Alles nur für den Schein //2312

Immer wieder haben wir in der Fertigung oder Geräteentwicklung Werkstudenten, bzw. Studenten im Praktikumsemester hier arbeiten. Kürzlich habe ich mich mal mit einem unterhalten, und dabei erzählt, wie es bei mir damals war, als ich studiert habe.
Meine wesentlichen Erinnerungen über den Ablauf, möchte ich auch hier darstellen.
Das war noch vor der Bolognese-Reform. Es gab entsprechend keine Bachelor- und Master-Studiengänge, sondern noch das gute, alte Diplom.

Nach dem Grundstudium von vier Semestern war das Vordiplom fällig, das Voraussetzung war, um mit dem Hauptstudium weitermachen zu dürfen. Nach weiteren drei Semestern fand ein Teil der Diplomprüfungen statt, danach zwei Semester Diplomarbeit, und schließlich noch eine weitere der Diplomprüfungen.
Um zu den Prüfungen im Vordiplom und später zum Diplom überhaupt zugelassen zu werden, brauchte man damals einen dicken Packen „Scheine“ (DIN A5 große Zettel als Bestätigung der erfolgreichen Teilnahme an Lehrveranstaltungen). Welche und wie viele davon, war in der Prüfungsordnung geregelt. IIRC musste man pro Semester etwa fünf oder sechs Scheine machen.

Die Bedingungen, einen Schein zu erhalten, waren unterschiedlich. Ich liste hier einige Möglichkeiten auf, wobei meistens Kombinationen aus mehreren Bedingungen üblich waren.
* Anwesenheit – d.h. eine Liste ging in den Übungen herum, in der man seine Präsenz mit Unterschrift bestätigen musste. Normalerweise wurden mindestens 80% Anwesenheit verlangt.
* Hausaufgaben, die schriftlich abzugeben waren, und dann meistens von Hiwis korrigiert wurden. Eine Mindestanzahl richtiger gelöster Aufgaben wurde verlangt.
* Hausaufgaben, deren Bearbeitung man auf einer Liste ankreuzen musste. Jeder musste damit rechnen, seine angekreuzten Aufgaben an der Tafel vorne vorrechnen zu müssen. Auch hier war eine Mindestanzahl angekreuzter Aufgaben Voraussetzung für den Schein.
(* Den sog. „Taschenrechnertest“ ergänze ich nur als Kuriosum, obwohl gerade der eine große Hürde für etliche Kommilitonen darstellte. Dabei musste eine Liste Rechenaufgaben mit dem Taschenrechner als Hilfsmittel in relativ kurzer Zeit fehlerlos gelöst werden. Hört sich trivial an, war es aber nicht.)
* Abgabe von Programmieraufgaben per Mail, auf Diskette oder als ausgedrucktes Listing.
* Bei Seminaren ein Vortrag.
* Bei Praktika insbesondere die persönliche Durchführung der Versuche, samt (ggf. schriftlicher) Vorbereitung, ausgearbeitetem Protokoll, und mündlichem Kolloquium während der Versuchsdurchführung, was vom jeweiligen Versuchsbetreuer testiert wurde.
* Schriftliche Klausur am Semesterende.
* Mündliches Kolloquium am Semesterende.

Die Anforderungen waren unterschiedlich, aber geschenkt wurde uns nichts.

Wenn man also nach dem vierten bzw. siebten Semester die notwendigen Scheine zusammen hatte, ging man zunächst zu den Professoren, die man sich als Prüfer wünschte, und machte einen Termin aus. Danach legte man seine Scheine beim Prüfungsamt vor, um die Zulassung zur Prüfung zu beantragen. Für gewöhnlich wurden die vorgesehenen Prüfungstermine dann so übernommen. Auf diese Weise konnte man sich selbst aussuchen, von welchen Professoren man sich prüfen ließ.
In der Fachschaft gab es eine umfangreiche Sammlung von den jeweiligen Professoren zugeordneten Prüfungsfragen, die man zur Prüfungsvorbereitung nutzen konnte. Es war üblich, dann auch selbst nach der jeweiligen Prüfung seine Erfahrungen ebenfalls anderen Studenten zugänglich zu machen, indem man einen entsprechenden Bogen ausfüllte und bei der Fachschaft abgab.

