Sechshunderteinundsiebzig

Inzwischen habe ich schon etliche Gespräche mit Bewerberinnen um die freie Vorzimmerstelle geführt. Bisher scheiterte eine Einstellung vor allem an zu geringen Englisch-Kenntnissen (nötig, um mit Kunden zu kommunizieren), keiner Zeit am Nachmittag (mittlerweile lege ich die Vorstellungstermine nur noch auf den Nachmittag – wer das zeitlich schon nicht schafft, braucht gar nicht erst anzutreten) oder Überqualifikation (d.h. zu hohen Ansprüchen).

Vor ein paar Tagen jedoch stellte sich eine Bewerberin vor, die alles in den Schatten stellte.
Wie jedesmal hatte ich mich selbst mit meinem Namen vorgestellt, und ihr erklärt, dass ich das Gespräch im Auftrag des Geschäftsführers leiten würde. Von der Personalabteilung war auch ein Ansprechpartner anwesend.
Anfangs hatte die Bewerberin trotz übertriebener Schminke einen hinreichend guten Eindruck gemacht, um sie ihrem möglicherweise zukünftigen Chef vorzustellen.

Nach Möglichkeit lege ich diese Termine so, dass Carsten gerade keine Besprechungen hat und ggf. seine aktuelle Tätigkeit unterbrechen kann. So hatte ich den Termin auch diesmal gelegt, so dass ich mit der Bewerberin im Schlepptau zu seinem Büro ging.
Da das Vorzimmer nachmittags unbesetzt ist, und auch Jason gerade nicht am Platz war, klopfte ich selbst an der Tür zu Carsten’s Büro. Allerdings war er gerade doch beschäftigt, so dass ich ihm die Bewerberin zwar kurz vorstellen konnte, aber er uns bat, noch ein paar Minuten zu warten.

Also setzte ich mich mit ihr in die dafür vorgesehene Sitzgruppe, wo sie eine Unterhaltung begann, der ich nur sehr zurückhaltend folgte.
„Oh nett, der Chef duzt sich mit den Angestellten.“
„Normalerweise nicht. Ich bin keine Angestellte, sondern extern.“
„Aber er trägt keinen Ehering, ist also noch zu haben.“
„Er ist glücklich verheiratet.“
„Wenn er trotzdem keinen Ring trägt, dann ist das aber doch wohl ein Zeichen.“
„Dafür, dass er nichts von solchem Schnickschnack hält.“
„Nee, das ist ein eindeutiges Zeichen. War bei meinem letzten Job auch so. Der Chef durfte nicht mehr an seine Alte ran, und hat dann die Angestellten gebumst.“

Hör ich recht? Etwas indigniert ob ihrer Wortwahl, und überrascht aufgrund des angeschnittenen Themas (völlig unpassend während eines Vorstellungstermins!), meinte ich nur: „So so.“
Schließlich brauche ich ihr nicht auf die Nase zu binden, dass der hiesige Chef reichlich von seiner Geliebten ausgelastet wird.
„Ja“, fuhr sie fort, „aber wenigstens war er dabei immer großzügig.“
„Warum haben Sie diesen Job denn beendet, wenn er Ihnen so gut gefallen hat?“
„Äh, ..“

Bevor sie noch antworten konnte, war Carsten wieder an der Tür und wollte uns in sein Büro bitten.
„Nein, das hat sich mittlerweile erledigt“, lehnte ich ab, „Frau Schnepf setzt ihre Prioritäten wohl nicht ganz passend für diese Stelle.“

Aus den Augenwinkeln sah ich, dass er verärgert war. Trotzdem wandte ich mich an die Bewerberin: „Ich bringe Sie noch zum Ausgang. Sollten Sie Auslagen für Ihre Anreise gehabt haben, wenden Sie sich damit bitte schriftlich an die Personalabteilung.“
Ziemlich perplex folgte sie mir. Dann plötzlich brach es gehässig aus ihr heraus: „Ach, ich verstehe. Sie sind selbst scharf auf ihn. Vielleicht gebe ich seiner Frau mal einen Tipp.“
„Das steht Ihnen frei.“
Inzwischen waren wir bei der großen Tür angelangt. Ich verzichtete auf ein „Auf Wiedersehen“.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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42 Antworten zu Sechshunderteinundsiebzig

