Hundertzwölf

Wir begannen das Wochenende mit einem Kinobesuch mit anschließendem Abendessen.
Ich hatte Carsten vor die Wahl gestellt zwischen Kino „Unser Leben“ (wie wir es bereits vor einigen Wochen ausgemacht hatten) und Theater „Warten auf Godot“.
Ich gebe zu, dass das keine wirkliche Wahl war, und hätte sich Carsten tatsächlich für Beckett entschieden, hätte ich schon zurückgerudert.

Nachdem wir am Samstag vormittag lange ausgeschlafen 😉 hatten, führte Carsten mich ein bisschen in seinem Haus herum. Bei meinen früheren Besuchen hatte ich ja immer nur einzelne Räume gesehen.
„Mi casa es tu casa. Ich will dich nicht drängen, aber wenn du willst, kannst du dich gerne hier ausbreiten. Wir könnten auch eines der leeren Zimmer als Arbeitszimmer für dich einrichten. Oder wenn du sonst etwas ändern willst, die Möbel oder was immer. Wir können alles nach deinem Geschmack umbauen.“

Ich antwortete nicht, da ich keinerlei Pläne in dieser Richtung hatte. Stattdessen fragte ich Carsten, ob er mit mir ins Schwimmbad wolle.
Er schüttelte den Kopf: „Das ist, glaube ich, keine so gute Idee.“
Ich war erstaunt: „Und warum nicht?“
Er lachte: „Du weißt doch, was mit mir passiert, wenn ich mit dir zusammen bin. Im Schwimmbad wäre das nur schwer zu verbergen. Und Gelegenheit, etwas dagegen zu tun, gibt es auch nicht.“
Diesem Argument hatte ich nichts entgegenzusetzen.

Carsten fuhr fort: „Aber wir könnten uns im Keller einen Whirlpool einbauen lassen. Oder eine Sauna, wenn du willst.“
„Hm, vielleicht“, antwortete ich ausweichend.
„Hättest du gerne ein Wasserbett?“
„Nein,“ sagte ich, diesmal bestimmt, „ich habe lieber etwas federndes unter mir.“

Lachend gingen wir nach draußen.
Das Grundstück war ringsum von hohen Mauern und Hecken umgeben. Ich bemerkte, dass es sehr geeignet für gewisse Outdoor-Aktivitäten sei, zumindest wenn es noch etwas wärmer würde.
Dann hatte ich eine Idee: „Weißt du, was mir gefallen würde? Eine Schaukel!“
„Du meinst eine Liebesschaukel?“
„Das wäre sicher auch nett. Aber nein, ich habe an eine ganz normale Brettschaukel gedacht. Allerdings für Erwachsene“, fügte ich hinzu, „ich habe nicht mehr die Maße einer Achtjährigen.“
„Glücklicherweise!“ Carsten fasste mich um die Taille, hob mich mühelos hoch und schwenkte mich herum.
„Hey, was machst du da?“
„Ich schätze schon mal die wirkenden Kräfte ab. Wir werden das Gestell wohl einbetonieren müssen. Auf welchen maximalen Auslenkwinkel kommst du?“
„So siebzig, fünfundsiebzig Grad.“
„Sagen wir Pi/3 . Das lässt sich einfacher rechnen.“
„Nimm doch einfach 0.9 für den Sinus.“
So alberten wir eine Zeitlang herum.

„Eine Hängematte wäre auch nicht schlecht.“
„Notiert.“
„Groß genug für uns zwei.“
„Das dürfte allerdings schwierig werden. Wie wäre es mit einer Hollywood-Schaukel?“
„Hm, ja. Aber groß genug, dass wir dort zu zweit liegen können. Und natürlich auch stabil genug.“
„Ich werde schauen, was sich machen lässt.“
Die Sonne wurde immer stärker und ich revidierte meinen früheren Einwand bezüglich der Temperatur.

Nach dem Mittagessen (wir hatten uns Pizza bestellt), zog sich Carsten in sein Arbeitszimmer zurück: „Leider muss ich heute noch ein paar Stunden arbeiten. Wegen Stuttgart bin ich ziemlich in Rückstand. Und deinetwegen komme ich sowieso zu nichts mehr.“

Hätte ich mein Notebook dabeigehabt, hätte ich wohl ebenfalls produktiv gearbeitet.

So streamte ich stattdessen ein paar Folgen Big Bang Theory herein.
Ich mag die humorvolle Mischung aus Physik und Sex. Größtenteils ist die Serie auch gut recherchiert. Nur einmal haben sie den Nord- mit dem Südpol verwechselt, Magnesium bei den chemischen Elementen mit M vergessen, dazu kommen die typischen Übersetzungsfehler wie Sodium/Potassium/Tungsten/Bismut oder das unaussprechliche „Stundenkilometer“ (da graust es mich wirklich), und ein Theoretiker, der keinen Kaffee trinkt, ist, hm, zumindest mal unplausibel. Na ja, es kommen doch einige Fehler zusammen. Aber ich schweife ab.

Als Carsten zwischendurch eine Kaffeepause machte, und mir beim Fernsehen Gesellschaft leistete, meinte ich das Wetter sei viel zu schön, richtig frühlingshaft, um drinnen herumzusitzen. Carsten stimmte mir grundsätzlich zu, erklärte aber: „Ich muss trotzdem einige Arbeiten noch am Wochenende erledigen. Und da wir morgen einen Ausflug machen wollen, bleibt mir nichts anderes übrig, als das jetzt zu tun.“

Das sah ich ein und legte mich mit einem Buch aus Carsten’s Bibliothek auf einen Liegestuhl im Freien.

Am Sonntag machten wir dann eine kleine Wanderung. Zum Glück hatte ich halbwegs geeignete Schuhe dabei. Wir fanden eine alte Burgruine im Wald, wo wir einige Zeit blieben. Zwei Kilometer weiter war im Nachbardorf bereits ein Biergarten geöffnet, wo wir einkehrten.
Den Rest des Wochenendes nutzten wir, um unsere Frühlingsgefühle auszuleben.

Heute morgen brachte mich Carsten dann wieder in meine Wohnung, wo die Arbeit geduldig auf mich wartet.

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Über breakpoint AKA Anne Nühm

Die Programmierschlampe.
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Eine Antwort zu Hundertzwölf

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