Tausendeinundsechzig

Sorry für den Cliffhanger über das Wochenende, aber ihr werdet sicherlich nachvollziehen können, wieso mir das sinnvoll erschien, nachdem ihr den heutigen Eintrag gelesen habt. Und ich habe auch ein wenig Zeit gebraucht, um meine Gedanken dazu zu ordnen.

Wir waren also im Begriff, die Trauerfeier zu verlassen, als Carsten von einem jungen Mann aufgehalten wurde: „Herr $Nachname[Carsten], bitte einen Augenblick! Ich muss dringend mit Ihnen sprechen.“
Carsten musterte ihn kurz, als er weitersprach: „Verzeihung, ich heiße Raphael $Nachname[Raphael], und bin mit Fiona hier.“
Fiona stand wenige Meter entfernt, und nickte herüber, was Carsten aber nicht beachtete. „Und?“, fragte er kurzangebunden.
„Fiona hat eingesehen, dass sie sich nicht richtig verhalten hat.“
„So.“
„Sie würde sich gerne entschuldigen, wenn Sie sie nur anhören würden.“
„Das fällt ihr ausgerechnet auf einer Beerdigung ein.“
„Nein, sie will das schon länger, aber Sie haben Ihre Versuche, mit Ihnen zu sprechen, alle abgelehnt.“
Carsten atmete durch. Dann meinte er: „OK. Ich will das nicht hier machen. Wir gehen alle in ein Café. Eine halbe Stunde. Da kann sie reden.“

Lieber wäre ich schon alleine heim gefahren, aber Carsten bestand darauf, dass ich ebenfalls mitkam.

Also setzten wir uns ins nächstgelegene Café. Fiona schien tatsächlich etwas zerknirrscht, als sie, nachdem sie sich mit Raphael noch kurz beraten hatte, mit ihren Erklärungen begann. Sie habe irgendwann diese blöde Idee gehabt und – halb im Scherz – gegenüber Verena geäußert. Dass Patrick die Idee dann auch wirklich umsetzen würde, hätte sie nicht geglaubt, bis er es dann tatsächlich getan hatte.
„Und warum hast du mir nicht spätestens dann davon erzählt?“, unterbrach Carsten sie schroff.
„Ich .. ich weiß nicht“, begann sie, und brach in Tränen aus, „ich wollte ja, aber dann hab ich gedacht, es hat sowieso nicht funktioniert .. und auf Oma’s Beerdigung .. da warst du auch so .. so ..“

Carsten runzelte die Stirn. Mit dieser Erklärung wollte er sich wohl nicht zufrieden geben, und so fragte er ärgerlich: „Was habt ihr überhaupt gegen Anne? Sie hat euch nie etwas getan.“
Fiona schluchzte auf, dann stammelte sie: „Es .. es war Sven .. er hat .. immer gesagt .. sie wäre nur ein ‚geldgeiles Flittchen‘ .. und dass sie dich .. sicher bald ins Grab bringt .. und dann absahnt ..“
„Nimm gefälligst zur Kenntnis“, erwiderte Carsten mit kalter Ruhe, „dass Anne die Frau ist, mit der ich zusammen sein will, und der ich vertraue. Wenn du deine Einstellung ihr gegenüber so beibehältst, werde ich nichts mehr mit dir zu tun haben.“

Fiona nickte zaghaft unter Tränen. Carsten sprach weiter: „Ich erwarte jetzt von dir, dass du dich aufrichtig bei ihr für dein Verhalten entschuldigst. Ob sie dir verzeiht, liegt an ihr.“
Fiona atmete durch, zog hörbar die Nase hoch, und meinte dann leise: „OK.“

Sie sammelte sich noch kurz, schaute hin zu Raphael, der ihr auffordernd zublinzelte, stand dann auf, und wandte sich an mich: „Es .. es tut mir leid, Anne. Ich glaube, dass ich dir gegenüber nicht fair war, und ich bereue wirklich, wie ich mich verhalten habe. Ich will mich in Zukunft anders verhalten. Bitte verzeih‘ mir.“
Ich wusste spontan nicht so recht, ob ich ihr glauben sollte. Irgendwie wirkte ihre Entschuldigung wie einstudiert. Ich warf einen Blick auf Carsten, aber er hatte sein Pokerface aufgesetzt.