Dazu sind mir noch – ziemlich unabhängig davon – ein paar andere Gedanken zu meiner Studienzeit gekommen, die ich ursprünglich noch mit in diesen Blogeintrag quetschen wollte. Ich mache aber jetzt doch lieber einen eigenständigen Post daraus. Demnächst auf diesem Blog.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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15 Antworten zu Alles nur für den Schein //2312

  1. keloph schreibt:

    mein erleben war seinerzeit sehr ähnlich, allerdings waren in meinem studiengang neben der diplomarbeit ausschliesslich mündliche prüfungen vonnöten, was ich sonst nirgendwo wieder gefunden hatte.

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  2. idgie13 schreibt:

    Scheine waren bei uns ähnlich, allerdings gab es keine Taschenrechner-Scheine und auch keine auf nicht abgegebene Berechnungen. Dazu kamen noch Industriepraktika mit Berichtsheft sowie Konstruktionsaufgaben, die man abgeben und erklären musste.

    Vordiplomsprüfungen waren bei uns nach dem 2., 3. und 4. Semester.
    Hauptdiplomsprüfungen nach dem 6., 7. und 8. (glaub ich)
    Dazu 2 Semesterarbeiten (je 3 Monate) + 1 Diplomarbeit über 6 Monate

    Prüfer wünschen konnte man sich bei uns nicht. Bayerische Uni, Maschinenbau.

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    • Die Gepflogenheiten waren wohl von Uni zu Uni, sowie von Fach zu Fach verschieden.
      Und spätestens seit der Bologna-Reform ist’s erst recht wieder anders.

      Ich habe halt mal zusammengefasst, inwieweit ich mich noch an die Prüfungsvoraussetzungen erinnere, wie es damals bei mir war.

      Übrigens war der erfolgreich bestandene Taschenrechnertest lediglich notwendige, keinesfalls hinreichende Bedingung für einen umfassenderen Schein.

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  3. ednong schreibt:

    Haha.
    bis zur Anmeldung bin ich gekommen. Und dann stellte man fest, dass ich in Grundstudium eine Teilprüfung nicht bestanden hätte. Dafür hatte ich eine Ersatzprüfung gemacht, die aber nicht mehr auffindbar war. Assi war schon weg, Professorin ebenfalls. Ergo :Keine Zulassung…
    Keine Möglichkeit nachzuholen, danach Änderung der Prüfungsordnung, danach Änderung zum Master. Somit alles vergebens. Also zumindest bzgl Abschluss. 😦

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  4. BettinaF schreibt:

    Wenn wir ehrlich sind haben wir doch schon immer punktuell gelernt. Ob das für das Abitur oder das Promotionsstudium war. Ein Kommilitone hat immer gesagt, sein großes Vorbild sei Shakespeare. Der hätte schon bei Hamlet gesagt, Schein oder nicht Schein, das ist hier die Frage

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    • Klar muss man sich konkret auf bestimmte Prüfungen vorbereiten. Da ist es schön, wenn man sich vorher informieren kann, welche Art Fragen der betreffende Prüfer besonders gerne stellt.
      Davon abgesehen, reicht natürlich auswendig lernen nicht aus. Bei den meisten Fragen geht es um das allgemeine Verständnis, und die Übertragung des erworbenen Wissens auf ganz neue Fragestellungen.

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  5. carnofis schreibt:

    Hach Gott, mein Studium ist schon so lange her, dass ich eine Zeitlang nicht mal mehr sicher war, ob ich es überhaupt erfolgreich abgeschlossen hatte.
    So viele Kommilitonen waren für ihren Lebensunterhalt als Studenten arbeiten gegangen – und haben irgendwann einfach still und leise das Studium drangegeben. Ich war die letzten Semester auch nur noch selten an der FH. Anwesenheitspflicht gab es nicht und den Prof für Atomphysik hatte ich zur Prüfungsklausur zum ersten Mal gesehen 🙂
    War aber auch kein Problem, da ich selbst in einem Sicherheitslabor mit radioaktivem Material arbeitete und Zugang zu einem Forschungsreaktor hatte.
    Ich weiß nicht mal mehr, wo meine Diplomurkunde ist.

    Irgendwie war ich ein faules Schwein, habe das Ziel des Studienabschlusses aber nie aus den Augen verloren. Aufgewachsen in einer Zeit, als man Linkshänder als geistig Behinderte ansah, war es mir besonders wichtig, mir und den anderen zu beweisen, dass ich es trotzdem packen kann.
    Inzwischen bin ich auf meinem Gebiet international ein Name und respektiert, aber meine Kindheit kann mir trotzdem keiner zurückbringen.

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  6. Pingback: Das Studium und das liebe Geld //2317 | breakpoint

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