stapel. Dafür gibt es eine ganze Reihe guter Gründe:
* Bei Frauen weiß man nicht, ob die Bewertungen der tatsächlichen Qualifikation entsprechen, oder aufgrund anderer Leistungen erworben wurde.
* Frauen verfügen meistens nicht über das nötige analytische Denkvermögen, das für diese Position erforderlich ist. Bei vielen Männern ist das zwar genauso, aber die Wahrscheinlichkeit ist trotzdem signifikant höher.
* Carsten arbeitet nicht gerne mit Frauen zusammen. Und wenn er es doch tut, sieht man ja, was dabei herauskommt :-).
* Die Mitarbeiter der IT-Abteilung, alles Männer, könnten mit einer Chefin Probleme haben.
* Das Risiko einer Familienpause wollen wir nicht eingehen.
* ..

Zum Schluss hatte ich noch drei Bewerbungen übrig, die zumindest einen Großteil der erforderlichen Qualifikation erfüllten.

Da die Angelegenheit dringend war, entschloss ich mich, die Bewerbungen sofort zu Carsten zu bringen. Jetzt am Nachmittag war das Sekretariat nicht besetzt und so betrat ich sein Büro nach kurzem Klopfen.

Bei einem der drei ausgewählten Bewerbungen hatte er Einwände, bei den anderen beiden stimmte er zu. Er ließ sofort jemanden von der Personalabteilung kommen und gab als Anweisung, dass die abgelehnten Bewerber im Laufe der nächsten Woche eine schriftliche Absage erhalten sollen, während mit den beiden akzeptierten Bewerber möglichst bald Vorstellungstermine vereinbart werden sollten. Weitere Anwesende seien er selbst, ich, und die Personalchefin.

Eigentlich wollte ich gestern um dreiviertel fünf Feierabend machen, aber Carsten war noch bis mindestens sieben Uhr beschäftigt. Er stellte mich vor die Wahl, entweder alleine heim zu gehen oder auf ihn zu warten. Ich entschloss mich für ersteres.

Ich machte noch einen Umweg über die Stadtmitte, um einiges für das Abendessen einzukaufen. Mein Notebook hatte ich im Kofferraum von Carsten’s Wagen verstaut, weil ich keine Lust hatte, das auch noch mitherumzutragen.

Wie es der Zufall wollte, traf ich Sonja, die zusammen mit ihrem Sohn Lukas ebenfalls in der Stadt unterwegs war.
Lukas starrte mich wieder an, wie das letzte Mal, obwohl ich einen knielangen Rock anhatte (ich darf ja nicht mit Mini ins Büro).

Da es keinen Grund gab, es abzustreiten, erzählte ich ihr gleich, dass ich jetzt mit Carsten liiert sei, zum Zeitpunkt unseres damaligen Gesprächs allerdings noch nicht.
Sie schien sich sehr zu freuen, zum einen, weil sie recht behalten hatte, zum anderen, weil wir ihrer Meinung so gut zueinander passen. Nun, mit dieses Meinung steht sie nicht allein.

Sie erkundigte sich, wie es Carsten gehe. Ich antwortete, dass er zur Zeit sehr viel zu tun hätte, weil es in seiner Firma Personalengpässe gäbe.
Sie meinte, er fände immer einen Grund, warum er soviel zu arbeiten hätte.

Als Sonja gerade nicht herschaute, zwinkerte ich Lukas zu. Der Bursche hatte wohl etwas Aufmunterung nötig. Außerdem hatte er tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit mit seinem Onkel.

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Über breakpoint AKA Anne Nühm

Die Programmierschlampe.
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5 Antworten zu Hundertfünfundzwanzig

  1. breakpoint schreibt:

    ZweihundertvierundneunzigAuf die Bewerbungsaktion für die Assistentenstelle (wir nennen das jetzt offiziell „persönlicher Referent“, da die Bezeichnung Assistent zu viele Assoziationen zu Sekretariatstätigkeiten weckt – aber das ist eigentlich nur Wortklauberei) ist jetzt scho…

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  2. breakpoint schreibt:

    SechshundertvierzigEs hat mir natürlich in den Fingern gejuckt, über Teamarbeit zwischen Männern und Frauen zu schreiben. Dies ist das Thema einer Blogparade bei edelburg.de.

    Zwar habe ich kaum Erfahrung mit gemischtgeschlechtlichen Teams (schon die häufig geforderte …

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  3. Pingback: Sechshundertvierzig | breakpoint

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