Der Gebärung fünfter Teil //2470

Der vierte Teil meines Berichts endete damit, dass ich mein Baby im Kreißsaal zum ersten Mal stillte.

Zurück auf dem Stationszimmer fragte mich eine Stationsschwester, ob ich noch ein Abendessen wolle. Ich hatte wenig begeistert eingewilligt, etwas zu essen, aber merkte dann doch beim Essen, welchen Hunger ich inzwischen hatte. Ich hatte alles aufgegessen, obwohl dieses Essen eher nicht zu meinen Favoriten zählte, und hätte sogar noch mehr gegessen, wenn noch mehr dagewesen wäre.

Eigentlich hatte ich beabsichtigt gehabt, zwei oder drei Tage lang in der Klinik zu bleiben. Das hätte mir ausreichend Gelegenheit gegeben, mich an die neue Situation zu gewöhnen, und mich mit dem Baby vertraut zu machen. Denn dort steht immer jemand Professionelles mit Erfahrung zur Verfügung, den man bei Fragen rund um Babypflege und Stillen um Unterstützung bitten kann, und der bei Problemen weiterhilft.
Aufgrund des enormen Blutverlustes war es dann aber zweckmäßig, noch ein paar Tage länger zu bleiben, und das war gut so. Ich fühlte mich schon recht schwach. Mein Hämoglobinwert, der sich die ganze Schwangerschaft hindurch wacker gehalten hatte, war tief abgestürzt. Ich war körperlich nicht mehr belastbar, musste immer damit rechnen, dass mir beim Aufstehen schwindelig wurde. Man bot mir Blutkonserven an, was ich ablehnte. Aber ein hochdosiertes Eisenpräparat akzeptierte ich. Außerdem bekam ich eine Infusion mit isotonischer Kochsalzlösung, um wenigstens das Blutvolumen zu ersetzen.
Auch jetzt nach einigen Wochen hängt mir die Anämie noch nach. Bei körperlicher Anstrengung bin ich schnell erschöpft, und das Tragen einer Maske erschwert mir den Sauerstoffwechsel noch zusätzlich.

Es nervte mich schon ein wenig, wie die Stationsschwestern in den nächsten Tagen darauf achteten, wann ich wieder Wasser ließ und wann ich das erste Mal danach Stuhlgang hatte. Aber OK, da kann halt auch einiges schiefgehen, und lieber mal zu genau hingeschaut, als etwas zu übersehen.
Nachwehen spürte ich gelegentlich, insbesondere beim Stillen, aber sie waren leicht auszuhalten und störten mich nicht.
Zum Glück hatte ich mir noch kurz vorher ein paar bequeme Hausschuhe gekauft (eigentlich hätte ich sie lieber in einem Rotton gehabt, aber in meiner Größe gab es blöderweise nur so langweilige dunkle Farben). Die waren wenigstens weit genug, meine geschwollenen Füße aufzunehmen.
Außer meinen Füßen schwollen auch meine Brüste an, und liefen nach ein paar Tagen dauernd aus, so dass die Stilleinlagen jedesmal gleich durchgeweicht waren. Da hatte ich auch nachts etwas Fieber, aber das gab sich schnell wieder.

Carsten brachte mir täglich Joghurt, Obst, Nüsse, Kuchen und anderes Gebäck, da ich einen enormen Appetit entwickelt hatte, und mir die Krankenhauskost nicht reichte. Schließlich esse ich immer noch für zwei. Wasser gab es genug, oder auch Tee. Ich trank auch viel mehr als sonst, sogar in der Nacht.

Es gab tägliche Visiten, in denen Ärzte oder Hebammen untersuchten, wie weit die Rückbildung bereits fortgeschritten war. Regelmäßig hörte ich, dass mein Bauch ja bereits verschwunden sei (naja, dafür eine schlabberig-schlaffe Bauchdecke – ich kann nur hoffen, dass er bis zum Sommer wieder urlaubstauglich wird – Schwangerschaftsstreifen sind zwar vorhanden, aber bereits jetzt nur blass und kaum sichtbar), und dass der Fundusstand der Gebärmutter schon deutlich niedriger sei, als er zu diesem Zeitpunkt sein müsse. Nun ja, vermutlich erzählen sie das so ziemlich allen Frauen, um sie aufzumuntern.
Das nützte aber insbesondere am dritten oder vierten Tag nichts, als mir anlasslos so richtig nach Heulen war. Da hatte mich der Babyblues, bei dem ein Hormonabfall die Stimmung abstürzen lässt, voll erwischt. Aber auch das ging vorüber. Tja, es ist schon seltsam: Da hat man überhaupt keinen Grund, traurig zu sein, weiß genau, dass es an den Hormonen liegt, und trotzdem zieht es einen runter, ohne dass die Ratio etwas dagegen tun könnte.
Es gab auch Anleitungen zu Gymnastikübungen (wo man u.a. lernte, sich wieder aufzusetzen). Außerdem empfahl die Physiotherapeutin, sich auf den Bauch zu legen, um den Wochenfluss anzuregen (als ob der nicht auch so schon stark genug fließen würde). Der Bauch machte mir da keine Probleme, aber nach ein paar Tagen die Brüste.

