Der Gebärung vierter Teil //2467

Der dritte Teil meines Berichts endete im entscheidenden Moment, als ich den ersten Schrei meines Babys gehört hatte, es aber noch im Geburtskanal steckte.

Ich war erleichtert, weil der Kopf bereits draußen war, und das Kind deutlich hörbar selbständig atmete, also lebendig und kräftig war. Dann wurde mir plötzlich schwummrig, und ich stammelte etwas wie „Mein Kreislauf!“. Das Klinikpersonal um mich herum beeilte sich, die Lehne des Bettes nach unten abzusenken, und gleich war mein Kopf auch wieder klarer. Ich sah die Hebamme, das Baby halten und in ein Handtuch wickeln. Doch überall Blut. Schock. Wie in einem Splatterfilm. Wenn ich mir vorstelle, dass das bei einer Hausgeburt in meiner Wohnung passiert wäre ..
Die Schulter des Babys muss einen Riss verursacht haben. Der Arzt brachte die Blutung zwar bald zum Stoppen, inzwischen hatte ich jedoch viel Blut verloren.

Das Trennen der Nabelschnur bekam ich gar nicht richtig mit.
Ich bekam das Baby dann kurz in den Arm gelegt, bevor die Hebamme es mitnahm zum Wiegen, Messen, Baden und Blutzuckertest.

Ohne dass noch jemand darauf geachtet hätte, lag die Nachgeburt dann von alleine unten zwischen meinen Beinen. Die Hebamme legte sie in eine Schale, um sie noch zu begutachten. Das ist ja auch seltsam, dass man praktisch nie etwas über Nachgeburt, Wochenbett und Wochenfluss in Romanen liest oder sonst in den Medien erfährt. Das ist noch ein öffentlich völlig ignoriertes Tabuthema. Solange man nicht selbst betroffen ist, oder sich aktiv informiert, bleibt das Ganze im Nebel, dabei ist es ein natürlicher Bestandteil des Geburtsvorgangs.
Der Riss wurde dann unter lokaler Betäubung genäht. Ich fragte den kompetent wirkenden Arzt scherzhaft, ob ich denn auch einen Husband’s Stitch bekommen würde. Vorher war ich ja schön eng gewesen, aber wer weiß, inwiefern eine Entbindung meine innere Schönheit beeinträchtigt. Da wäre mir ein Stich zuviel lieber als ein Stich zuwenig. Aber der Arzt lachte, das sei ein Mythos. Er nähe lieber zu locker als zu fest. Die Selbstheilungskräfte des Körpers würden schon dafür sorgen, dass später wieder alles in Ordnung käme. Also vertraue ich mal wieder auf die Natur, was sich inzwischen als gerechtfertigt erwiesen hat.

Dann war plötzlich Carsten da. Er war schon länger draußen gewesen, aber in der ganzen Hektik, war niemand dazu gekommen, ihn hereinzuholen. Er hatte aber (das hatte ich gar nicht mitbekriegt) mit der Hebamme zusammen das Baby gebadet, und trug es nun selbst.
Carsten gab das Baby der „allerschönsten Mama auf der ganzen Welt“ – ähem, strähnig-verschwitzte Haare, kreidebleich – ich sah optisch schon besser aus.
Nachdem der Kreißsaal sauber gemacht worden war, blieben wir dann alleine noch für insgesamt zwei Stunden (zur Beobachtung) im Kreißsaal zurück. Ich legte das Chefchen an meine Brust an (gar nicht so einfach, bis es gelernt hatte, den Mund ganz weit aufzumachen, um die Warze in sich aufzunehmen), und wohlig eingekuschelt saugte es vor sich hin.

Ein fünfter Teil über die ersten Tage post partum folgt demnächst.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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26 Antworten zu Der Gebärung vierter Teil //2467

  1. mijonisreise schreibt:

    Wie schön, das es doch so gut geklappt hat 😊

    Na ja, der im Nebel liegende Teil der Restgeburt … Wenn man damit hausieren gehen würde, würden vielleicht einige gar keine Kinder bekommen. Was andererseits sicherlich Vorteile hätte … 🤔

    Es wird im ganzen viel zu viel taburisiert, verschwiegen. Auch Mütter, die ihre Kinder ablehnen, gibt es nicht. Es muss immer toll, prima, rosa sein.

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    • Das stimmt schon. Ich fände es trotzdem wichtig, ein realistisches Bild zu zeichnen.

      In Filmen und Serien läuft eine Geburt praktisch immer so ab:
      Die Schwangere fasst sich mit schmerzverzerrtem Gesicht an den Bauch, in aller Eile geht’s zur Klinik, ein paar Schreie, schwupps ist das Kind auch schon da, und Friede, Freude, Eierkuchen, fertig. Unmittelbar danach ist die Ex-Schwangere auch schon wieder fit und völlig bauchlos.
      Ganz so einfach ist es nun halt doch nicht. Selbst bei völlig komplikationslosen Geburten stört noch mehrere Wochen lang der Wochenfluss, und die Rückbildung dauert auch einige Zeit.

