Begegnung nach Jahren //1910

Als kürzlich hier in der Gegend eine Veranstaltung für Wissenschaft und Wirtschaft stattfand, besuchte ich sie mal wieder. Vom Thema her interessierte mich die Veranstaltung weniger. Ich sah sie eher als regional-gesellschaftliches denn als fachliches Event.
Carsten hatte leider keine Zeit, wollte aber, dass ich alleine hingehe, um geschäftliche Kontakte zu knüpfen. Allmählich sollte er eigentlich wissen, dass ich ganz mies darin bin, Kontakte zu knüpfen. Wie auch immer, ich war schon länger nicht mehr auf einer derartigen Veranstaltung gewesen, hatte genügend Zeit dafür (bzw. einen guten Grund, Hausarbeit mal ausfallen zu lassen), also fuhr ich hin.
Ich trug ein auf den ersten Blick eher unauffälliges, aber raffiniert geschnittenes Kleid. Zwar boten die Sitzgelegenheiten einigermaßen Beinfreiheit, aber auf Dauer wurden sie mir dennoch unbequem, und so war es wohl nicht zu vermeiden, dass der Abschluss meiner halterlosen Strümpfe hin und wieder unter dem Kleidersaum hervorblitzte.

Es sollte verschiedene Vorträge in mehreren Paneln geben, dazwischen Kaffeepause und anschließend einen Empfang mit Buffet.
Bereits kurz nachdem ich angekommen war, und mich bei der Registrierung anstellte, sah ich etwas entfernt einen Geschäftsführer, den ich flüchtig kannte. Wir nickten einander freundlich zu.
Der Frauenanteil an den Besuchern war geschätzt etwa 20 bis 25 Prozent. Im Gegensatz zu den letzten Jahren sah man sogar wieder einige Kleider, wenn auch nur wenige kniefreie.
Zwar trugen viele Männer einen Anzug, aber nur wenige eine Krawatte. Das muss ich noch Carsten erzählen, dass er da auch mal lockerer wird.
Die Veranstaltung im Freien stattfinden zu lassen, war mal etwas anderes, aber riskant für die Veranstalter. Denn bei Regen wäre es drinnen sehr eng und überfüllt geworden. Immerhin weiß ich jetzt endlich, wie groß so ein Fußballfeld ist.

Bis zum ersten Vortrag war noch etwas Zeit, also besorgte ich mir erst einmal einen Kaffee und etwas Gebäck. Während ich etwas abseits an einem Tischchen aß und trank, sprach mich ein Mann an, der mich anscheinend kannte.
Ich hatte ja schon ein paar peinliche Situationen erlebt, weil ich einen früheren ONS nicht mehr erkannt hatte. In diesem Umfeld war es allerdings wahrscheinlicher, dass es sich um einen geschäftlichen Kontakt handelte, den ich wieder mal vergessen hatte.
Es stellte sich dann aber schnell heraus, dass er mich noch von meiner alten Uni kannte.

[Rückblende:
$AlteUni, Physikalisches Institut, irgendwann im [5|6|7]. Semester, Übung in Theoretischer Physik.
Der wissenschaftliche Mitarbeiter, der die Übung abhielt, ließ in jeder Stunde einige Studenten die zu Hause vorbereiteten Übungsaufgaben an der Tafel vorrechnen. (Am Anfang der Stunde ging eine Liste herum, auf der jeder Student ankreuzen musste, welche Aufgaben er gelöst hatte. IIRC musste man mindestens 80 Prozent der maximal erreichbaren Punkte haben, um zur Abschlussklausur zugelassen zu werden.)
Er hatte die Angewohnheit, die einzelnen Studenten aufzurufen als „Herr $Name“. Auch bei den wenigen Studentinnen. Er war dann jedesmal verlegen, wenn eine Studentin ihn korrigierte.
Ich war bisher noch nicht drangekommen, aber das war nur eine Frage der Zeit. Ich hatte mich schon seelisch und moralisch darauf eingestellt, als „Herr Nühm“ nach vorne zitiert zu werden.
Aber siehe da – er rief mich als „Frau Nühm“. Ich ließ mir keine Überraschung anmerken, sondern ging nach vorne und schrieb halt die Rechnung an die Tafel.]

An die Übungsgruppe erinnerte ich mich ganz gut.
Außer dass er die Übungsgruppe geleitet hatte, erzählte er, sei er auch Beisitzer in einer meiner Diplomprüfungen gewesen. Das kann sein. Solche Details habe ich mir nicht gemerkt.
Inzwischen sei er Professer und habe einen Lehrstuhl an einer anderen Universität.
Ich berichtete, dass ich nach der Uni erst zwei Jahre in der Industrie gearbeitet hätte, dann lange Zeit als freiberufliche Softwareingenieuse und IT-Beraterin, und mittlerweile Mitgeschäftsführerin eines mittelständischen Hightech-Unternehmens sei, wo ich insbesondere für die Softwareentwicklung verantwortlich sei.