Nach einigen Tagen wollte ich dann schließlich doch die Klinik verlassen. Ich hatte schon meine Entlassungspapiere, mich und das Baby in zivil gekleidet, mein Bett war bereits weggebracht worden, und ich wartete nur noch auf Carsten, der uns abholen wollte. Da kam eine Neonatologin herein, und meinte, ich müsse doch noch bleiben, weil das Baby Gelbsucht hätte, und noch einen Tag unter UV-Licht (das stimmt nicht – es handelt sich um kurzwelliges sichtbares Licht ) liegen müsse, um das Bilirubin abzubauen. Die leicht bräunliche Hautfarbe des Babys war uns bereits am Vortag aufgefallen, und wir hatten noch gewitzelt, dass es aussähe, als hätte es gerade einen Urlaub hinter sich.
Ich hatte mich auf den Heimweg eingestellt, alles war bereit, mein Bett war bereits weg, ich wollte nur noch heim. Hätten sie mir das eine halbe Stunde früher mitgeteilt, hätte ich noch umdisponiert. Aber so wollte ich nur noch nach Hause in meine vertraute Umgebung. Mit fehlt für solche spontanen Änderungen die Flexibilität, insbesondere, wenn ich nicht fit bin. Die Neonatologin meinte, wenn das Baby (also ich) viel trinken würde, damit das Bilirubin (stimmt wieder nicht, sondern dessen Abbauprodukte) ausgeschwemmt wird, und ich es gleich am nächsten Morgen zur Kontrolle zu einem niedergelassenen Kinderarzt brächte, könne ich doch heim.
So handhabte ich es dann auch. Es war zwar früh ein ziemlicher Stress, gleich einen Termin zu vereinbaren und hinzukommen, aber es ging alles glatt, und alle Werte lagen bereits wieder im Normalbereich.

Diese Erinnerungen sind nicht umfassend und vollständig. Da dürfte ich glatt noch mehr Teile schreiben, aber es reicht erst einmal (d.h. demnächst folgt irgendwarum noch ein Anhang). Und ich bleibe dabei, dass ich möglichst wenig über das Baby selbst veröffentlichen werde.
Mein Dank geht an das Pflegepersonal – Stationsschwestern, Hebammen, Kinderpflegerinnen – die mich stets kompetent und hilfsbereit unterstützten.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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44 Antworten zu Der Gebärung fünfter Teil //2470

  1. Mia schreibt:

    Hast du die Neonatologin nicht darauf hingewiesen, dass sie mit ihren Aussagen falsch liegt?
    Besserwisserei ist am schönsten, wenn man es tatsächlich besserweiß.

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  2. Dr sempersolus2 schreibt:

    Viel zu oft behandeln Ärzte und Pflegepersonal ihre Patienten, als wären sie strohdoof und auf keinen Fall gebildeter, als der eigentlich doofe Arzt.

    Entschuldigung, falls so etwas passiert.

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  3. blindfoldedwoman schreibt:

    Du hast aber auch alles mitgenommen. Aber Hauptsache, es ist alles wieder gut.

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  4. Plietsche Jung schreibt:

    Wie viel Blut hast du denn verloren? Ich bin regelmäßiger Blutspender und bin relativ schnell wieder gut unterwegs.
    Viel Trinken hilft in jedem Fall, um Volumen zu ergänzen.

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    • blindfoldedwoman schreibt:

      Interessante Frage. Ich beteilige mich mal. Bei mir waren es 1,5 Liter ( aus Kaiserschnitt, also rein arterielles Blut). Hat knapp 14 Tage gedauert.

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    • Das weiß ich nicht.
      Ausgehend vom Hb-Wert am nächsten Tag müssen es aber weit über 2 Liter gewesen sein.
      Beim Blutspenden ist es AFAIK ein halber Liter.

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      • Plietsche Jung schreibt:

        2 Liter sind schon ne Ansage. Dann ist verständlich, dass du aus dem Ruder bist.

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      • Dr. med. Sempersolus schreibt:

        > 2l, Hb, direkte Korrelation, soso. Aber über Besserwisserei nachdenken … 😉
        Dunning Kruger in der Naturwissenschaft?

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        • blindfoldedwoman schreibt:

          Ein niedriger Hb bedeutet doch nicht gleich zwingend, dass man einen Blutverlust erlitten hat, oder?

