Als Geliebte eines verheirateten Mannes //2596

Das Drei-Körper-Problem lässt sich in der Klassischen Physik nicht allgemein analytisch berechnen. Wie zwei Körper sich miteinander verhalten dagegen schon. Da bekommt man eine geschlossene Formel oder kann z.B. bei Kräften, die mit dem Abstand quadratisch abnehmen, die Kepler’schen Gesetze herleiten.
Aber sobald ein dritter Körper hinzukommt, sind höchstens noch Näherungen möglich, etwa wenn die Masse eines Körpers sehr viel größer ist als die der anderen. Ansonsten kann der dritte Körper dazu führen, dass das ganze System instabil wird, oder sich chaotisch verhält.

Seit genau acht (in binär: 1000) Jahren bin ich heute verheiratet. Ich nutze dieses Datum, um wieder einmal ein Beziehungsthema zu besprechen. Wir hatten damals vereinbart, dass ich trotzdem weiterhin seine exklusive Geliebte bleibe.
Wie eine Katze bin ich (wenn man mal von Sex absieht) am liebsten allein. Deshalb wollte ich auch nie eine Beziehung. Die Vorstellung, meine Aufmerksamkeit und Zuwendung auf einen festen Partner zu konzentrieren, stieß mich ab. Dass meine (nur bei oberflächlicher Betrachtung amatonormativ erscheinende) Ehe mit Carsten trotzdem so glücklich ist, liegt daran, dass wir beide kompatibel sind, uns synergetisch gut als Team ergänzen, aber vor allem auch, dass wir einander genügend Freiraum geben und nicht andauernd aneinander kleben. Wir stellen keine Ansprüche oder Erwartungen aneinander, was irgendwelche romantischen Gefühlsduseligkeiten betrifft. Unsere Verbundenheit ist freundschaftlich-kumpelhafter Art. Er schränkt mich nicht in meiner Eigenständigkeit ein. Wir sind immer noch weitgehend unabhängige, autonome Individuen. Ich bin mir darüber im klaren, dass ich nicht immer leicht zu ertragen bin, und Carsten hat weiß Gauß auch seine Macken. Solange unser Sex gut und erfüllend bleibt, sind diverse Versuchungen zwar eine Herausforderung an die Einhaltung der Ausschließlichkeitsvereinbarung, stellen aber keine wirkliche Bedrohung oder Gefährdung dar.

Nun sind mir in letzter Zeit auf Twitter besonders viele Tweets aufgefallen, bei denen es um Polyamorie geht. Die essentielle Aussage war, dass ein Partner nicht ausreicht, um alle Bedürfnisse zu erfüllen.
Wie kommt man denn bitte auf die Idee, dass ein Beziehungspartner dazu da sei, die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen? Und müsste das dann nicht auch auf Gegenseitigkeit beruhen? Was für eine Horrorvorstellung, dass gleichzeitig mehrere Partner einen bedrängen und emotionale Zuwendung wollen! Ich bin Einzelgänger und introvertiert, brauche meine Rückzugsmöglichkeiten. Ich habe nun wirklich nicht den Nerv, meine Aufmerksamkeit auf mehr Menschen zu verteilen, als unumgänglich.
Ja, ja, ich gebe es ja zu, dass ich mit 14 oder 15 Jahren auch solche unreifen Fantasien hatte: ein Mann für den Intellekt, ein Mann für den Haushalt, einer für dieses Hobby, einer für jenes, .. Und selbstverständlich ist jeder davon stets auf Abruf bereit, wenn ich irgendeinen Wunsch habe. Damals war mir noch nicht klar, dass so etwas wechselseitig gelten muss. Sonst wird die Beziehung zu einseitig und unausgewogen.

Auch wer erwartet, dass ein Partner perfekt ist, wird früher oder später enttäuscht sein, denn niemand ist vollkommen. Je früher man die Unzulänglichkeiten akzeptiert, desto besser. Hollywood-Klischees führen zu Oneitis und überzogenen Erwartungen, die kein Mensch auf Dauer erfüllen kann.

