Offene Grenze //2259

Dreißig Jahre war es vorgestern her, seit die deutsch-deutsche Grenze geöffnet wurde.
Für die Bevölkerung im „Zonenrandgebiet“ waren die Geschehnisse eher traumatisierend als erfreulich, als sie von „DDR-lern“ überschwemmt wurde. Eine Unzahl stinkender, knatternder Trabbis verstopfte sämtliche Straßen. Selbst unbedeutende Straßen waren immer wieder zugestaut. In den Supermärkten standen diese fremden Menschen nur in den Gängen, glotzten und staunten, aber kauften nicht. Es war kein Durchkommen mehr. Wochenlang war es fast unmöglich einzukaufen.
Zwar waren wir durchaus an zeitweilige Touristenströme gewöhnt, aber diese neuen Besucher schauten nur, und konsumierten nichts.

Für mich als Kind waren diese Geschehnisse recht verstörend. Laut den Medien überall sonst Jubel und Euphorie, aber bei uns schienen Invasoren das ganze Land zu erobern, die die üblichen Abläufe verhinderten oder zumindest erschwerten. Ich war es gewohnt, dass die Welt ein Stück weiter nördlich zu Ende war. Das war schon immer so gewesen. Aber jetzt überrollte uns von daher eine Blech- äh .. Papplawine.

Vorher hatte die Gegend wenigstens Zonenrandförderung erhalten. Jetzt war kein Geld mehr dafür übrig. Das wurde für den Aufbau im „Osten“ gebraucht. Obwohl noch ein Kind, war mir schon damals (im Gegensatz zu fast allen Politikern) klar, dass das teuer werden würde.
Und siehe da – auch nach dreißig Jahren zahlen wir immer noch Solidaritätszuschlag.
Die alte Heimat ist immer noch (oder sollte ich sagen „erst recht“?) strukturschwach. Aber wenn man ein Stück gen Norden fährt, ist dort alles neu und gediegen. Die Straßen sind besser ausgebaut, der öffentliche Nahverkehr hat ein dichteres Netz, in den Orten überall moderne Straßenlampen und Infrastruktur. Es gibt noble Theater, prächtige Museen und aufwendige Sportanlagen.
Und das ist nur das, was man an der Oberfläche sieht, und was man sich in der alten Heimat noch nie hatte leisten können.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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10 Antworten zu Offene Grenze //2259

  1. Mia schreibt:

    „Ich war es gewohnt, dass die Welt ein Stück weiter nördlich zu Ende war.“
    Sieh es mal positiv: Immerhin hat die „Eroberung durch die Invasoren“ dich aus deiner dörflichen Begrenztheit geholt. Das ist doch was. 😀

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    • Überhaupt nicht. Ich habe in der Kleinstadt noch etliche Jahre gewohnt, bevor ich angefangen habe, in einer Großstadt zu studieren.
      Allerdings hat dieser Trubel allmählich schon nachgelassen. Ziemlich flott wurden auch die Trabbis weniger und durch westliche Automodelle ersetzt.

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  2. blindfoldedwoman schreibt:

    Unterscheidet ihr bei euch denn noch zwischen Ossi und Wessi? Bei uns ist die Grenze immer noch im Kopf.

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    • Ein „Ossi“ ist für mich ein Oszilloskop. SCNR

      Aufgrund der geographischen Lage verorten wir die Neuen Bundesländer sowieso primär nicht im Osten. Diese Begriffe „Wessi|Ossi“ waren deshalb (soweit ich das mitgekriegt habe) bei uns nie gebräuchlich.
      Da alle Verbindungen schon seit Jahrzehnten gekappt waren, gab es dort auch keine Bekannten. Auch heute noch besteht in diese Richtung kaum Kontakt, obwohl man ungehindert hinfahren könnte.

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      • Plietsche Jung schreibt:

        Ich habe Freude aus dem Westen, die in der Dresdener Hightech Industrie arbeiten und dort wohnen. Die Menschen dort sind von der Mentalität anders als im Norden, aber das trifft auf Franken, Bayern und Schwaben auch zu.

