Elfhundertvierundfünfzig

Alle paar Wochen begleitet uns Thomas mal zum Abendessen. Der Arme hat ja sonst fast seinen ganzen Freundeskreis verloren.
Bei den Unterhaltungen geht es um alles mögliche. Manches davon interessiert mich, anderes wieder weniger, aber bis ins Blog hat es bisher noch kein Thema geschafft. Auch das folgende Gespräch blogge ich nur deshalb, weil ansonsten hier Blogflaute herrschen würde.

Wir hatten uns anfangs erst über unseren Urlaub und das neue Jahr unterhalten. Über mehrere Schritte, die ich nicht mehr so recht rekonstruieren kann, kamen Carsten und Thomas dann zu Gamergate. Ich hielt mich zurück, weil mich das weniger interessiert.
Plötzlich sprach mich Thomas an: „Und was hältst du, Anne, als Programmiererin von Gamergate?“
„Um ehrlich zu sein“, antwortete ich, „ist das ganze an mir ziemlich vorüber gegangen. Mit Spielen habe ich nichts zu tun.“
„Was das Entwickeln angeht, nicht. Klar. Aber als Spielerin vielleicht?“
Ich schüttelte den Kopf: „Ich interessiere mich nicht für solche Spiele. Höchstens mal ein Minesweeper oder Solitaire zur Entspannung zwischendurch.“
„Du spielst sonst keine Computerspiele?“, fragte Thomas ungläubig.
„Nö, eigentlich nicht. Das heißt, vor Jahren hatte ich mal angefangen, irgendso ein Fantasy-Spiel zu spielen. Ich weiß gar nicht mehr, wie es hieß. Jedenfalls stellte ich mir einen Avatar zusammen, und zwar so, dass er mir möglichst ähnlich sein soll, damit ich mich gut mit ihm identifizieren kann. Beim Spiel dann sah man ständig den Avatar von hinten beim Gehen am Rand eingeblendet. Nun ja – obwohl ich eine weibliche Figur gewählt hatte, hatte die Avatarin einen männlichen Gang. Das irritierte mich so sehr, dass mich das Spiel nicht fesseln konnte. Denn wenn ich schon die Rückseite einer Avatarin betrachten muss, dann soll sie wenigstens so gehen wie ich, und nicht wie ein Mann.“
„Woher weißt du, wie dein Gang von hinten aussieht?“, warf Carsten ein.
„Besonders im Sommer sehe ich oft meinen Schatten. Außerdem sehe ich mich manchmal im Spiegel gehen, und wenn’s nur meine Reflexion in einer Autofensterscheibe ist. Und schließlich habe ich schon oft genug andere Frauen von hinten sehen müssen. Es ist kein Geheimnis, dass Frauen anders gehen als Männer. Das ist schlicht eine Folge der unterschiedlichen Beckenanatomie und schrägstehender Femura.“
„Würdest du dieses Spiel dann als sexistisch einstufen?“, wollte Thomas wissen.
„Ganz im Gegenteil. Das ist pure Gleichmacherei, bei dem männliche Bewegungsmuster weiblichen Avataren übergestülpt werden. Auch wenn dies vermutlich nur aufgrund der fehlenden Implementation geschlechtsabhängiger Bewegungsabläufe so ist. Wie gesagt, das ist einige Jahre her. Vielleicht ist es inzwischen implementiert.“ (Auch männliche Spieler dürften nichts dagegen haben, ihrer Avatarin auf den Hintern zu schauen.) „Möglicherweise war dies auch eine Folge der Performanceoptimierung. Eine einfache Translation benötigt deutlich weniger CPU-Zeit, als wenn man auch noch Drehungen und Torsionsschwingungen berücksichtigen muss.“

Die Unterhaltung wendete sich danach über Zwischenschritte wie Animationsfilme, Datenrepräsentation von 3D-Modellen, Matrizenmultiplikation und finite Elementen wieder anderen Themen zu.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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29 Antworten zu Elfhundertvierundfünfzig

  1. Sci-Fanboi schreibt:

    Rotatorische Manipulation von 3D-Modellen. Ein Problem, das mit Quaternionen mal so richtig praktisch und effizient gelöst werden kann!