  1. aliasnimue schreibt:

    88|8|88|8|88|8|88|8|88|8|88|8|88|8|88|8|88|8|88|8|

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  2. Athropos schreibt:

    Hast du C. anschließend eigentlich noch aufgeklärt?
    Und war retrospektiv das ihr einziger Bereich mit Expertise?

    @captcha: love will …

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    • breakpoint schreibt:

      Natürlich habe ich es Carsten abends noch erklärt, und er hat mir recht gegeben, dass ich sie ihm vom Leib gehalten habe.

      Für diesen Bürojob sind keine allzu speziellen Fähigkeiten erforderlich.
      Englisch hätte sie gekonnt, weil sie mal zwei Jahre lang in den US gewohnt hat. Ansonsten nur einfachste Büroarbeiten wie Kaffee kochen, Akten abheften etc.

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  3. idgie13 schreibt:

    Mit der Spezies „Sekretärin“ komm ich eh nicht gut zurecht und jetzt bestätigst Du quasi auch noch jeden Eindruck und jedes Vorurteil … B)

    Wie doof kann man sein, solche Themen beim Vorstellungsgespräch anzuschneiden … ???

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    • breakpoint schreibt:

      Eine (ausgebildete) Sekretärin suchen wir gar nicht. Da haben wir eine, wenn auch nur vormittags. Die ist in Ordnung und entspricht nicht diesem Klischee.

      Ja, wie doof kann man sein? Das habe ich mich auch gefragt.
      Andererseits war es besser, das jetzt gleich herauszufinden, als irgendwann, wenn der Arbeitsvertrag bereits fest ist.

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  4. sigrun_beate schreibt:

    Unglaublich. Wenn es im Grunde nicht eigentlich traurig wäre, doch zum lachen.
    Interessant wäre ja dann, ob sie dir wirklich einen Hinweis geben wird :))

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  5. Waage73 schreibt:

    Klasse, ich sollte auch mal in die Personalabteilung wechseln, lach… 😉

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  6. Leser schreibt:

    Da stellt der Alltag mal wieder jede Situationskomik in den Schatten. Wirklich köstlich, und dann ist sie auch noch in ihrem Glauben gelassen worden…Ich weiß ja nicht, in solchen Situationen könnte ich mich eher nicht zurückhalten, so etwas aufzuklären. Spätestens bei der letzten Bemerkung der Bewerberin wäre mir etwas derartiges rausgerutscht…Sowas wie „haben Sie doch gerade getan“, oder so…

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  7. DerMaskierte schreibt:

    Köstlich, gar köstlich. Und die Leute wundern sich hinterher wirklich, warum sie keine Stelle kriegen, obwohl sie doch so qualifiziert sind.

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  8. Berna schreibt:

    Haha schön gelacht! Aber die ist doch bescheuert, dass gleich bei einem Vorstellungsgespräch rauszulassen, wo sie das ganze Beziehungsgeflecht in der Firma nicht kennt. Aber ich finde du hast richtig gehandelt, dass du ihr nichts gesagt hast. (Auch wenn ich mir sehr gerne Ihren Gesichtsausdruck vorstelle, wenn du doch was fallen gelassen hättest.) Irgendwann wird sie mit ihrer Art auf die Nase fallen. Hoffe ich.

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  9. plietschejung schreibt:

    Geil, ich hab selten so gelacht 🙂
    Besser hätte es nicht in einem Drehbuch stehen können.