Entweder beschränken sich diese Leute auf rein sexuelle Beziehungen. Dann ist das in Ordnung und vollkommen nachvollziehbar. Sie sollen sich dann aber promiskuitiv oder schlampig nennen. Der Begriff polyamor impliziert aber eine romantisch-gefühlsmäßige Bindung (und tatsächlich haftet dem, was man so liest, dieser süßlich-faulige Anhauch emotionaler Besessenheit an). In diesem Fall glaube ich nicht, dass solch eine Konstellation dauerhaft stabil sein kann. Da muss doch immer mindestens einer zurückstehen und hat das Nachsehen. Das mit der gegenseitigen Bedürfniserfüllung kann langfristig nicht aufgehen. Dafür ist das ganze Konstrukt zu instabil.

Schon für nur zwei Personen ist es schwierig, ein ausgewogenes Gleichgewicht zu finden und beständig zu halten. Mit jeder zusätzlichen Person steigt die Komplexität quadratisch an.
Und im Zweifel kann man sich auch nicht auf die 100%-ige Loyalität der Partner verlassen, wenn man selbst nicht gewillt ist, sich vollständig festzulegen.

Denkbar ist – im Gegensatz zu gegenseitiger Vollvermaschung – auch eine Sterntopologie mit einer Person als Nabe im Netzwerk (sowie auch jede Art von Zwischenstufen und Übergängen). Da frage ich mich schon, was die äußeren Personen bewegt, sich dafür herzugeben, und den Hub mit anderen zu teilen.

Was bin ich froh, dass ich mir im Grunde selbst genüge (solange es nicht um Sex geht), und nicht darauf angewiesen bin, dass andere meine „Bedürfnisse erfüllen“.
Eine feste Beziehung zu maximal einem Partner schaffe ich – unter optimalen Voraussetzungen und mit dem nötigen Verständnis – gerade noch, aber wenn ich mir vorstelle, ich müsste mehrere davon unter einen Hut bringen und meine Aufmerksamkeit synchronisieren – schauderhaft!

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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27 Antworten zu Als Geliebte eines verheirateten Mannes //2596

  1. keloph schreibt:

    im allgemeinen wird zu sehr darüber gesprochen, was andere zu meiner bedürnisbefriedigung beitragen können. ich halte es mit jfk (sinngemäss): ihr solltet nicht darüber nachdenken, was das land für euch tun kann, sondern darüber, was ihr für das land tun könnt. offensichtlich war das auch damals schon ein problem. heute scheinbar umso mehr, schade, das leben aller wäre viel schöner, wenn man mehr auf den jeweils anderen acht gäbe.

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  2. Plietsche Jung schreibt:

    Es steht einfach zuviel Mist im Internet. Das ist beliebig anwendbar.
    Den Menschen geht es in ihrer Komfortzone noch viel zu gut. Aus Mücken werden Elefanten und aus Bedürfnissen Selbstverwirklichung in egoistischer Manier.
    Aber ggf. ändert sich das ja noch.

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  3. pirx1 schreibt:

    Woher kommt die Idee, dass Bedürfnisbefriedigung ein Tauschgeschäft wäre oder Partnerschaft das prinzipiell beinhaltet? Bedingt Bedürfnisbefriedigung tatsächlich Partnerschaft? Doch wohl in den seltensten Fällen.

    Was soll das überhaupt sein: „Partnerschaft“? Gibt es tatsächlich ein „einheitliches Beziehungsmodell“?

    Schon Bezeichnungen wie „polyamor“ oder „schlampig“ sind nichts als austauschbare, leere Luftschläuche, die man vor Benutzung besser mit greifbarem Inhalt füllt – oft von jedem Individuum mit verschiedenem. Darum werden viele dieser Etiketten gedankenlos oder maximal missverständlich benutzt.

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  4. blindfoldedwoman schreibt:

    Aber neben der Arbeit macht ihr doch alles zusammen? Oder hast Du Hobbies oder Freunde, über die Du hier nicht schreibst?

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  5. Mika schreibt:

    Dafür gibt es einen:-) von mir.

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  6. Mika schreibt:

    Das mit der Katze gefällt mir. Meine Katzen sind frei, sie bleiben freiwillig bei mir. Die mit 4 Beinen, weil sie gekrault werden will, die mit zwei Beinen, weil ich göttlich koche. Gerüchte über horizontale Fähigkeiten halte ich für stark übertrieben 🙂

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