Neunhundertelf

Nur weil Carsten von mehreren Personen ausdrücklich gebeten worden war, am Dorffasching teilzunehmen, entschloss er sich, dort eine halbe Stunde mal vorbeizuschauen. Vorher überredete er mich noch mitzukommen. Auf irgendwelche Verkleidungen verzichteten wir aber, und trugen stattessen bequeme Freizeitkleidung.
Im Schützenhaus bestand die Dekoration vor allem aus Luftballons und Luftschlangen. Dazu passten die luftigen Sommerkleidchen der drallen Dorfschönheiten, die allesamt perückt als liebreizende Alice erschienen waren, während die meisten Männer als Hutmacher (wenn ich ihre Aufmachung so richtig interpretiere) verkleidet waren. Dazwischen sprangen Kinder herum, die vermutlich Kaninchen darstellen sollten. Aus den Lautsprechen quäkten abwechselnd deutsche Schlager, geschmacklose Fetenhits und Volksmusik.

Carsten und ich holten uns an der Theke ein Bier und ein paar Krapfen, und setzten uns an einen der Tische.
Bald darauf gesellten sich der Bürgermeister mit seiner Frau, sowie einige Dorfhonoratioren (alle in undefinierbaren Kostümen) zu uns. Mich ignorierten sie weitestmöglich. Carsten dagegen schwafelten sie voll. Zunächst das übliche Loblied auf Ingrid, danach, dass doch im Dorf einiges renoviert oder neu eingerichtet werden müsse, vom Kinderspielplatz, über die Bushaltestelle, bis hin zum Rathaus, und so weiter. Dass der Hochwasserschutz ein Riesenloch in die Gemeinekasse reißen würde, und so fort.
Schließlich kündigte Carsten ihnen eine Spende an, und meinte an mich gewandt: „Du kümmerst dich doch darum, Anne.“
Ich bestätigte kurz, da mir auch gar nichts anderes übrigblieb, und erkundigte mich nach der IBAN. Wenn sie demnächst die Überweisung kriegen, sollen sie sich ruhig daran erinnern, dass ich die Ausführung veranlasst habe.

Endlich wollten wir die Veranstaltung verlassen, als uns noch beim Hinausgehen Dieter über den Weg lief. Seine Verkleidung verhinderte offenbar nicht, dass Carsten ihn erkannte, und uns einander vorstellte. Mit unverholener Gier musterte er mich (ist mir in dieser Deutlichkeit schon länger nicht mehr passiert, aber wundert mich nicht, insoweit ich mich an seine Frau Doris erinnere).
Carsten brach das Gespräch dann schnell ab. Wir verließen die Lokalität, und vergnügten uns den Rest des Abends auf angenehmere und eindringlichere Weise, so dass es doch noch ein ausgefüllter und äußerst befriedigender Abend wurde.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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14 Antworten zu Neunhundertelf

  1. Molly schreibt:

    „Mich ignorierten sie weitestmöglich. Carsten dagegen schwafelten sie voll. Zunächst das übliche Loblied auf Ingrid, danach, dass doch im Dorf einiges renoviert oder neu eingerichtet werden müsse“

    Äh … Und dann kriegen die eine Spende??? Ich würde da echt bockig werden und denen gar nichts geben!

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    • breakpoint schreibt:

      Ach .. Carsten ist denen gegenüber halt großzügig, weil er lange mit seiner Familie dort gewohnt hat.
      Aber er hat schon angedeutet, dass die sich in Zukunft an mich wenden sollen, wenn sie wieder schnorren wollen.

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      • engywuck schreibt:

        du schrubst in einem Kommentar zu 909, dass ihr (immer noch) Wochenendpendler seid.