„Wie war das letztes Jahr an Pfingsten?“, fragte ich also, um etwas Zeit zu gewinnen, und eine Entscheidungsgrundlage zu finden. „Als du da gekocht hast, wieso hast du gerade diese Zutaten gewählt?“
Fiona blickte auf den Boden, dann gab sie zu: „Ja, ich habe gewusst, dass du das alles nicht magst. Tut mir leid.“

Hm .. ich rechnete es ihr an, dass sie es nicht abstritt. Trotzdem wurde es mir plötzlich zu stickig in dem Café. Ich brauchte dringend frische Luft.
„Ich werde darüber nachdenken“, stieß ich hervor, „ich brauche Zeit dafür.“
Ich sprang auf, dass der Stuhl fast umgekippt wäre, und lief schnell zum Ausgang. Frische Luft!

Draußen atmete ich tief durch, und kam allmählich wieder zur Ruhe.
Carsten trat einige Minuten später ebenfalls aus der Tür. „Alles in Ordnung?“, fragte er.
„Ja“, ich nickte, „geht schon wieder. Ich musste nur erst mal raus.“
„Wir fahren jetzt heim“, erklärte er bestimmt, „lass dir ruhig Zeit mit deiner Entscheidung. Ich werde sie in jedem Fall akzeptieren, und mich ihr anschließen.“

Ohne Fiona und Raphael noch einmal gesehen zu haben, fuhren wir dann ins Wochenende.

Ich habe mich inzwischen ziemlich entschlossen, Fiona noch einmal eine Chance zu geben – aber nur Carsten zuliebe.

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Über breakpoint AKA Anne Nühm

Die Programmierschlampe.
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17 Antworten zu Tausendeinundsechzig

  1. Suchender schreibt:

    Respekt das Du Ihr noch eine Chance gibst. Man kann nur hoffen, dass es ehrlich gemeint ist und das Ihr zukünftiges Verhalten auch zeigt das sie es verdient.

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  2. ednong schreibt:

    Ich finde es immer schwierig, böses Spiel von Ehrlichkeit unterscheiden zu können. Die wirklich Bösen haben es eben gut drauf, und können halt lange „gut“ spielen. Allerdings: wenn ich das dann feststelle, haben die Leute absolut bei mir verloren und kriegen keinen Fuß mehr auf den Boden in meinem Umkreis. Aber immer dieser Aufwand …

    Daher: ich hoffe ja (eher für dich), dass sie es ernst gemeint hat und zukünftig anders handelt. Aber allein schon das „Schuld auf andere schieben“-Spiel ist für mich ein Anzeichen, dass sie selbst sich daran unschuldig fühlt. Aber das ist nur mein Eindruck. Allerdings korrigiert sie das mit den Essens-Zutaten.

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  3. idgie13 schreibt:

    Hm. Ich bin auch skeptisch, ob sie plötzlich eine Erleuchtung hatte oder doch eher wieder den Geldhahn von Papi aufgedreht haben möchte …

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  4. baerlinerin schreibt:

    …du hast dich entschieden. Recht so. … Ich persoenlich gaebe ihr allerdings keine zweite Chance. Wer in dem Alter nicht in der Lage ist, sich selbst ein Bild vom Gegenüber zu machen und sich blind als Marionette benutzen laesst, hat es nicht besser verdient.

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  5. Molly L. schreibt:

    Wahnsinn, wie nett Du bist. Ich würde die Sch*lampe mit dem A*sch nicht mehr angucken!
    Pass gut auf Dich auf, hörst Du?
    Ich verstehe sehr gut, wenn Du es Carsten zu liebe versuchen willst. Dennoch würde ich ihn bitten, seine Entscheidung nicht nur von Dir abhängig zu machen.

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  6. ednong schreibt:

    Hach ja, die Katze 😉

    Vielleicht sollte der Geldhahn nach einer positiven Entscheidung deinerseits noch mindestens weitere 2 Jahre zu bleiben. Ich denke mal, dass ist ausreichend Zeit, um zu gucken, ob die Entschuldungsbitte ernstgemeint war.

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  7. Pingback: Zwölfhundertvierundvierzig | breakpoint

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