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        • War nur eine grobe Abschätzung basierend auf den sehr wenigen Daten, die ich habe (Hb-Wert am nächsten Tag nach blutverdünnender aber Hämoglobingesamtmenge erhaltender Infusion 6.7 g/dl, vorher ca. 11 g/dl, also 40% weniger. Bei einem geschätzten Anfangsblutvolumen von 5 bis 6 Liter komme ich auf über 2 Liter Verlust).
          Prove me wrong. Niemand hat das Volumen gemessen.

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          • Dr. med. Sempersolus schreibt:

            Hihi, in der Wissenschaft (zugegeben sehr Pseudo-), die ich kenne wird ein Hypothese in der Regel von deren Erfinder bewiesen und nicht umgekehrt durch fehlenden Gegenbeweis automatisch für richtig erklärt? Perspiratio, Trinkmenge, Umverteilung aus anderen Kompartimenten, Mobilisation von KM-Reserven, et et et … ?

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            • Ich habe meine Abschätzung begründet. Über nicht-lineare Effekte liegen mir keine Daten vor.
              Ich bin aber gerne bereit, dafür einen relativen Fehler von 20% (vielleicht sogar mehr, aber darauf kommt es nicht an, ging nur um die ungefähre Größenordnung) anzusetzen.

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            • Dr. med. Sempersolus schreibt:

              Der HB-Wert, also die Blutzusammensetzung, sollte sich im Rahmen einer akuten Blutung, bei der ja zu gleichen Teilen korpuskuläre (im eigentlichen Sinn Hb-haltige) Blutbestandteile und humorale, flüssige Blutbestandteile verloren gehen eigentlich gar nicht ändern, ähnlich, wie sich in einem Eimer mit einer Salzlösung die gemessene Konzentration der Lösung auch nicht ändert, wenn man die Hälfte der Lösung wegschüttet.

              Das Kreislaufsystem ist aber kein Eimer und wenn, dann ein äußerst löchriger mit diversen Zu- und Abflüssen natürlicher und mitunter auch künstlicher Art. Schnelle Zu- und Abflüsse geschehen vor allem durch Flüssigkeitsverluste und -verschiebungen. Trinken oder Infusionen bedingen auch ohne Blutverlust eine Flüssigkeitsaufnahme (und Verdünnung mit HB-Wert-Abfall), Nierenpassagen mit Flüssigkeitsausscheidung einen HB-Wert Anstieg durch Konzentration. Viel schneller noch sind Flüssigkeitsverschiebungen vom Intrazellulärraum in den Gefäßraum oder umgekehrt, abhängig von Konzentrationsgefällen oder aktiven Pumpsystemen. Es ist aber nur sehr näherungsweise abschätzbar, welches der Systeme im jeweiligen Fall in welcher Weise wirkt und somit den Hb-Wert beeinflusst. Den Hb kann man problemlos schon durch Trinken relevant senken und durch Flüssigkeitsrestriktion steigern. Entsprechend wird der Hb (und auch der Hkt, besser: eine Kombination aus beiden) keine direkte Korrelation zu Blutverlusten zeigen, sondern leider nur einen Trend.

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            • Dieser Trend reicht ja für eine ungefähre Schätzung.
              Es war mir klar, dass sich der Blutverlust aus den wenigen mir bekannten Eingangsparametern nicht exakt berechnen lässt.
              Aber eine pi-mal-Daumen Abschätzung ist möglich. Ich hatte mein Vorgehen kurz beschrieben. Daraus kann jetzt jeder selbst überlegen, für wie stichhaltig oder plausibel er den Wert hält.

              Und irgendwie dämmert es mir jetzt, warum man Ärzte nie dazu bringt, quantitative Prognosen zu nennen. Selbst wenn es völlig unverbindlich ist.
              Da muss irgendeine Scheu sein, ein paar Prozent danebenzuliegen. Dabei liegen Abweichungen und Toleranzen in der Natur der Dinge. Die Kunst ist es, unwesentliche Einflussgrößen zu vernachlässigen.

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            • Dr. med. Sempersolus schreibt:

              Die Scheu ist Teil des unfreiwilligen „Training on the job“, denn es gibt immer Zeitgenossen, die unverbindliche Prognosen mit exakten Angaben verwechseln und mit Abweichungen und Toleranzen nichts anfangen können (das sind auch die, die bei der Matheklausur alle Nachkommastellen aus dem Taschenrechnerdisplay aufschreiben). Überdurchschnittlich häufig kommt diese Klientel aus dem Lager der Lehrpersonen oder der Juristerei. Und die meinen dann, dass auch unverbindliche Prognosen verbindlich einklagbar seien. Das macht man als Arzt maximal einmal mit – lesson learned.

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