Elfhundertzweiundsechzig

Von meinen Neigungen her bin ich ja eher Theoretikerin (ja, so ähnlich wie Sheldon). Bloß gibt es gelegentlich auch Situationen, in denen ich eine meiner Hypothesen experimentell überprüfen möchte.
Auslöser war eine Diskussion, die ich kürzlich auf einem meiner anderen Blogs geführt hatte, die wiederum auf einem anderen Blogeintrag beruhte, der seinerseits .. aber das führt jetzt zu weit.

Man kann natürlich ethische Bedenken bezüglich Menschenversuchen haben. Aber da das Versuchsobjekt nicht zu nachhaltigem Schaden kommen würde, sah ich dies als ausnahmsweise vertretbar an.
Die Versuchskonzeption sah vor, dass ich mich auf definierte Weise, jedoch recht untypisch für mich selbst verhalte. Aber lest selbst.

Wir hatten abends gemeinsam etwas ferngesehen, saßen dabei auf dem Sofa. (BTW hatten wir bereits die neue Alpha-Version, die ich mit meinen Jungs am Nachmittag erstellt hatte, angemessen gefeiert.)
Wie so oft hatte ich meine Beine schräg über seine gelegt. Dies nutzt er üblicherweise, um seine Hände wandern zu lassen.
In der Werbepause kuschelten und küssten wir verstärkt.
Als Carsten seine Hose öffnete, zog ich ruckartig meine Beine zurück, wandte mich ab, und meinte: „Nö, mag jetzt nicht.“
Perplex hielt Carsten inne: „Was ist los?“
„Keine Lust“, erwiderte ich kurz und nichtssagend.
„Geht es dir nicht gut? Gibt es Probleme?“, erkundigte er sich besorgt.
Ich schüttelte den Kopf: „Alles im grünen Bereich.“
„Was ist dann los mit dir? Vorhin war doch noch alles OK. Ist dir kalt? Ich hole eine Decke.“
„Nein, lass‘ nur. Mich friert’s nicht.“
Allmählich verlor er die Geduld: „Süße, irgendwas stimmt heute nicht mit dir. Wollen wir vielleicht lieber ins Bett gehen? Da kannst du besser entspannen.“

Mir fiel es zunehmend schwer, das Experiment durchzuhalten.
Ich verneinte seine Frage.

„Ist vielleicht doch etwas mit der Alpha-Version?“, derailte er, „du hast doch gesagt, dass sie funktioniert.“
„Ich hab‘ nur gesagt, dass sie baut. Das heißt, das Make-File läuft fehlerlos durch. Die Tests müssen noch gemacht werden.“
„Und das macht dir Sorgen?“
„Überhaupt nicht. Ich bin zuversichtlich, dass sie größtenteils klappen. Und wo Bugs auftauchen, müssen die eben beseitigt werden. Kleinigkeiten gibt es immer, aber ich erwarte keine größeren Probleme.“

Während ich sprach, griff er unter meine Bluse, und drückte die richtigen Knöpfe. Das war der Punkt, an dem ich das Experiment nicht mehr weiter durchhielt, und so beendete ich es. Der Versuch war erwartungsgemäß verlaufen.

Ich erklärte ihm übrigens anschließend, dass ich nur mal was hatte ausprobieren wollen. Das nahm er teils belustigt, teils seufzend zur Kenntnis, und meinte lediglich, ich solle mir das nicht zur Gewohnheit werden lassen.

Nach feministischer Vorstellung hätte er meine (unbegründete!) Ablehnung (die übrigens jederzeit erfolgen darf – auch nachträglich und rückwirkend) sofort diskussionslos akzeptieren müssen. Ohne jegliche Rückfrage. Ohne zu versuchen, mich umzustimmen. Ohne seine Enttäuschung oder sein Bedauern in irgendeiner Form durchblicken zu lassen. Die einzige ihm zugestandene Option wäre gewesen, sich zurückzuziehen und sich ggph. selbst um seine Belange zu kümmern.
Wie weltfremd und unmenschlich!

Eine Fortsetzung der Versuchsreihe ist nicht geplant. So zickig und abweisend will ich mich sonst nicht verhalten. Das entspricht nicht meinem Naturell. Das Ablehnen ist mir äußerst schwer gefallen, und wäre es nicht darum gegangen, eine fundierte Hypothese zu bestätigen, hätte ich mich niemals dazu durchgerungen.

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Über breakpoint AKA Anne Nühm

Die Programmierschlampe.
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33 Antworten zu Elfhundertzweiundsechzig

  1. N=1 ist wissenschaftlich aber noch nicht sehr aussagekräftig 😉

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  2. Molly L. schreibt:

    😀 😀 😀 Ich schmeiß mich weg! Annie, ganz ehrlich: Der Tag, an dem Du WIRKLICH nicht magst (außerhalb Deiner Regel oder einer ernsteren Krankheit), der muss erstmal kommen, 😀
    Es sind aber nicht alle so wie Du, right?
    Eine Pauschalisierung gleich welcher Art fände ich hier absolut fehl am Platz.
    Einerseits sollte man auch nach einer langen Beziehung noch versuchen, den Partner zu verführen; ein einfaches „OK, dann halt nicht“ kann verletzend sein, da hast Du Recht.
    Und kann auch – gerade in Langzeitbeziehungen – dazu führen, dass man immer mehr in ein Leben reinrutscht, in dem man kein oder kaum noch miteinander Sex hat. Und was das für eine (Liebes-)Beziehung bedeutet, kann sich jeder ausrechnen.

