Volle Brüste – ein Erfahrungsbericht //2674

Es ist wohl an der Zeit, einmal über das Stillen zu bloggen, auch wenn, oder gerade weil, es inzwischen am längsten gedauert hat.
Die Vorteile vom Stillen liegen nicht nur in der unübertrefflichen Praktikabilität und Effizienz, bei der der Säugling alle Nährstoffe, die er braucht, in der optimalen Zusammensetzung erhält, ohne dass die Betreuungspersonen sich mit Fläschchen und dergleichen abmühen müssten. Gleichzeitig erhält er über Bestandteile der Milch Immunschutz gegen einige Infektionskrankheiten und arteigenes Eiweiß, dass nicht nur die Gehirnentwicklung unterstützt, und perfekt auf einen menschlichen Säugling abgestimmt ist.
Rein statistisch haben Mütter, die gestillt haben, ein geringeres Risiko, an Brustkrebs zu erkranken.
Stillen bedeutet ebenfalls Wärme, Körperkontakt, Bindung. Nichts beruhigt ein weinendes Stillkind besser, als es saugen zu lassen. [Fasziniert davon sagte Carsten mal sinngemäß – den genauen Wortlaut kriege ich nicht mehr zusammen: „Selbst wenn man ihm einen Finger abschneiden würde, sobald er an der Brust ist, wäre wieder alles gut und er zufrieden.“]

Aller Anfang ist schwer. Man braucht nicht zu denken, dass Stillen rein intuitiv funktioniert. Wie bei vielen Tätigkeiten ist erst einmal ein gewisser Lernprozess nötig.
Johannes musste vor allem lernen, dass er den Mund ganz weit aufmachen muss, um die Brustwarze richtig zu fassen zu kriegen. Was das Saugen betrifft, war er dagegen ein Naturtalent und bewerkstelligte das sofort meisterhaft.
Der initiale Milcheinschuss war unangenehm, teils schmerzhaft und ging mit erhöhter Körpertemperatur einher. Auch später spürte ich oft mehr oder weniger deutlich ein Prickeln in der Brust, wenn die Milch begann zu fließen. Hin und wieder konnte dieser durch Oxytocin vermittelte Milchspendereflex sogar schmerzhaft sein. Im Laufe der Wochen und Monate schwächte sich aber dieses Prickeln ab.

In Stillratgebern steht, man soll etwa zehn Minuten an der einen Brust stillen, dann die Seite wechseln und die andere geben. Beim nächsten Mal fängt man dann wieder mit dieser letzten an.
Es dauerte nur wenige Tage, bis mich dieses Vorgehen so sehr nervte, dass ich es aufgab. Manchmal war Johannes bereits an der ersten Brust eingeschlafen, häufig war die erste nach den zehn Minuten noch unangenehm voll, oft konnte ich mich schlicht nicht mehr erinnern, welche Seite dran wäre.
Ich stillte also grundsätzlich nur noch an einer Seite. Bevor ich anfing, tastete ich erst kurz, welche Brust voller war, und wählte dann diese, um Johannes dort anzulegen. Dieses Vorgehen hat sich bewährt. Keine Ahnung, wieso Stillratgeber und Hebammen da andere Empfehlungen geben. Mal ganz davon abgesehen, dass ein Seitenwechsel ohnehin lästig für Mutter und Kind ist, insbesondere wenn dieses gerade beim Einschlafen ist.

Gerade in den ersten Wochen liefen meine Brüste häufig von alleine aus. Dafür reichte es oft schon, dass sie voll waren. Manchmal waren Babylaute der Auslöser, oft passierte es aber auch einfach so. Die Stilleinlagen waren ruckzuck durchgeweicht. Der Still-BH behinderte und beengte mich. Also gewöhnte ich mir an, mir einfach eine Mullwindel unter das Unterhemd oder den Pulli zu stopfen, die dann mehr Flüssigkeit aufnehmen konnten.
Nach einigen Monaten nahm auch das Auslaufen ab. Das Stillen hatte sich inzwischen so eingespielt, dass Angebot und Nachfrage aufeinander abgestimmt waren, also Prolaktin, das für die Milchproduktion zuständige Hormon, genau in der richtigen Menge gebildet wurde.

Vorher hatte ich aber noch ein paar Milchstaus, ein- oder zweimal dürfte es sogar eine Mastitis gewesen sein. Die betroffene Brust war geschwollen, hart, rot, schmerzhaft. Ich hatte zeitweise Schüttelfrost und Fieber.
In den schlimmsten Zeiten legte ich mich mit Johannes ins Bett, und ließ ihn so oft wie möglich saugen. Außerdem reduzierte ich meine Flüssigkeitsaufnahme, bzw. trank nur noch Salbeitee, der laktationshemmend wirkt.

