Zweihundertsechzig

Ich habe mich fast eine Woche lang nicht gemeldet. Der Grund ist, dass ich unerwartet ins Krankenhaus musste.

Es fing ganz harmlos am Wochenende mit einer leicht geschwollenen linken Mandel an.
Ich dachte mir überhaupt nichts schlimmes dabei. Der Hals spannte ein bisschen, aber es hielt sich in Grenzen, so dass ich es leicht ignorieren konnte.

Dann am Montag abend verschlechterte es sich innerhalb weniger Stunden rapide (Carsten meint, die Anstrengung beim Jour fixe sei der Auslöser gewesen, dabei saß ich doch da nur ganz ruhig drinnen). Ich konnte nicht mehr schlucken und kaum noch sprechen.

„Du musst dringend zum Arzt“, meinte Carsten entschieden.
Grundsätzlich halte ich ja gar nichts von Ärzten. Dazu habe ich während meines Studiums zu viele Medizinstudenten erlebt, um noch Respekt vor diesem Berufsstand zu haben. Aber diesmal kam ich wohl nicht drum herum.
„Die Praxen haben jetzt alle zu“, versuchte ich zu sagen, aber es kam nur ein undeutliches Gemurmel heraus und ich empfand fast einen Würgereiz.
„Und wenn schon. Zieh dich an und komm mit.“

Wir fuhren in die Stadt und ich begann jetzt auch noch zu frieren. In diesem Stadtteil war ich noch niemals gewesen. Carsten hielt vor einer eleganten Villa, stieg aus und half mir aus dem Wagen.

Als er am Gartentor klingelte, schlug sofort ein Hund an. An der Türsprechanlage meldete sich nach wenigen Minuten eine weibliche Stimme.
Carsten antwortete sofort: „N’Abend, Yvonne. Wir müssen uns mal meinen Bruder ausleihen.“

Ein paar Minuten später saßen wir dann im Wohnzimmer. Norbert schien gar nicht erfreut über die späte Störung zu sein. Carsten sprach auf ihn ein, um ihn zu überreden, mich zu untersuchen. Ich habe aber nur noch Wortfetzen wie Krankenversicherung, Kassenzulassung, Privatrechnung und hypokratischer Eid in Erinnerung. Selbst etwas sagen konnte ich nicht, und etwas von dem Fruchtsaft zu trinken, den mir Yvonne hingestellt hatte, war auch praktisch unmöglich, zumal die Säure meinen Hals reizte.

Schließlich schienen sich die Männer geeinigt zu haben. Norbert drückte mir zuerst etwas von außen am Hals herum, dann schaute er mir mit einem Stäbchen und einer Lampe in den Hals, wobei ich mehrmals „Ahh“ sagen sollte, aber nicht so richtig schaffte, zumal ich den Mund jetzt gar nicht so weit wie sonst öffnen konnte.
„Klassische Tonsillitis mit Peritonsillarabszess. Obwohl man eine Therapie nur mit Antibiotika probieren könnte, würde ich empfehlen, zunächst eine Inzision und Punktion des Abszesses durchführen zu lassen.“
„Dann mach das gleich!“
„Ich habe hier gar nicht die nötigen Instrumente da.“
„Dann fahren wir eben in deine Praxis!“
„Ich brauche auch eine ausgebildete Assistentin. Fahrt in die HNO-Klinik, Notfall-Ambulanz. Da ist sie gut aufgehoben. Eine Überweisung ist nicht unbedingt nötig.“
Carsten zögerte. Das Argument mit der fehlenden Ausrüstung und Assistentin konnte er wohl nicht widerlegen.
„Also gut. Aber du kommst mit. Damit sie nicht irgendeinen unfähigen Assistenzarzt an ihr rumpfuschen lassen.“
Norbert zuckte resigniert mit den Schultern: „Also gut!“ Dann fügte er an mich gewandt hinzu: „Kommandiert er Sie auch so herum?“
„Das versucht er“, krächzte ich.
Daraufhin fuhr Carsten Norbert an, was er sich dabei denke, mich zum Sprechen aufzufordern, wo er selbst vorher gesagt hätte, das ich eben dies möglichst nicht sollte.

Zu dritt fuhren wir also dann in die Klinik, wo ich dank Norbert’s Hilfe (der dort anscheinend ein paar Belegbetten hat) schon nach kurzer Zeit dem diensthabenden Oberarzt gegenübersaß.
An den eigentlichen Eingriff will ich mich nicht erinnern. Deshalb schreibe ich hier auch nichts im Detail. Er war unangenehm und schmerzhaft, aber danach fühlte ich mich wieder deutlich besser.