    Andererseits sollte – wir sind ja alle erwachsen! – klar sein, dass wenn einer sagt: „Nein, heute nicht!“, dass das dann akzeptiert wird. Man stelle sich vor, jemand bietet Dir – ich bitt eum Verzeihung, dass ich vergaß, was Du nicht gerne magst – Dir eine Kiwi an und Du hast absolut keinen Appetit auf Kiwis. Und siehst Dich am Ende bemüßigt, Dir Srüche wie „Kom schon, der Appetit komt beim Essen“ oder „Komm her, Du willst es doch, rrrrr!“ anzuhören, während ein erwachsener Mensch versucht, Dir mehr oder weniger aufdringlich ein Stückchen in den Mund zu stecken bzw. es Dir auf einer Gabel vor`s Gesicht hält. BRRRR!

    Ich will damit sagen: Beides kann Mist sein, Beides kann gut sein, es kommt immer auf den Einzelfall und die Personen an! Für mich gehört (regelmäßiger) Sex zu einer guten, gesunden, erwachsenen Beziehung dazu, sofern keine Gründe wie eben zB eine schwerwiegende Krankheit dagegensprechen (mit „Sex“ meine ich jetzt alles, was damit zusammenhängt und dazugehört, nicht nur das „rein-raus“ an sich).
    Und meiner Meinung nach ist der Mensch auch einfach biologisch ausgelegt, Sex zu haben, Nähe zu suchen, es ist innerhalb einer großen Lebensspanne genau so ein Grundbedürfnis wie essen, trinken oder schlafen.
    Dennoch haben wir alle ein Recht auf Selbstbestimmung und darauf, „Nein!“ zu sagen. Was davon jetzt wie genau gemeint ist, was verletzt oder als Kompliment ist, wann einer sich einfach nur im Spiel ein wenig ziert oder mal wieder so richtig schön erobert oder verführt werden will, wann es einer ernst meint mit seinem „Nein!“ und was ihm dann stattdessen gut tun würde: All das sind Dinge, die in einer Beziehung offen kommuniziert werden sollte. Da hat jeder seine „Signale“ und „Codewörter“, jeder seinen Unterton, sein Stirnrunzeln, sein neckisches Zwinkern.
    Sollte man offen drüber reden, ja. Manche Paare müssen es nicht, viele Paare tun es nicht. Und tun sich dann gegenseitig weh und das ist schade.

    Und noch als Schlußwort, liebe Anne, auch wenn`s Dir schwerfällt zu glauben: Manchmal habe ich einfach keine Lust und will weder belabert, noch verführt oder sonstwas werden, sondern schlicht und einfach keinen Sex haben. 😛

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    • Es stimmt schon, Molly, jedes Paar muss da selbst seine Balance finden.
      In einer längeren Beziehung kann man ja über alles reden, und wenn einer mal wirklich nicht mag, wird er es dem anderen in passender Form schon vermitteln, und der andere wird das dann wohl auch einsehen.

      Was mich jetzt aber sehr stören würde – und dich vermutlich auch – wäre eine schulterzuckende Reaktion wie: „Gerne. Dann mach ich’s mir eben selbst.“
      Genau das fordern Feministinnen.

      Bei einem Nein gegenüber einem Partner, den man gut kennt, und mit dem man vertraut ist, ist es IMHO ein Zeichen der Wertschätzung, eventuelle Unlust für den anderen nachvollziehbar zu begründen, bzw. durchaus nachzuhaken. Sonst bleibt Groll und Unverständnis zurück, vielleicht sogar Verletztheit. Das kann einer Beziehung auf Dauer nicht zuträglich sein.

      Zwischen Essen und Sex ist schon ein Unterschied. Aber du hast schon recht, dass es schwierig sein kann, so etwas abzulehnen, ohne unfreundlich oder unhöflich zu werden.
      Genauso wenn ein Zeitungsvertreter vor der Haustür steht, und dir ein Abonnement andrehen will. Wenn der das „Nein, danke“ nicht akzeptiert, knalle ich ihm eben die Tür vor der Nase zu. Punkt.

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      • Molly L. schreibt:

        Ha, geht doch! Kann es sein, dass Du ein wenig überreagierst, sobald das Wort „Feminismus“ fällt? 😛
        Sowieso sollten solche Aussagen wenn dann in beide Richtungen gelten, kursieren doch Gerüchte, dass auch Männer nicht immer Lust haben …

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        • Hm .. ich fürchte, ich reagiere noch viel zu mäßig und gelassen. 🙄
          Wenn sie nur für sich selbst sprechen würden, ließe sich das ja noch ignorieren, aber sie erheben den Anspruch, für alle Frauen zu sprechen (also auch für dich, Molly!), und das geht ja nun zu weit.