        Mach mal ein paar Tage oder ein langes Wochenende in Sachsen (Elbsandsteingebirge, Erzgebirge, Glashütte o.ä) Urlaub und du wirst sehen, dass weder die Welt zuende ist noch komische Menschen wohnen.

        Für mich war und ist die Wende ein Glücksfall, der uns allen mehr Freude als Unglück brachte.

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        • Im Urlaub zieht es mich viel mehr in den Süden, und für Kurzurlaube gibt es andere Kriterien, die Vorrang haben.
          Ich bin nicht davon ausgegangen, dass dort nur „komische Menschen“ wohnen. „Komische Menschen“ gibt’s überall. Aber gerade in den Urlaub fahre ich nicht, um Menschen kennenzulernen.

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  3. YephHallihallo schreibt:

    Hallihallo, dein Fachwisen ist gefragt. Eine junge bLoggerin die sich wohl nicht hierhin traut will wissen ob Du was von Affiliate Marketing verstehst?

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  4. Irenicus schreibt:

    „Die Straßen sind besser ausgebaut, der öffentliche Nahverkehr hat ein dichteres Netz, in den Orten überall moderne Straßenlampen und Infrastruktur. Es gibt noble Theater, prächtige Museen und aufwendige Sportanlagen.
    Und das ist nur das, was man an der Oberfläche sieht, und was man sich in der alten Heimat noch nie hatte leisten können.“

    Also erstmal, wenn ihr euch das vorher nicht leisten konntet, liegt es nicht an der Grenzöffnung, dass ihr es hinterher nicht konntet.

    Des weiteren. Dieser Infrastruktur im Osten, war so kaputt, dass sie Rundweg erneuert werden musste. Wenn da jetzt so viel neues da ist, war das vorher so kaputt… Um dafür ein Verständnis zu bekommen, müßtest du heute nach Bulgarien fahren. So wie es da heute aussieht, sah es damals im Osten aus.

    Mal davon abgesehen, ich habe keine Ahnung wo im Osten du warst., aber ich bin auch in den letzten Jahren echt viel rumgekommen, und es gibt selbst in Leipzig, der wohl wohlhabendsten Stadt im Osten noch jede Menge brach liegendes Industriegelände und teilweise Kriegsruinen.

    Sowas habe ich im Westen noch nie in dieser Größenordnung gesehen. Selbst im Ruhrgebiet gibt ea das nicht!. Das liegt natürlich daran, dass die Rest-Industrie im Osten nach der Wende platt gemacht wurde. Teilweise weil sie nicht wettbewerbsfähig war, teilweise weil sie aufgekauft und zerstört wurde und es liegt natürlich auch am fehlenden Eigenkapital fur Neugründungen. Es gibt im Prinzip keinen gehobenen Mittelstand im Osten.

    Ich glaube niemand der nicht ein paar Jahre im Osten gelebt hat, kann sich die wirtschaftlichen Verhältnisse hier wirklich vorstellen. Selbst 30 Jahre nach der Wende gibt es im Osten nur eine einzige Firma unterwegs den 100 umsatzstärksten Firmen. Und die Firma gehört zu über 80 Prozent einer Westfirma. ( VNG und EnBW). Wie sich das auf die Wirtschaft aber auch die Demografie der Region auswirkt, kann man sich im Westen einfach nicht vorstellen.

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    • Also erstmal, wenn ihr euch das vorher nicht leisten konntet, liegt es nicht an der Grenzöffnung, dass ihr es hinterher nicht konntet.

      Das habe ich doch gar nicht behauptet.
      Die Gegend war schon immer arm: raues Klima, karge Böden, unwegsames Gelände, keine bedeutenden Bodenschätze ..
      Die Leute haben hart gearbeitet, um ein bescheidenes Leben führen zu können.
      Als die Zonenrandförderung wegfiel, haben sie sich nicht beklagt.
      Aber inzwischen ist dort schon eine gewisse Verbitterung aufgekommen, weil es der Bevölkerung „drüben“ mittlerweile offensichtlich deutlich besser geht, als ihnen selbst.

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