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  2. Blublubla schreibt:

    Ich würde wetten, dass es einen „Aufschrei“ gäbe, wenn die weiblichen Charaktere weiblich (vermutlich pauschal mit sexy gleichgesetzt) gehen würden…
    Schade, dass die normale Darstellung von Frauen ein einziges Minenfeld ist.

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    • Da hast du wohl – leider! – recht.
      Es muss schon ein sehr lebensfremdes, sexfeindliches Weltbild dahinterstecken, das die eigene Weiblichkeit so negativ wahrnimmt.

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    • Molly L. schreibt:

      Es käme wohl wie so oft im Leben auf die Dosierung drauf an. Dass zB Lara Croft eine anatomische Unmöglichkeit ist und einfach nur maßlos übertrieben, dürfte kaum zur Debatte stehen, die Olle ist so realistisch wie ein kulleräugiges Animegirlie. Mich persönlich nervt das weniger, aber ich kann nachvollziehen, wenn es jemanden arg nervt. Ich finde diese anatomischen Phantasiegestalten eher lächerlich; wer seine Erwarrungen an die nächste Freundin danach ausrichtet, wird zweifellos enttäuscht werden.
      „Realistische“ Damen sind mir bislang in Spielen seltenst begegnet, aber ich bin auch nicht so der Gamer. Max. Adventure, und da haben die Ladys meist einen ladyliken Gang. Nerven tut mich da, dass die Weibliche Figur selbstredend Modelmaße hat und selbstverständlich schön ist. Andererseits hat die männliche Hauptfigur auch stets breite Schumtern, Waschbrettbauch und markante Züge, also gleicht sich das immerhin irgendwie aus, 😀

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      • Ach ja, Lara Croft – die mit der doppelseitigen Mastitis. Wenn ich mir das vorstelle, tut mir gleich alles weh.

        Normalerweise ist es nicht schlimm, dass Zeichentrickfiguren o.ä. nicht realistisch sind. Sie sind oft vereinfacht (z.B. Toons mit 4 Fingern), weil das leichter zu zeichnen ist. Oder Flugzeuge, die entgegen aller Naturgesetze (Vorwärtskomponente ist plötzlich 0) plötzlich wie ein Stein zu Boden plumpsen. Manga-Augen finde ich schlicht hässlich, und schau mir die erst gar nicht an.

        Aber bei Spielen mit supertoller graphik, bei denen sonst alles sehr wirklichkeitsgetreu nachempfunden ist, stört mich so eine Inkonsistenz eben.
        Da würde ich mich besser in VGA-Graphik eindenken können, solange die Bewegungen einigermaßen realistisch sind.

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        • Molly L. schreibt:

          Was ich gar nicht kann, sind schlecht synchronisierte Filme. Ich finde einfach nicht in eine Handlung rein, und sei sie noch so spannend, wenn immer wieder Ton und Bild nicht zusammenpassen. Mir scheint, dieses Gefühl ist dem Deinen gleich.

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          • Ja, das geht mir ähnlich. Solche Filme sind aber zum Glück selten.

            Wenn ein z.B. englisch gesprochener Film deutsche Untertitel hat, dann kapiere ich überhaupt nichts. Halb höre ich, halb lese ich, und die Informationen interferieren so in meinem Gehirn, dass nur noch weißes Rauschen bleibt.