Ich gab meiner Überraschung Ausdruck, dass er sich noch an mich erinnerte, aber er meinte, ich hätte mich überhaupt nicht verändert, höchstens zu meinem Vorteil (das will ich doch hoffen! Mittlerweile weiß ich, wie ich meine optischen Stärken betone, damals haderte ich noch mit den vermeintlichen Schwächen). Außerdem hätte ich damals großen Eindruck bei ihm hinterlassen, er hätte insgeheim für mich geschwärmt – wie die halbe Fakultät.
Ich war sprachlos. Aber im Rückblick kommen mir noch ein paar andere Begebenheiten in Erinnerung, und plötzlich macht alles Sinn. Ich muss damals total blind gewesen sein. Und völlig unnahbar. Aber warum – um Feynman’s Willen! – hat mir nie jemand etwas davon gesagt oder eine (nicht zu subtile) Andeutung gemacht?

Wir unterhielten uns weiter, obwohl der erste Vortrag bereits begonnen hatte.
Er fragte mich, ob ich noch mit Physik zu tun hätte. Ich antwortete, zwar nicht direkt, aber für meine Arbeit sei es durchaus nützlich, Ahnung von Physik zu haben. Mathematik bräuchte ich öfter. Ich hätte auch schon ein paar mathematische Papers veröffentlicht (die allerdings gar nichts mit meiner geschäftlichen Arbeit zu tun haben). Er interessierte sich für die Themen, so dass ich einiges davon beschrieb. Im Laufe des weiteren Gesprächs erwähnte ich dann doch meine Promotion, deren Abschluss in den letzten Zügen liegt. Er schien sehr interessiert, und so versprach ich ihm, ihm ein Exemplar zuzuschicken, sobald der Verlag die Bücher geliefert habe. Wir tauschten Visitenkarten aus (einen Scherz über die DSGVO konnte ich mir nicht verkneifen).

Nach der Pause besuchte er ein anderes Panel als ich. Beim anschließenden Empfang war er nicht mehr da, weil er schon frühzeitig seine Heimreise antreten wollte.

Im Laufe der Veranstaltung wurde ich noch von zwei Männern angesprochen, die mich angeblich kannten. Der erste wusste nicht von woher, der zweite nannte einen Ort, an dem ich noch niemals war. Hey! Ich hab kein Allerweltsaussehen, sondern bin einzigartig und unverwechselbar. Wer mich einmal persönlich kennengelernt hat, der erinnert sich auch an mich.
Auch eine Frau versuchte, mit mir ins Gespräch zu kommen.
Es ist ja zugegebenermaßen lästig, wenn einen Leute ansprechen, mit denen man sich nicht unterhalten will. Aber es ist keine Belästigung. So antwortete ich jedesmal freundlich, wenn auch kurzangebunden. Ich habe nun mal kein Geschick für Smalltalk.
Außerdem war meine Kommunikationskapazität für diesen Tag sowieso schon längst ausgeschöpft.

Die Bewirtung war .. sagen wir ausreichend. Naja, die Getränke waren OK, aber sonst gab es nur trockenen Kuchen und Brezeln.
Angesichts des anschließenden „Buffets“ kann ich verstehen, warum manche Leute keine Buffets mögen. Nach längerem Anstehen bekam man wahlweise eine Miniportion Currywurst oder vegetarische Lasagne in ein Einmal-Schüsselchen geknallt. Das verstehe ich nicht unter Buffet. Das läuft bei mir irgendwo zwischen Gulaschkanone und Kantinenessen. Mit einem richtigen Buffet war das keinesfalls zu vergleichen. Nachtisch sah ich nirgends, aber das lag vielleicht auch daran, dass ich schon ziemlich bald die Veranstaltung verließ. Vegetarische Lasagne mag kein kulinarisches Highlight sein, aber immerhin sättigten mich zwei Portionen genügend, dass ich keinen Drang verspürte, mich ein drittes Mal anzustellen.

Ich hatte mit Carsten ausgemacht, dass er noch in der Stadtwohnung bleiben würde, bis ich heimkam, und wir – je nach Uhrzeit und Lust und Laune – entweder noch später zusammen auf das Land fahren würden, oder noch in der Stadt übernachten und erst am nächsten Morgen fahren würden.
Da ich schon relativ bald zurück war, fuhren wir (nach ausgiebiger penibel-yonisierender Wechselwirkung) noch am gleichen Tag.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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13 Antworten zu Begegnung nach Jahren //1910

  1. Mia schreibt:

    Wo enden denn deine Halterlosen, dass deren Saum sichtbar wird? Mittig zwischen Knie und Schritt oder doch noch weiter oben? Für eine offizielle Veranstaltung ein recht knappes Kleid. ^^

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    • Das habe ich nicht nachgemessen, dürfte wohl etwa bis zur Hälfte des Oberschenkels gegangen sein.
      Das Kleid war sogar relativ lang und endete eine knappe Handbreit über dem Knie. Aber gerade bei einer Veränderung des Sitzhaltung rutscht der Saum halt schon mal temporär nach oben.

      Nur ein dezenter Halsausschnitt (der gerade mal die Schlüsselbeine entblößte), Schultern und Rücken bedeckt – also durchaus angemessen für einen solchen Anlass.

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  2. ednong schreibt:

    Ja,
    wie ein Buffet klingt das nicht …

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  4. Pingback: Vortragsreise, Teil 1 //2026 | breakpoint

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