Tausendacht

Ich hatte eigentlich überhaupt keine Lust gehabt, die diesjährige Sonnenwendfeier zu besuchen. Aber Carsten meinte bei unserem Abendspaziergang, wir könnten uns wenigstens das Feuer ansehen, und dann gleich wieder heimgehen.
Also ließ ich mich überreden.

Es kam, wie es kommen musste. Kaum hatte der Bürgermeister Carsten erblickt, kam er auch schon auf ihn zu, drängte ihm ein Bier auf, und fragte mich pro forma, ob ich auch etwas möge. Das lehnte ich dankend ab, da ich zu dem Zeitpunkt bereits lieber wieder gehen wollte.

Es ist jedes Mal dieselbe Tirade. Das Dorf ist verschuldet, wichtige Renovierungen oder Neuanschaffungen sind fällig, und bla bla bla. Wer soll das bezahlen?
Carsten erklärte, dass er ja erst vor wenigen Monaten eine großzügige Spende für die Gemeindekasse gemacht hatte, und er dies heuer nicht mehr gedenke, zu wiederholen.
Der Bürgermeister, und die anderen Dorfhonoratioren, die sich inzwischen zu uns gesellt hatte, blickten ziemlich indigniert aus der Wäsche.

Carsten verabschiedete sich, stellte sein halbausgetrunkenes Bier auf einen Tisch, und wir machten uns auf den Heimweg.
Ich hörte sie noch hinter uns hertuscheln, im Sinne von „zu Ingrid’s Lebzeiten wäre das nicht passiert“.

Eine gewisse Genugtuung kann ich nicht verhehlen. Die Dorfbevölkerung hat mich von vornherein abgelehnt, und mich immer nur als unwillkommenes Anhängsel von Carsten betrachtet, der für sie seinerseits nur eine leicht anzuzapfende Geldquelle war.

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Über breakpoint AKA Anne Nühm

Die Programmierschlampe.
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9 Antworten zu Tausendacht

  1. schaum schreibt:

    wie blöd ist das denn? ich würde mich da glaube ich schnell wegbeamen.

    es schäumt scheinbartotalverlogen

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  2. Molly schreibt:

    Oh Mann! Ich hoffe, Dein Mann war nicht allzu traurig? Muss hart sein, so offenkundig als Geldquelle benutzt zu werden/werden zu wollen. 😦

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  3. ednong schreibt:

    Du bist jetzt schuld, wenn das arme Dorf sich nicbt von seinen Schulden befreien kann. Schließlich verpraßt du jetzt das ganze Geld, das sonst die Stadtoberen eingesackt hätten … 😉

    Ich vermute mal, den Oberen ist nicht mal bewußt, dass sie ihn „gemolken“ haben – sie haben doch lediglich immer „nur regelmäßig“ um Spenden gebeten …

    Ich vermute mal, er hat da richtig reagiert.

    cool heads prevail – meiner ist noch heiß von der Migräne.

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    • breakpoint schreibt:

      Mea culpa! 🙄

      Ich rede ihm bestimmt nicht rein, wie er sein Geld zu verwenden hat, nehme aber an, dass er nächstes Jahr wieder etwas spendet. Schließlich liegt ihm trotz allem an diesem Dorf, und er will nicht, dass es komplett den Bach runtergeht.

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  4. Pingback: Elfhundertsechsundsiebzig | breakpoint

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