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            • Molly L. schreibt:

              Wir schauen oft DMAX, da laufen Ami-Serien mit original-Ton, der deutsche Text wurd einfach drübergesprochen. Es hat sehr lange gedauert, bis ich mich an diesen „Doppelsound“ gewöhnt hatte. Da aber der englische Ton zu den Lippenbewegungen passt, hab ich da kein Problem mt.
              Englisch gesprochene Filme schaue ich wenn dann auch mit englischem Untertext, oder ganz ohne. Entweder hören oder lesen, vir Allem, da der Untertext auch meist verkürzt ist und nicht 1:1 dem Gesprochenen entspricht. Das irritiert mich dann nämlich wieder, 😀

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      • ednong schreibt:

        „… kulleräugiges Animegirlie …“ – wie, die gibt es gar nicht? Oh.

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  3. Molly L. schreibt:

    :-D, was Dir alles Kummer macht! Tatsächlich unterscheiden sich mMn die Gangarten auch anderweitig. Sehr schmal gebaute Frauen gehen oft „burschikoser“, vor allem Solche, die sich in Hosen wohler fühlen. Männlein wie Weiblein watscheln und wackeln ab einem gewissen Leibesumfang, Teeniejungs dagegen wippen oft ganz lustig beim Gehen hoch und runter. Und Königin Molly i.S. hüftwackelt eifrig, aber schief, da sie einen Fuß immer nach Innen setzt. Und ab und zu humpelt sie.

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  4. aliasnimue schreibt:

    Ich hab Computerspiele auch nie verstanden.

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  5. Plietsche Jung schreibt:

    Wie geht’s dem armen Kerl denn heute ?

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  6. Leser schreibt:

    Ja, schon seltsam, wie man oft schräg angeschaut wird, wenn man sich als „Computer-Guy“ (bzw. -Gal) oder „Techie“ bezeichnet, aber dann keinerlei Interesse an Spielen hat, außer gelegentlich mal einem billigen Casual-Game (was auch besser *nicht* 3d-mäßig animiert ist! Ich kannte ja noch die mitgelieferten Windows-Kartenspiele „von früher“[tm], und als ich dann, an das GNU AisleRiot Solitaire gewohnt, mal irgendwann auf einer Windows-Kiste die „modern(d?)e“ Version davon gesehen habe, hab ich fast das Grausen bekommen!).
    Da sag ich dann auch immer: Ja, das Spielen, das hab ich in den 90ern mit Doom, Doom 2, Duke Nuke’m 3D und Descent hinter mich gebracht. Anfang der 2000er hab ich mich dann nochmal für zwei der „moderneren“ Spiele interessiert, aber das war dann schon nichts mehr, weil die Dinger so schwer wurden, dass man sie fast nicht mehr schaffen konnte. Zugleich verstärkt das Tunnelblick-artige Mindset in so einem Spiel potentielle „anger issues“, so dass ich damals (noch viel jünger) regelmäßig nach dem Spielen auf dem Boden herumsuchen und Tasten aufsammeln und wieder in meine Tastatur klipsen musste, bis mir dann irgendwann wie Schuppen von den Augen fiel: *DAS* ist *SO* keine Entspannung, denn es sorgt nicht für *angenehme* Gefühle, sondern für das Gegenteil! Also hab ichs sein gelassen. Heute würde ich wohl einfach aufgeben, bzw. habe keine Lust mehr. Manchmal habe ich die Gelegenheit, Leuten dabei zuzuschauen, wie sie auf großen Bildschirmen Spiele spielen, und das ist zuweilen ganz angenehm, aber wenn ich dann vergleiche, was ich mit/in dem Spiel machen würde, ist mir wieder klar, dass ich das „Ziel des Spiels“ nie erreichen würde, bzw. es mich, wenn ich es versuchte, unheimlich schnell langweilen würde. Also bin ich froh, das nicht zu brauchen, raubt ja auch so einige Zeit…

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    • Es gibt schon interessante Computerspiele, beispielsweise das klassische Hack, das keine aufwändige Graphik braucht, sondern seinen Charme aus purer ASCII-Graphik zieht.
      Aber je spannender ein Spiel, desto mehr Zeit frisst es. Da bin ich schon froh, dass ich mich nicht so leicht zum Spielen hinreißen lasse. Wehret den Anfängen!

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