Im Laufe der Zeit lernte Johannes, sich selbst zu bedienen. Zeitweise hatte ich den Eindruck, dass er mich nur auf meine Brüste reduziert.

Genau wie bereits in der Schwangerschaft aß ich für zwei. Das heißt, ich hatte ständig Appetit, musste jedoch besonderen Wert auf hochwertige Nahrung legen. Getränke sind ebenfalls wichtig. Aber die kann man bequem zu sich nehmen, während man im Sitzen stillt. Essen mit Messer und Gabel ist dagegen schwierig, einhändig geht. Auf Alkohol verzichtete ich ganz (bis auf ein halbes Glas Sangria im letzten Sommer). Kaffee trank ich eigentlich wie immer. Ich habe aber nie irgendeinen Effekt bemerkt, dass Johannes nach größerem Kaffee-Konsum munterer gewesen wäre, als wenn ich mal keinen getrunken habe.

Wenn man längere Zeit das Baby an der Brust hat und im Arm hält, geht das allmählich ganz schön auf den Rücken. Daheim auf dem Sofa stützte ich deshalb meinen Rücken mit einem dicken, festen Kissen ab.

Nachts war das Stillen wunderbar praktisch, weil ich nicht aufstehen musste, um irgendwelche Fläschchen (an uns hat die Babynahrungsindustrie nichts verdient, weder an Folgemilch, noch an Fläschchen, noch an Geräten zum Sterilisieren, noch an sonstigem Zubehör) zuzubereiten und zu geben. Ich lag in der Mitte zwischen Carsten und Johannes, und bei Bedarf musste ich nur letzterem die Brustwarze anbieten. Nach einiger Übung hatte ich es auch heraus, wie ich beide Seiten geben kann, ohne deswegen den Platz mit Johannes tauschen zu müssen. Bei der unteren Brust ist das Stillen auf der Seite liegend trivial, bei der oberen muss die halt von oben in den Mund des Säuglings bugsiert werden, indem man sich teilweise über ihn dreht. Das obere Bein angezogen, stützt die Lage ab und gibt genügend Stabilität. Ist am Anfang ungewohnt und vielleicht etwas seltsam, aber bald schon wirklich bequem und kuschelig, so dass man einfach wieder dabei eindösen kann. Sofern der Druck auf die untere Brust dabei unangenehm wird, wäre es sinnvoller gewesen, doch besser die untere gegeben zu haben. Aber nach der Gewöhnungsphase war das kein Problem mehr.

Mittlerweile isst Johannes größtenteils bei uns am Tisch mit. Außer Nüssen darf er eigentlich alles essen. Tagsüber stille ich nur noch selten. Abends braucht er die Brust noch zum Einschlafen.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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17 Antworten zu Volle Brüste – ein Erfahrungsbericht //2674

  1. blindfoldedwoman schreibt:

    Glücklicherweise hatte ich keinen Ratgeber gelesen und habe 2,5 Jahre problemlos gestillt.
    In der Zeit (und auch noch später) war mein Wonneproppen nie krank, was wohl auch Einfluss auf ihr sonniges Gemüt hatte.
    Besonders schmunzeln musste ich immer über ihre Vorliebe für Meeresfrüchte, besonders in der Kombination mit Kakao. Aber sie hat generell alles gern gegessen.

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  2. Kommentator schreibt:

    Die Frage, wie lange man stillen soll, klärt sich auch oft von selbst. Unsere Große hat nach 11 Monaten sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass es jetzt reicht. Die Kleine hat nach 1,5 Jahren irgendwann keine Lust mehr drauf gehabt.

    Als Mann hatte ich halt das Pech in der Zeit nichts anfassen zu dürfen 😉

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  3. Plietsche Jung schreibt:

    Abends die Brust zum Einschlafen ist eine wunderbare Sache. Auch später noch. Also deutlich später.

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  4. Andreas schreibt:

    Die Vorteile vom Stillen liegen nicht nur in der unübertrefflichen Praktikabilität und Effizienz, bei der der Säugling alle Nährstoffe, die er braucht, in der optimalen Zusammensetzung erhält, ohne dass die Betreuungspersonen sich mit Fläschchen und dergleichen abmühen müssten.

