Ein Tag zum Vergessen //1943

Es gibt Tage, da wäre es im Rückblick besser gewesen, man wäre am Morgen gar nicht erst aufgestanden. Gestern war so ein Tag für mich.

Früh um acht Uhr hatte der Chef bereits ein Führungskräftemeeting angesetzt. Es hatte Probleme mit einer Behörde, Ärger mit einem Lieferanten gegeben, und noch ein paar andere Unliebsamkeiten, weshalb der Chef äußerst schlecht gelaunt war.
Er nahm dann insbesondere zwei der Führungskräfte in die Mangel. Manches möchte man nicht miterleben müssen. Als ich versuchte, mäßigend einzugreifen, fuhr er mich an: „Halt‘ du dich da raus, Anne!“
In Anbetracht der Anwesenheit der anderen Personen, ließ ich es nicht eskalieren, sondern hielt mich zurück. Unter vier Augen wäre er mir nicht so davon gekommen.

Der weitere Arbeitstag fluktuierte dann zwischen so lala und mehr schlecht als recht.

Abends wollte Carsten etwas mit Verena besprechen. Ich fuhr mit ihm hin, weil ich Sophie versprochen hatte, ihr ein paar Wollreste aus der alten Heimat mitzubringen, die ich ihr geben wollte.
Wir waren etwas früher dran, als ausgemacht, und so ergab es sich, dass wir noch auf die Gruppe alleinerziehender Mütter aus dem Kindergarten trafen, die ihr monatliches Treffen diesmal bei Verena abgehalten hatten. Die Mütter waren gerade noch beschäftigt, ihren Kindern Jacken und Schuhe anzuziehen, als wir das Wohnzimmer betraten.
Verena hielt es wohl für nötig, uns vorzustellen. Zig Augen musterten uns. Stimmen plapperten durcheinander. Begrüßungsfloskeln, Smalltalkfragen, ..
Mein Fluchtreflex hatte bereits eingesetzt, bevor ich Teresa zwischen ihnen entdeckte. Ich hatte sie nicht gleich erkannt, aber im Gegensatz zu den anderen Müttern trug sie keine freundlich-neugierige Miene zur Schau, so dass sie mir in der Gruppe doch auffiel.

Streng genommen ist es nicht erstaunlich, dass Teresa hier dabei war. Verena und sie wohnen im gleichen Stadtviertel, wenn auch weiter voneinander entfernt. Es ist kein Wunder, dass ihre Kinden denselben Kindergarten besuchen. Trotzdem war ich überrascht, Teresa hier zu sehen. Wie hätte ich denn ahnen können, dass sich die alleinerziehenden Mütter in diesem Kindergarten zu einem regelmäßigen Kaffeekränzchen treffen. Und ob man Teresa tatsächlich bereits als alleinerziehend bezeichnen kann, ist noch mal fraglich. Ich könnte mir vorstellen, dass der leibliche Vater ihrer Kinder dies ganz anders sieht.
Aber was weiß ich schon? Ich bin ja nur die femme fatale.

Ich nickte lächelnd ein wenig in die Gegend, dann folgten Carsten und ich Verena in einen anderen Raum. Nebenan hörte ich noch Mütter- und Kinderstimmen durcheinanderrufen, bis irgendwann ruhig war, weil alle gegangen waren.
Carsten und ich erledigten noch, was wir vorgesehen hatten, dann fuhren wir wieder heim.
Ich weiß nicht, ob ihm Teresa überhaupt aufgefallen ist. Zumindest schnitt er das Thema nicht an.

Als wir später endlich Zeit für gewisse Aktivitäten fanden, war Carsten besonders ungestüm und ruppig, so dass ich jetzt an einem Oberarm einen sehr druckempfindlichen Bluterguss habe. Und dauernd stoße ich mich daran.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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16 Antworten zu Ein Tag zum Vergessen //1943

  1. keloph schreibt:

    ich hatte einen solchen Tag am Mittwoch, anders gelagert aber genau so beschissen……das geht vorbei.

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  2. jemand schreibt:

    „leiblicher Vater“
    hat sie denn schon einen neuen Stecher?

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  3. Plietsche Jung schreibt:

    Personen vor einer Gruppe herunterzumachen ist schon peinlich genug.
    Dich dann noch so anzuranzen (auch vor der Gruppe) schon unterirdisch.
    Ein Führungskräftetraining würde ich empfehlen, nachdem, was ich hier so lese.

    Menschen sind die wichtigste Ressource in jeder Firma. Menschen machen Fehler. Immer wieder. Ein sachliches, kritisches Gespräch sollte ausreichen.

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    • Ach, ich nehme das nicht persönlich, und die anderen Führungskräfte kommen auch damit klar. Geschäft ist Geschäft, und wir fahren hier keinen Kuschelkurs.

      Dagegen hat es mir viel mehr zugesetzt, Teresa dort unvermittelt vor mir zu sehen. Damit hatte ich nicht gerechnet.
      Wenn Blicke töten könnten, hätte ich das nicht mehr bloggen können.

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      • Plietsche Jung schreibt:

        Geschäft ist Geschäft, und Kuschelkurs ist damit auch nicht gemeint, wohl aber eine offensichtliche charakterliche Schwäche. Ich habe so etwas schon einige Male in meiner Berufslaufbahn erlebt und empfand das immer besonders peinlich und abstoßend. Man muss seine MA nicht liebhaben, wohl aber ein Minimum an Respekt bieten.

        Zum Glück töten Blicke nicht, insofern bist du freigesprochen 😉

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  4. Irenicus schreibt:

    „Halt‘ du dich da raus, Anne!“

    Irre ich mich, oder bist du nicht mittlerweile Geschäftsführer, Miteigentümer und designierter Nachfolger?
    Dann hast du dich meiner Meinung nach nirgendwo rauszuhalten, und so eine Antwort würde ich dann sicherlich nicht zweimal tolerieren. Und ihm das auch nochmal klar machen.

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