Nachdem ich mir noch mehrfach den Mund ausgespült und blutigen Schleim und Eiter ausgehustet hatte, schickte Carsten seinen Bruder wieder nach Hause.
„OK. Das war’s erst mal. Du kannst wieder heim.“
„Moment mal, ich bin mit deinem Wagen hergekommen.“
„Fahr mit dem Taxi auf meine Rechnung. Das heißt, vorher regelst du noch, dass sie ein Einzelzimmer bekommt und ich nicht auf irgendwelche Besuchszeiten beschränkt werde.“
„Ein Krankenhaus ist kein Stundenhotel“, brummte Norbert mürrisch.
„Klar. Sonst hätte ich ein Doppelbett bestellt.“
„Ich habe keinen Einfluss auf die Besuchszeiten.“
„Wenn es Probleme gibt, stellst du eine großzügige Spende für den Klinikförderverein oder etwas ähnliches in Aussicht. Zu den Besuchszeiten muss ich schließlich selbst arbeiten.“

Die Tage im Krankenhaus waren mehr oder weniger alle gleich: drei Mahlzeiten am Tag (ich bekam anfangs nur Püriertes, Suppe, Brei und Pudding), drei Mal am Tag eine Infusion mit einem Antibiotikum, Temperatur-, Blutdruck- und Pulsmessung, Visiten, Behandlung mit Nachspreizen :-(, zweimal am Tag an den Inhalator (ein etwa zwanzig Zentimeter langer Schlauch, der horizontal aus dem Gerät kam, mit Mundstück, das ich in den Mund nehmen musste, und mir etwas feuchtes in den Mund spritzte; Glückwunsch an den Designer; nein, mehr sage ich jetzt nicht dazu).

Carsten besuchte mich jeden Tag dreimal, wenn auch meist nur kurz. Am Morgen vor sieben, irgendwann um die Mittagszeit (da war tatsächlich Besuchszeit!) und abends nach Feierabend. Weder die barbieblonde Stationsärztin noch die Krankenschwestern trauten sich etwas dagegen zu sagen, obwohl das sonst absolut unüblich ist.

Da Carsten mir mein Notebook gebracht und einen UMTS-Stick besorgt hatte (das hauseigene WLAN für Patienten zickte zu sehr auf den VMs), konnte ich in der Klinik ganz normal meiner Arbeit nachgehen, was ich aber nur eingeschränkt tat. So habe ich zwar dringende Mails beantworten können, aber für viel mehr reichten meine Kräfte noch nicht, weshalb ich auch auf Blogeinträge verzichtete.

Auch jetzt muss ich noch ein paar Tage lang Antibiotika einnehmen. Deshalb habe ich auch immer wieder mehr oder weniger am ganzen Körper Juckreiz.
Mein rechtes Handgelenk ist auch noch geschwollen, weil die Infusionsnadel die Venenwand gereizt hat – das ist nicht optimal für die Bedienung von Tastatur und Maus.

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Über breakpoint AKA Anne Nühm

Die Programmierschlampe.
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12 Antworten zu Zweihundertsechzig

  1. Lahti schreibt:

    Gute Besserung breakpoint. 🙂

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  2. Gustav3 schreibt:

    Ich wünsche dir auch bald wieder auf dem Damm zu sein.

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  3. HnH schreibt:

    Das HnH hofft, dass alles bald wieder gut wird.

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  4. ednong schreibt:

    Ah, endlich.

    So etwas hatte ich ja schon befürchtet – auch wenn ich es etwas netter formuliert hatte. Scheint irgendwie gerade auf den Blogs um sich zu greifen, die ich lese.

    Hm, vielleicht sollte ich weniger Blogs …
    ne, auf keinen Fall. Also: war etwas öde ohne deine Posts, aber immerhin gibt es ja jetzt was zu berichten 😉

    Komm mal recht schnell wieder auf den Damm und lass deine Vene sich entspannen.

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  5. breakpoint schreibt:

    Danke an alle für die Genesungswünsche.

    Es geht ja schon wieder einigermaßen, habe nur leider ziemlich abgenommen.
    Als Arbeitnehmerin wäre ich vermutlich noch diese Woche krankgeschrieben, aber so muss ich jetzt einiges aufarbeiten, was letzte Woche liegengeblieben ist.
    Also wundert euch nicht, falls ich in den nächsten Tagen das Blog noch etwas vernachlässige. 😦

    Übrigens, gustav3 und ednong, meinem Damm geht’s und ging’s die ganze Zeit über ausgezeichnet. 😉 😀

    @HnH
    Das rührt mich jetzt wirklich. War ich doch davon ausgegangen, dass das Hick’n’Hack-Forum das Interesse an mir verloren hat.

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  6. breakpoint schreibt:

    AchthundertachtundzwanzigIch bin seit gestern im Krankenhaus. Die Mandeln mal wieder.
    Diesmal wartete ich nicht so lange ab wie vor zwei Jahren, sondern ließ mich früher (also bereits bei leichtem Schüttelfrost und mäßigen Schluckbeschwerden, und nicht erst, wenn gar nichts m…

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  7. Pingback: Achthundertachtundzwanzig | breakpoint

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