        Evtl. ist ja auch genau das eines der Probleme: die im Dorf aktive und gut bekannte Ehefrau ist weggefallen, von der neuen sieht man kaum was, und seit er mit dir zusammen ist wurde auch er zum „Aushäusigen“. Du bleibst also die Große Unbekannte, die den Hahn mit den goldenen Eiern (entschuldige die gemischte Metapher) „entführt“ und dadurch möglicherweise die Gefahr heraufbeschwört, dass er irgendwann das Dorf verlässt und nicht mehr als Zahlmeister zur Verfügung steht.
        Das Ganze mag durchaus unterbewusst ablaufen, würde aber eine Teilerklärung liefern, warum du (immer noch) nicht akzeptiert bist.

        Wohlgemerkt: ich sage nicht, dass ihr ab sofort dauernd dort sein sollt und/oder du die Patenschaft für den Kuchenverkauf im Kindergarten übernehmen musst, aber Dörfer sind seltsame Wesen… (und die Dörfler erst…)

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        • breakpoint schreibt:

          Das mag auch dazu beitragen, aber es gibt wohl noch mehr Gründe.

          Ingrid hatte den größten Teil ihrer Kindheit und Jugend im Dorf verbracht, war bei allen bekannt, bei allen beliebt.
          Als sie dann Carsten heiratete, hat es damals auch Jahre gedauert, bis er allgemein akzeptiert war.
          Und jetzt erdreistet er sich, eine Nachfolgerin der großartigen Ingrid hierherzuschleppen, noch dazu eine Frau, die ganz anders ist, als Ingrid es war.
          Wenn sie sich nicht immer wieder finanzielle Zuwendungen erhoffen würden, würden sie Carsten wohl auch weniger (be)achten.

          Es ist damals im Dorf auch ganz sicher nicht unbemerkt geblieben, dass ich noch im Trauerjahr hier die Nacht verbracht habe (obwohl das anfangs rein beruflich war).

          Ach, es gibt immer Leute, die sich ihr Maul zerreißen müssen.

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  2. sweetsurrender schreibt:

    So macht es wirklich den Eindruck, als hätte er seine Sekretärin geheiratet.
    Fällt es Dir wirklich so schwer, Dich mit Menschen zu unterhalten? Ich kann mir vorstellen, dass Dein Verhalten doch recht abweisend auf andere wirkt.
    Macht es Carsten wirklich nichts aus, weitestgehenst auf soziale Kontakte zu verzichten?

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    • breakpoint schreibt:

      „So macht es wirklich den Eindruck, als hätte er seine Sekretärin geheiratet.“
      Nein. Es ging ihm darum, klarzumachen, dass sie nicht darum herumkommen, mit mir zu kommunizieren.

      Ich bin lediglich zurückhaltend, wenn ich die Leute nicht näher kenne.
      In diesem Fall trauern sie wohl noch Ingrid nach, und sehen mich als Golddigger.

      „Macht es Carsten wirklich nichts aus, weitestgehenst auf soziale Kontakte zu verzichten?“
      Nein. Er will privat vor allem seine Ruhe haben.
      Er hat ja ein paar Freunde, mit denen er mehr oder weniger Kontakt hält, aber die Leute im Dorf waren vor allem Ingrid’s Freunde, und weniger seine.

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  3. ednong schreibt:

    Du kannst ja dann noch einen netten Gruß in der Verwendungszweckzeile hinterlassen.

    Betrachten dich denn die Leute wie oben beschrieben eher als Gefahr für sich selbst (bzw. für ihren Goldesel) – oder warum nehmen die dich nicht als seine Frau wahr? Schließlich seid ihr ja nun doch schon etwas länger verheiratet – und irgendwann sollte das auch mal ein Bürgermeister und Co. akzeptieren.

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  4. breakpoint schreibt:

    TausendachtIch hatte eigentlich überhaupt keine Lust gehabt, die diesjährige Sonnenwendfeier zu besuchen. Aber Carsten meinte bei unserem Abendspaziergang, wir könnten uns wenigstens das Feuer ansehen, und dann gleich wieder heimgehen.
    Also ließ ich mich überred…

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