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  2. blindfoldedwoman schreibt:

    Ich hab Dir vorher auch nicht erzählt, dass ich nach 15 Stunden Wehen einen Kaiserschnitt bekam und aus der kurzen Narkose ohne Wirksamkeit eines Schmerzmittels aufwachte. Der Anästhesist kam später noch mehrmals zu mir und hat sich entschuldigt. Wobei er nichts dafür konnte. Es gibt Frauen, da ist das so.
    Ich hab trotz Volldröhnung aus dem Tropf später stillen dürfen, konnte aber die erste Stunde mein Baby nicht halten. Nach 2 Wochen durfte ich dann nach Hause. (hoher Blutverlust)
    Sowas erzählt man keiner schwangeren Frau.

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    • Da hast du einiges mitgemacht, um das dich niemand beneidet. Aber letztendlich ist es ja gut ausgegangen.

      Sicher braucht eine Schwangere nicht von allen denkbaren Komplikationen zu wissen. Es gibt da immer noch genug Frauen, die gerne Horrorgeschichten über ihre Entbindungen erzählen.
      Aber darauf wollte ich nicht hinaus, sondern auf die völlig normalen, physiologischen Vorgänge wie Nachgeburt und Wochenfluss. Dies wird gesellschaftlich ignoriert und totgeschwiegen. Dabei sollte man schon vorher wissen, was auf einen selbst im günstigsten Fall zukommt.

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  3. sempersolus2 schreibt:

    Ignorierte Tabuthemen gibt es zu Hauf: Tod, Krankheit, Geburt, Wöchnerinnendepression, Atomphysik … . Dabei verfügen wir über so viele Informationsquellen, wie nie zuvor, was aber leider auch Desinformationsquellen mit umfasst. Quellenstudium, Urteilskraft, Informationsanalyse und -wertung ist wichtiger denn je, ist aber auch mühevoll. Entsprechend scheint mir, dass ein fataler Trend zu „will ich lieber gar nicht erst wissen“ mit all seinen schrecklichen Konsequenzen immer mehr um sich greift. Lange tradiertes Wissen und Bräuche werden einfach mit Scham, Tabu und Hochglanzillusionen verkleistert und zugedeckt. Daneben existiert natürlich zu fast jedem Thema eine kleine Gruppe Wissender, die aber ob der vom Mainstream als abseitig empfundenen Informationen gerne wahlweise als taktlos (vgl. sequel drei, Kommentar zum Dammschnitt eben dieses Blogs), ekelhaft, arrogant oder seltsame Ansammlung von Nerds abgestempelt wird.

    So ist auch das Wissen um den Umgang mit der Nachgeburt verschütt gegangen. Natürlich überprüft die Hebamme die Nachgeburt heute nur noch auf Vollständigkeit, weil sonst eine Ausschabung nötig sein könnte. Alte Kulturen betrachteten die Plazenta dagegen in mystischer Weise als „Zweites Ich“ oder als Kraftquelle. Dem Brauch, dass die frisch gebackene Mutter Teile der Plazenta roh verzehrt (physiologisch gesehen gar nicht ´mal so dumm, zumindest so lange man keine Blutkonserven kennt) frönt sicher keiner mehr. Noch heute ist es aber in einigen Kulturräumen (und damit meine ich nicht erst die Steiermark) verbreitet, dass der Mutterkuchen von der Mutter im heimischen Garten oder an einer nur ihr und später dem Kind bekannten Stelle vergraben wird. Oft wird an dieser Stelle auch ein Baum gepflanzt, der auf scheinbar wundersame Weise überdurchschnittlich gut gedeiht. Noch gar nicht so lange wissen wir: Vermutlich spielt der außergewöhnlich hohe Hormongehalt des Placentagewebes eine gewisse Rolle dabei, Geheimnis entmystifiziert und später sogar industrialisiert.

    Kennt wirklich niemand mehr die Hormocentawerbung mit Marika Röck (die geliftete Gesichtshaut so unnatürlich straff gespannt, dass sich die Ohren fast am Hinterkopf trafen), Hormocenta, die Garantie für faltenfreie Haut? Oder später das Konkurrenzprodukt Placentubex? Freilich wollte in den 60ern und 70ern keine der Konsumentinnen wirklich wissen, was in diesen Externa verarbeitet wurde und zumindest der Placentubexhersteller garantiert: es wurden nur tierische Plazenten benutzt und die auch nur in der Anfangszeit des Produkts. Tatsächlich wurden aber noch in den Siebzigerjahren die verwertbar erscheinenden Plazenten in Kreißsälen gesammelt, tiefgefroren und an die Pharmaindustrie verkauft. Experimente mit lyophilisierten Eihäuten als Wundabdeckung für Schwerbrandverletzte z. B. im Vietnamkrieg? Ein nettes Zubrot für die Hebammen. Aus heutiger Sicht undenkbar schon allein angesichts des immer noch umstrittenen Organ- und Gewebetransplantationsgesetzes – oder doch auch wieder nicht: gab es wirklich im aktuellen Geburtsvorbereitungskurs oder im Vorbereitungsgespräch keine bunte Werbebroschüre zum Kryokonservieren von Stammzellen aus Nabelschnurblut?

