Der anthropische Zebrastreifen //2510

Der Zebrastreifen, um den es hier gehen soll, ist rein metaphorisch gemeint. Es steckt kein realer dahinter. Ähnlich hatte ich bereits vor längerer Zeit mal gebloggt (damals beruhend auf wirklichen Verhältnissen), aber ich glaube, ich konnte damals nicht so richtig vermitteln, auf was ich hinaus will. Deshalb noch mal ein neuer Ansatz.

Da gibt es eine vielbefahrene Straße, sagen wir um die tausend Fahrzeuge pro Stunde und Richtung, also ein fast nie abreißender Strom einzelner Fahrzeuge.
Irgendwo zwischen Anfang und Ende der Straße befindet sich ein Zebrastreifen. Der wird aber nur selten genutzt. Nur vier oder fünf Fußgänger überqueren die Straße dort am Tag.
Stell dir vor, du bist einer von ihnen, und gehst den Weg fast jeden Tag, oder meinetwegen auch nur einmal pro Woche. Wenn du am Zebrastreifen rüber willst, muss (aus jeder Richtung) ein Auto anhalten (der Einfachheit halber gehen wir davon aus, dass die folgenden Autos lediglich etwas abbremsen müssen, aber nicht ganz zum Stillstand kommen). Nur ganz selten mal ist die Straße frei. Für dich ist es also ganz normal, dass dort viele Autos fahren.
Jetzt versetze dich in Gedanken in einen der Autofahrer. Du fährst diese Straße oft entlang. Ja, da ist ein Zebrastreifen, aber üblicherweise wollen da keine Fußgänger rüber. Dass du doch mal für einen anhalten musst, ist eine seltene Ausnahme.
Die gleiche Situation, zwei unterschiedliche Perspektiven. Die letzte Sichtweise sieht diese Situation als etwas völlig ungewöhnliches, während die erste darin etwas ganz alltägliches erblickt.

Wer „anders“ ist als die Mehrheit, also zwei oder mehr Sigma vom Mittelwert abweicht, empfindet sich selbst trotzdem als „normal“, weil er es ja gar nicht anders kennt, und für völlig natürlich hält. Die durchschnittliche Bevölkerung dagegen nimmt diese Person als ungewöhnlich und vom Standard abweichend wahr. Nicht wenige reagieren mit Unglauben, Unverständnis oder gar Ablehnung auf untypische Menschen.
Jeden Tag geschehen Billionen Ereignisse alleine auf der Erde. Dass da auch mal einzelne völlig unwahrscheinliche Ereignisse dabei sind, ist allein aufgrund der schieren Anzahl zu erwarten. Wenn du einmal drei Würfel wirfst, ist die Chance, drei Sechser zu kriegen, sehr gering. Aber nach einigen Hundert oder Tausend Würfen, werden auch ein paar Würfe mit 18 Augen dabei sein.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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5 Antworten zu Der anthropische Zebrastreifen //2510

  1. sempersolus schreibt:

    Ich halte es für eine unspektakuläre aber nachvollziehbare Erkenntnis, dass jede Wahrnehmung, wie wir sie kennen einer subjektiven Beurteilung unterliegt. Das, was wir im Alltag so oft als „Norm“ beschreiben ist immer nur ein Ergebnis subjektiver Beobachtung oder Konvention. Selbst das, was wir so tapfer „Naturkonstanten“ nennen und glauben, der Natur an Wissen abgerungen zu haben (pi, e, h, usw., im weiteren Sinne: Das, was wir „Mathematik“ nennen oder „Zahl“ oder „Verhältnis“, unser ganzen „Wissen“ an sich) ist vielleicht etwas ganz anderes in jedem anderen Kontext oder auch nur für sich und völlig zusammenhangslos. Ist „Ordnung“ tatsächlich ein Weltprinzip?

    Aber das „anthropische Prinzip“ geht ja sogar weiter als das: Es wird dadurch im letzter Konsequenz postuliert, dass Existenz zwingend an Beobachtung gebunden ist, bei einigen Definitionen sogar: An menschliche Beobachtung. Das halte ich für genauso unanschaulich, wie unwahrscheinlich, einengend und anthropozentrisch arrogant.

    Was würde wohl der hypothetische Geordie La Forge von der steilen These des „anthropischen Prinzips“ halten (und er leistete ja nur verschwindend winzigen Beitrag zur Diskussion, namentlich zur Wahrnehmung dessen, was wir „elektromagnetische Strahlung“ nennen, die von ihm aufgrund seiner Prothese ja grundlegend anders empfunden wird)? Ja: Was fällt uns simplen „Input-Output-Maschinen“ eigentlich ein, wenn wir behaupten, dass nichts sein kann, wo keine Beobachtung von dessen Existenz möglich ist?

    Ich glaube: Existenz ist unabhängig von Beobachtung. Die subjektiven Beobachtung bedingt nicht Existenz, sondern ist nur ein zufälliger Glücksfall, wenn sie sich z. B. für uns ergibt. Ein Stein in der Wüste bleibt ein Stein, selbst wenn niemand ihn je erfahren wird. In Wahrheit ist er vermutlich nur ein lokales Energiemaximum oder etwas völlig anderes, uns unbekanntes und schon der Begriff „Energie“ eine unfassbare schlechte Krücke für das, was sich uns visuell und haptisch erlebbar erschließt. Aber dass da ist – hängt nicht von unserem oder jedem anderen Beobachter ab.

    Deutlich mehr Bescheidenheit täte der Menschheit schon ganz gut, dann wäre der Umgang mit der Welt vielleicht auch ein anderer.

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    • Wenn das Universum nur ein klein wenig anders wäre, als es eben ist, dann gäbe es uns nicht. Wir könnten es also nicht beobachten.
      Unsere Existenz, so unwahrscheinlich sie auch ist, ist nur möglich in exakt diesem Universum.
      Das ist nichts weiter als ein glücklicher (?) Zufall, aber ansonsten wüsste ja niemand etwas von uns, und – tja – das wäre dann auch egal.

      Beobachtung setzt Existenz voraus. Existenz braucht keine Beobachtung.

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  2. Passt. Ich hatte gestern beim Kniffeln 5 Sechser. Weil ich damit nicht gerechnet hatte, hatte ich den Kniffeln gestrichen. Tja. Verloren.

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  3. Pingback: Tweets aus dem 0xFF //2614 | breakpoint

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