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  10. baerlinerinn schreibt:

    …koestlich! – Und doch, ich – als des Chefs Angetraute – haette ihm nach der Erklaerung einen Kuss auf den Mund gegeben… :-p (P.S. Ooops. Captcha: Watch out)

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  11. Gentleritter schreibt:

    Sehr souverän gelöst, aber Romanautorin wird aus dir keine mehr. Eine so wunderbare Eskalation und Steigerung der Spannung auszulassen, die Delinquentin mit eurem Beziehungsstatus zu konfrontieren..!? Das wäre für den Leser wunderbar interessant gewesen..!

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  12. ednong schreibt:

    LOL
    Also von mir hätte er nichts derartiges zu befürchten.
    Wenn ich nur mehr Zeit hätte …

    Geiles Captcha: warp speed

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  13. Murgs schreibt:

    PLATSCH!

    Da hat jemand aber ein überlebensgroßes Fettnäpfchen erwischt.
    Soviel dreiste Dämlichkeit gehört bestraft, also laß sie dumm sterben – sie kann mit dem Wissen wer Du in diesem Unternehmen bist sowieso nichts anfangen.

    Ich bin immer wieder geschockt, was manche Bewerber(innen) sich schon im Bewerbungsschreiben an irren Pannen leisten! Zuletzt eine Bewerbung für eine Lehrstelle mit einem Foto, das qualitativ nicht nur meine Handykamera besser kann, sondern auch mit einem Gesichtsausdruck, als hätte sie einen im Tee gehabt.

    Was Englischkenntnisse angeht: Schraube Deine Erwartungen weit herunter, selbst bei Abiturienten!

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    • breakpoint schreibt:

      Schon manchmal überraschend, was manche Bewerber glauben, bieten zu können.
      Aber dies war wirklich ein Extremfall (oder haben wir’s sonst nur nicht gemerkt).

      Englisch:
      Abiturkenntnisse allein sind schon etwas mager.
      Da relativ häufig ausländische Kunden anrufen, muss die Bürohilfe aber wenigstens halbwegs mit ihnen sprechen können.

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  14. Murgs schreibt:

    Bewerber auf normale Stellenanzeigen haben teilweise keinen Schimmer, was für Qualifikationen verlangt werden, selbst wenn die Anzeige deutlich formuliert ist.

    Bei Fremdsprachen ist es oft wichtiger sich überhaupt etwas zu trauen. Nach meiner Erfahrung hat man es bei englischer Kommunikation selten mit Muttersprachen zu tun.
    Sogar in USA: Der Gegenüber im McD spricht oft schlechter Englisch als ich mit meinem Schulenglisch (naja neun Jahre bei guten Lehrern, und ich lese gerne Betriebs- und Bauanleitungen in der englischen Version)

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    • breakpoint schreibt:

      Bei dieser Stelle ist keine besondere Qualifikation gefordert, nur ein einigermaßen passables Englisch ist wichtig.
      Gerade weil manche Kunden einen andersprachigen Akzent haben, ist es häufig schwieriger, sie zu verstehen.
      Damit muss die Bürohilfe klarkommen.

      Zwischen written und oral English ist m.E. ein großer Unterschied. Ich lese z.B. ständig irgendwelche englische Texte und schreibe selbst Berichte in englisch.
      Wenn ich mich dagegen mit jemandem auf Englisch unterhalte, dann muss ich auch die Sprachgeschwindigkeit, ggf. Dialekt oder Akzent berücksichtigen.
      Das fällt mir schwerer als rein schriftliche Texte.

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  15. mkuh schreibt:

    noch was von ihr gehört ?
    Viele Grüße

    mkuh

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  16. Bellona schreibt:

    ich weiß auch nicht, was ich davon halten soll. so banane kann man ja fast nicht sein?!

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  17. breakpoint schreibt:

    SiebenhundertfünfundneunzigJetzt haben wir endlich doch noch eine Bürohilfe gefunden. Zwar erst ab November, aber die paar Wochen im Oktober werden wir schon irgendwie überbrücken können.

    Man sollte gar nicht unterschätzen, wie schwierig es ist, jemanden für solch eine einfac…

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