    Womit wir wieder zum ursprünglichen Mythos der potentiellen Kraftquelle zurückkehren.

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    • Sonst esse ich ja gerne Kuchen, aber auf den Mutterkuchen hätte ich doch keinen Appetit gehabt.
      Ihn im Garten zu vergraben, wäre schon recht kräftezehrend. Ich vermute mal, dass die meisten Mütter das erst schaffen könnten, wenn die Plazenta bereits .. äh .. nicht mehr so richtig frisch ist.

      Ich habe eingewilligt, das Nabelschnurblut für die Stammzellenforschung zu nutzen.

      Atomphysik tabuisiert? Eigentlich nicht, es sei denn, alles, wovon die meisten Leute keine Ahnung haben, wäre tabu. (Allerdings hält Ahnungslosigkeit die wenigsten Leute davon ab, ihren unverdauten Senf dazu zu eruktieren.)

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    • Ein sehr schöner Kommentar. Ich habe tatsächlich die Plazenta eingefroren und im nächsten Frühling eingegraben. Der Baum darauf gedeiht wunderbar. Wichtig ist nur, sie gut zu beschriften im Eis 😉

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  4. Mia schreibt:

    Natürlich ist das Nebenprodukt, was bei einer Geburt herausflutscht, nicht so schön wie das Hauptprodukt. Aber wenn man einen Geburtsvorbereitungskurs besucht, erfährt man auch was über Nachgeburt, Wochenbett und Wochenfluss. Man muss halt hingehen.
    Und ja, vielleicht will die Mehrzahl der Gebärenden auch nichts über irgendwelche Horror-Geburts-Geschichten und die Folgen wissen. Manch eine würde sich die Mutterschaft zweimal überlegen – in nicht wenigen Fällen wäre das gar nicht mal die schlechteste Wahl – fürs „Produkt“ und für die Welt. Jetzt ist es aber eh zu spät.

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    • Freilich erfährt man davon spätestens bei der Geburtsvorbereitung.
      Aber eigentlich sollte so etwas doch Allgemeinwissen sein, das man spätestens beim Sexualkundeuntericht in der Schule lernt. Muss ja bei weitem nicht in allen Details sein, aber die Information, dass nach der Geburt nicht sofort alles wieder so wie vor der Schwangerschaft ist, gehört zur Aufklärung dazu.

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      • sempersolus2 schreibt:

        So weit ich mich erinnere war das schon Thema in meinem Aufklärungsunterricht.

        Aber es ist natürlich etwas völlig Anderes, ob man das als unmittelbar Betroffene(r) miterlebt (den erdartigen Geruch von Blut u.ä.), oder ob ein junger Sachkundelehrer, der bei der Geburt des eigenen Kindes nur mit einem Strauß Blumen vor der Kreißsaaltür auf dem Gang auf und ab lief mit hochroten Ohren eine sterile Schemafolie auf den Overheadprojektor legt und dazu irgendetwas doziert, von dem er selber keine Ahnung hat.

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      • Mia schreibt:

        „… die Information, dass nach der Geburt nicht sofort alles wieder so wie vor der Schwangerschaft ist …“. Das dürfte wohl jedem halbwegs intelligenten Menschen ohnehin klar sein. Dazu bedarf es uneigentlich keiner besonderen Aufklärung.
        Und mal ehrlich: Welcher Junge interessiert sich im Sexualkundeunterricht für die nachgeburtlichen Befindlichkeiten einer Wöchnerin?

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        • Ach, ich glaube, viele Leute denken da nicht weiter, als bis zu dem Moment, an dem das Baby aus dem Bauch ist.

          Die interesselosen Jungen von heute sind die Väter von morgen. Auch für sie ist relevant, wie es dann der Mutter ihres Kindes geht.
          In der Schule lernt man nun wirklich viel Zeugs, das noch viel weniger Bedeutung hat.

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          • sempersolus2 schreibt:

            Vielleicht schafft es Schule wenigstens noch, den Schülern beizubringen, wo und wie sie sich systematisch informieren können, wenn sie ein Thema interessiert (obwohl ich schon da skeptisch bin, dass Schule das leistet). Aber haufenweise lexikalisches Wissen zu vermitteln (und als solches betrachten viele Schüler den Sexualkundeunterricht spätestens abseits vom Thema „wie funktioniert ein Kondom“ vielleicht) ist mäßig hilfreich. Wo fängt man an, wo hört man auf? Vielleicht informierte man werdende Väter (oder schon im Stadium davor) dringender über maternal gatekeeping oder parental alienation als über Wochenfluss?

            Oder um es frei nach Kishon zu beschreiben: „Ich kann das Telefonbuch von Tel Aviv auswendig!“ – „Wozu?“ – „Na: wenn ich da jemanden anrufen will und die Nummer nicht kenne?!“ – „Dann rufe ich die Auskunft an … .“.

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  5. Plietsche Jung schreibt:

    Ich freue mich, dass du alles so gut und mit wenig Trauma überstanden hast und alle Teilnehmer wohlauf sind.

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