Zwölfhunderteinundvierzig

Im Prinzip fühle ich mich in Carsten’s Haus immer noch als halber Gast, und werde wohl nie so richtig heimisch dort werden.
Dort sind einige Gemälde aufgehängt. Eigentlich nehme ich die kaum wahr, aber im Laufe der Zeit fällt schon das Eine oder Andere auf. (Es gibt auch etliche Teppiche. Diese sind mir ganz angenehm, weil ich darauf weicher liege, als auf dem blanken Fußboden.)

Eines dieser Gemälde ist besonders scheußlich. Grässliches Motiv, hässliche Farben, die mein ästhetisches Empfinden belasten. Meist vertrete ich ja die Meinung, dass man nicht hinzuschauen braucht, wenn man etwas nicht sehen will (so wie früher bei den Kruzifixen im Klassenzimmer).
Aber nach einigen Jahren der Gleichgültigkeit und Verdrängung sprach ich Carsten endlich doch darauf an.

„Was hat es eigentlich mit diesen ganzen Bildern auf sich?“
„Die Gemälde? Darum hat sich Ingrid immer gekümmert. Ich habe damit nichts zu tun.“
„Dieses hier ist schon extrem widerlich.“
„Wenn es dich stört, hänge ich es ab, und es kommt auf den Dachboden.“
„Am besten wäre, wenn all diese Bilder weg wären.“

„Aber dann sehen die Wände schon recht kahl aus.“
„Ach, daran gewöhnt man sich. Außerdem könnten wir stattdessen Poster oder Plakate aufhängen. Zum Beispiel mit dem Periodensystem, oder eine Isotopenkarte. Oder ..“ – in mir reifte eine spontane, geniale Eingebung – „.. oder wir ersetzen sie durch Whiteboards. Dann können wir immer daran rechnen oder Diagramme zeichnen, wenn uns danach ist.“
Er überlegte einen Augenblick. Die Idee schien ihm zu gefallen.
„Wenn du das so willst, Anny. Ich werde mich darum kümmern, dass die Gemälde ordentlich gelagert werden. Schließlich sind einige davon recht wertvoll. Und du organisierst die Whiteboards, oder was sonst du hinhängen willst.“

Ich gab ihm zur Bestätigung einen Kuss, und griff ihm dankbar in den Schritt, wo sich sogleich etwas (e)regte, so dass wir unser Vorhaben noch non-verbal bekräftigten (nicht, dass wir dazu einen Anlass gebraucht hätten).
Wenn ich es geschickt anstelle, kann ich die Kosten für Whiteboards und Poster als Betriebsausgaben absetzen.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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69 Antworten zu Zwölfhunderteinundvierzig

  1. aliasnimue schreibt:

    Ihr seid verheiratet. Also wenn man schon in das Haus der Vorgängerin zieht, auch wenn es nur am Wochenende ist, so finde ich es völlig normal, dort nach eigenen Wünschen umzugestalten. Eine Wohnung bzw. ein Haus ist etwas sehr persönliches. Da verstehe ich Dich, dass Du Dich dort nicht wirklich wohlfühlst.
    Wieso Poster oder Plakate aufhängen? Warum nicht neue Bilder kaufen. Oder interessierst Du Dich nicht für Kunst?

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    • Carsten hatte mir von Anfang an angeboten, das Haus umzugestalten.
      Aber so etwas mache ich nicht gern, wenn ich es vermeiden kann. Im Großen und Ganzen ist das Haus ja auch angenehm eingerichtet, so dass ich gar keinen Handlungsbedarf sehe.
      Wohlfühlen tue ich mich eigentlich schon (sonst würde ich nicht jedes Wochenende mitkommen), aber ich empfinde es nicht als mein Heim.

      Ich mag Poster und Whiteboards lieber als solche Gemälde. Bin wohl ein Banause, aber außer Escher gefallen mir keine Kunstwerke sonderlich.

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    • Irenicus schreibt:

      so finde ich es völlig normal, dort nach eigenen Wünschen umzugestalten

      Ähm nein? Wenn überhaupt nach ihren gemeinsamen(!) Wünschen. Aber da Anne nach wie vor eine eigene Wohnung hat, hat sie aus meiner Sicht nur das „Recht“ Vorschläge zu machen, denen Carsten zustimmen kann (also genau so wie sie es getan haben). Alles andere wäre meiner Einschätzung nach ein Eingriff in seine Privatssphäre. Zum Vergleich, wäre es auch total unangebracht, wenn Carsten einfach Annes Wohnung umgestaltet.

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  2. baerlinerinn schreibt:

    …OMG. Gibt nix Schlimmeres, als von der Vorgängerin Geschmacklosigkeiten zu übernehmen. Da hast du’s aber ganz schön lange durchgehalten. Mir rutscht sowas ja recht schnell raus. Da muss ich auf der Hut sein, dass es nicht zu schnell zu fordernd wirkt. Will mich ja schließlich bei ihm in der Wohnung genauso wohl fühlen, wie bei mir, ihn aber auch nicht vor den Kopf schlagen. Schmaler Grat. 😉

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    • Tja, .. ich bin wohl ziemlich gut darin, solche Sachen zu ignorieren. Und es hat mich ja niemand gezwungen, das Bild anzuschauen.
      Aber auf Dauer ist es halt trotzdem blöd.
      Da Carsten auch nichts an den Bildern liegt, ist es ganz gut, dass sie endlich wegkommen.

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    • „Da muss ich auf der Hut sein, dass es nicht zu schnell zu fordernd wirkt. Will mich ja schließlich bei ihm in der Wohnung genauso wohl fühlen, wie bei mir, ihn aber auch nicht vor den Kopf schlagen.“

      Also, eigentlich, *stößt* man Leute nur vor den Kopf. Sehr sympathisch, dass du dich gleich bei „schlagen“ einpegelst. Bei dir sollten Kerle sollten mit ihren Köpfen auf der Hut sein.

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  3. Molly L. schreibt:

    Whiteboards statt Öl auf Leinwand? *Grins*
    Ich mag so alte Schinken ja.

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  4. „Wenn ich es geschickt anstelle, kann ich die Kosten für Whiteboards und Poster als Betriebsausgaben absetzen.“

    Was für ein Zustand, dass man die Teppiche nicht als Betriebsausgaben absetzen kann.

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  5. Leser schreibt:

    Vielleicht gibt es ja auch an einer „besonderen“ Stelle eine Möglichkeit, ein großes e-Paper-Display (damit es nicht selbst leuchtet, wie das andere Displays tun) aufzuhängen, was am Haus-WLAN hängt, und was Ihr dann von Euren PCs mit einem entsprechenden Inhalt füllen könnt. Ich weiß nicht, in wie groß es diese Dinger inzwischen gibt, und wahrscheinlich auch nur mit Graustufen statt Farbe, aber ich könnte es mir als nette Nerd-Spielerei vorstellen 😉 (Und da Geld für Euch ja bei so Sachen nicht so eine Rolle spielt, ist es ja auch egal, wieviel es kosten würde)

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  6. ednong schreibt:

    Whiteboards? Noch so altmodisch? Ich hätte da eher an das digitale Äquivalent gedacht …

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  7. Leser schreibt:

    Whoops, da hab ich wohl ein falsches Pseudonym beim letzten Kommentar eingtragen… 😉

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