    Das mit den Nährstoffen stimmt bis auf eine kleine aber sehr gewichtige Ausnahme: Vitamin D. Das ist bekannt, und da der Vitamin-D-Mangel zu einem deutlich gesteigerten Rachitis-Risiko und damit potentiellen Missbildungen führt, wird hierzulande im ersten Jahr suplementiert, 400 Einheiten täglich für die kleinen Racker. Warum Mutter Natur das so komisch eingerichtet hat, wird selten hinterfragt. Es gibt große Diskussionen, wo denn minimale, optimale und gefährliche Vitamin-D Level liegen sollen, die sogesehen offizielle Richtlinie des RKI lautet „alles prima, es gibt keinen Vitamin-D Mangel, nichts zu sehen hier, gehen sie bitte weiter“, in Zahlen ausgedrückt sind nur Leute kleiner als 12ng/ml mangelhaft versorgt, 12-20ng/ml sind „suboptimal“, und alles größer 20ng/ml ist „optimal“, der überwiegende Teil der deutschen Bevölkerung (fast 90%) ist somit optimal oder suboptimal versorgt. Ich könnte mich jetzt 5 Seiten darüber auslassen, die ultra-kurze Version ist: es gibt gute Gründe anzunehmen, dass der optimale Vitamin-D Bereich (also 25(OH)D im Blut, um exakt zu sein) nicht bei 20ng/ml, sondern eher so im Bereich 40-70ng/ml liegt. Aber zurück zu den kleinen Rackern und Ihrer Vitamin-D Versorgung: es gibt zwei kleine aber feine amerikanische Studien, da hat man werdenden und stillenden Müttern in drei Gruppen eine Dosis von etwa 400, 2400 und 6400IE pro Tag verabreicht und geschaut, wie sich das dann in der Muttermilch niederschlägt. Bei 6400IE täglich stellt sich im Blut etwa ein level von 40-50ng/ml ein … und „plötzlich“ hatte auch die Muttermilch genug Vitamin-D, keine Suplementation notwendig. Bei den werdenden Müttern stellten sich noch andere positive Effekte ein, vor allem deutlich geringere Anzahl an Frühgeburten und anderen Komplikationen. Studien kann ich gern mal raussuchen, wenn jemand lust hat sich da mal bisschen einzulesen.

    Sorry für den langen Kommentar 🙂

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    • Mia schreibt:

      „Studien kann ich gern mal raussuchen, wenn jemand lust hat sich da mal bisschen einzulesen.“

      Ja bitte, warum nicht! Am besten gleich hier, dann haben alle was davon. 😁

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      • Andreas schreibt:

        Ich hab noch was besseres gefunden, das hier ist ein (wissenschaftlicher) Artikel „The role of vitamin D in pregnancy and lactation: emerging concepts“ aus „Women’s Health“: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4365424/
        geschrieben von den führenden Leuten im Feld, ich erinner mich definitiv an den Herrn Bruce W. Hollis, der war bei mindestens bei einem der beiden Studien, die ich im Sinne hatte, federführend. Wem das zu viel zum Lesen ist, unten dran ist eine „Executive summary“, sind immer noch zwei Seiten, aber das ist zu schaffen.

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    • Das ist interessant.
      Ergänzen möchte ich noch, dass Vitamin D vor allem in der Haut durch UV-Strahlung gebildet wird. Es ist also wichtig, sich viel draußen im Sonnenschein aufzuhalten, was gerade im Winter oft nicht ausreicht. Rachitis-Prophylaxe durch Vitamin-D-Tabletten ist deshalb nicht nur für Säuglinge zweckmäßig. Insbesondere dunkelhäutige Menschen leiden in unseren geographischen Breiten häufig an Vitamin-D-Mangel, sofern sie Vitamin-D nicht supplementieren.

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      • Andreas schreibt:

        Ja, im Winter is nix mit Vitamin D in diesen Breitengraden, die Sonne steht zu niedrig, die Atmosphäre schluckt das notwendige UVB weg. Ich glaube der kritische Winkel ist 45°, ab da kommt UVB durch, das ist bei uns so April bis Oktober. Trotzdem ist „raus gehen“ gut, die Sonne macht mehr, das ist gut für’s Gemüt, den Melatonin Haushalt (bei verdammt vielen Leuten kaputt) und noch 25 andere Sachen (Verdauung, Immunsystem, und und und .. 😂)
        Und ja, um so mehr Melanin in der Haut, um so größer das Problem, definitv.
        Sehr viele der neueren Vitamin D Studien kommen aus Indien, dort scheint es richtig schlimm zu sein, obwohl ausreichend Sonne vorhanden ist, aber Glasscheiben, Kleidung oder eben schon die schwächste Sonnencreme (ich glaub so ab Faktor 7) blockt UVB weitestgehend weg. Die Lebensweise hat sich immer weiter weg entwickelt von „Sonne + nackte Haut“

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  5. Pingback: Die Milchbar schließt //2686 | breakpoint

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