          Selbstverständlich gehen die Aussagen in beide Richtung – ist nur meist umständlich, das jedesmal explizit zu formulieren.
          Beispielsweise habe ich es nicht einfach auf sich beruhen lassen, als Carsten Sex im Büro ablehnte – zu unser beider Vorteil. :mrgreen:

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  3. Leser schreibt:

    Ich habe eigentlich zu dem verlinkten Artikel im auschfrei-Blog eine Frage, aber die wäre dort gleichzeitig off-topic, deshalb stelle ich sie hier: Welche für beide Partner unangenehme Nebenwirkung, die nicht in der Packungsbeilage steht, haben denn Antibiotika in Bezug auf Sex?

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  4. Dieter schreibt:

    🙂 Ja ja, immer diese Menschenexperimente, wobei sich fast die Frage stellt wer Versuchsobjekt war bzw. wann sich das Versuchsobjekt zum Versuchsleiter wandelte. 😀

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  5. ednong schreibt:

    Oh Mann,
    das arme Versuchsobjekt. Hätte echt Schaden nehmen können. Stell dir mal vor, der hätte vor Sorgen nicht mehr schlafen können (also schlafen, nicht schlafen – obwohl das eine dem anderen sicher folgt). Schlimm.

    Wobei es sicher auf die Beziehung an sich und die Typen Menschen ankommt, die diese eingegangen sind. Ich kann mir durchaus vorstellen, wo der eine die Aussage des anderen auch akzeptiert (ja, ich weiß, du nicht, jaja).

    Ergo ist deine Aussage genauso schlecht pauschal anwendbar wie die Aussage der Feministinnen (oder Feministen?). Dein armer Männe …

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  6. Leser schreibt:

    Interessanterweise hatte ein Freund von mir dieses Problem vor Kurzem gerade: Seine Freundin leidet unter dem „Nähe-Distanz-Syndrom“, und wollte daher eine Zeit lang keinen Sex, oder nur sehr selten mal. Wenn es dazu kam, fand sie es aber natürlich auch gut, der Sex hat ihr gefallen usw. – Das fand der Freund von mir natürlich nicht toll, und sie haben es durch Reden geschafft, dass sie sich dieses Problems bewusst wird, bzw. läuft es jetzt wohl so ab, dass sie eben lernt, diese Nähe (die sie ja zugleich auch sucht und ich nehme an auch braucht) auch zuzulassen, anstatt sich davor abzuschotten, wie zuvor.
    Dazu muss erwähnt sein, er ist 34 und sie 20, d.h. sie hatte vor ihm noch keinen Mann, mit dem sie in einer derart engen Beziehung gelebt hat, sondern eben nur „unverbindlichen Sex“, der als Beziehung „umdefiniert“ wurde, daher kannte sie diese Nähe auch nicht, bzw. war sie ihr aus dem Elternhaus (als emotionale Nähe und Verbundenheit, was man im Allgemeinen als Liebe bezeichnet, im Falle der Eltern-Liebe natürlich nicht sexuell) nie vermittelt worden. Da sie Psychologie studiert, sollte sie sich aber auch selbst therapieren können, was sie nun ja auch macht, mit seiner Hilfe.

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    • Blublubla schreibt:

      Also „selbst therapieren“ ist meistens eine schlechte Idee. (Es sei denn es ist eine Bagatelle, aber dann braucht man auch keine Therapie.) Das gilt genauso bei Ärzten, Juristen, Ingenieuren und Schriftstellern. Schonmal einen „offensichtlichen“ Fehler im eigenen Code/Text/Berechnung gesucht? Das kann ein Kollege viel besser.

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    • Ein schönes Beispiel dafür, dass man sich nach einer Ablehnung nicht sofort zurückziehen soll.
      Kommunikation ist wichtig, und manchmal steht man sich auch selbst im Weg.
      Wer wirklich nicht will, findet schon eine Möglichkeit, das klar zu machen.

      Wenn es dazu kam, fand sie es aber natürlich auch gut

      Genau. Ein kleiner Anschubser ist sicher nicht verkehrt, und kein normaler Mensch nimmt das übel, sondern dürfte häufig froh sein für die Chance, seine Meinung zu ändern.

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  7. nickel schreibt:

    Grausame Menschenexperimente! Tier…oh äh sorry, wollte sagen: Menschenquälerei! Nicht artgerecht!
    Ich rufe…äh…wen ruft man da? Amnesty Internäschenell…PETrA…ach ich rufe sie einfach ALLE!

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  8. Blublubla schreibt:

    Die Links sind in der mobilen Ansicht (bei mir) nicht als solches zu erkennen.

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  9. Pingback: Dreizehnhundertzweiundsiebzig | breakpoint

  10. wollesgeraffel schreibt:

    Erinnere an ein Spruchband beim Derby Dortmund : Schalke:
    Schluß mit den Tierversuchen, nehmt Schalker!

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