Rerum plagiatorum //2260

Nachdem Benjamin inzwischen eingesehen hat, dass er wohl nicht mehr mit Teresa zusammenkommen wird, spricht nichts mehr dagegen, dass wir wieder mehr Kontakt miteinander haben. Vielleicht gehen wir sogar mal wieder zusammen schwimmen. Das war immer praktisch, und es ist einfacher, sich aufzuraffen, bzw. sich die Zeit freizuhalten, wenn man versprochen hat, jemanden zu begleiten.
Wir haben in letzter Zeit wieder öfter gemailt, sogar hin und wieder telefoniert. Benjamin hat mir auch erzählt, dass Philipp wieder zurück ist. Ich habe noch nichts von diesem gehört, aber wenn er mich kontaktieren will, weiß er ja, wie er mich findet. Ich werde in dieser Hinsicht nicht aktiv werden.

Bei einem unserer Telefongespräche kamen Benjamin und ich auch auf den Plagiatsfall der derzeitigen Nicht-Männer-Ministerin zu sprechen. Statt dass ihr ihr Doktorgrad aberkannt wurde, kam sie mit einer Rüge davon. Dies schwächt den Wert eines Doktortitels und wertet ihn ab. Da schreibt jemand große Teile seiner Dissertation ab, und nichts passiert (von der völlig folgen- und bedeutungslosen Rüge mal abgesehen). Das ist ein Affront gegenüber allen Personen, die aus eigener Kraft und rechtmäßig promoviert haben. Mir war kurz der Gedanke gekommen, meinen akademischen Grad zurückzugeben (sofern das überhaupt möglich ist), aber das bringt ja nichts. Da müsste schon ein großer Teil aller Doktoren dies aus Protest und möglichst in einer öffentlichkeitswirksamen Aktion tun.
Benjamin meinte, dass Juristen, Politologen und dergleichen halt nichts anderes könnten, als abzuschreiben. Eigenständige Gedanken sind da nicht zu erwarten. Das würde man schon an den zig Seiten Literaturverzeichnis merken [Benjamin hat im Laufe der Zeit eine negative Korrelation zwischen der Länge des Literaturverzeichnisses und der inhaltlichen Substanz einer Dissertation beobachtet]. Und dennoch schaffen sie es nicht, ihre Quellenangaben anständig und gemäß wissenschaftlicher Standards aufzuführen.
Da ist auch diese Unverbindlichkeit menschengemachter Gesetze, über die man sich grundsätzlich hinwegsetzen kann. Bei Naturgesetzen oder mathematischen Gesetzen ist das nicht der Fall. Rerum naturae hat deshalb einen ganz anderen Stellenwert als etwa rerum politicarum.
Was ist ein akademischer Doktorgrad überhaupt noch wert, wenn Politiker und Konsorten nur rumschludern und plagiieren? Die bekannt gewordenen Fälle, sind sicher nur die Spitze des Eisbergs. Aber die reichen bereits, um die Reputation eines Doktorgrads zu ruinieren. All diejenigen, die tatsächlich ehrenhaft und mit wissenschaftlichem Anspruch promoviert haben, die viel Zeit, Aufwand, Mühen sowie Fachwissen in ihre Doktorarbeit hineingesteckt, und ihre originär eigenen Erkenntnisse methodisch einwandfrei dargelegt und ausgebaut haben, sind die Leidtragenden. Denn diesen Schwindel-Doktoren passiert gar nichts. Keinerlei negative Konsequenzen. Hätte man sich die Rüge auch ganz sparen können. Die hat ja keinerlei Auswirkungen, und scheint nur eine symbolische Formalie als Alibi zu sein.
Solche Plagioten haben es nicht verdient, den Doktor als Namenszusatz zu tragen.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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22 Antworten zu Rerum plagiatorum //2260

  1. mijonisreise schreibt:

    Ich stimme deinen Ausführungen zu und verstehe den Ärger all jener, die wirklich mit eigenen Gedanken ihren Doktor erarbeitet haben.

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  2. Leser schreibt:

    Und doch scheint das – auch in den Naturwissenschaften, derer die Mathematik bekanntlich die höchste und einzig wirkliche ist – nichts wirklich neues zu sein, wenn schon 1953 einer der Großmeister satirischer Lieder bereits dieses nette Chanson dargeboten hat:

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    • Mathematik ist keine Naturwissenschaft.

      Wo hast du denn diesen Song ausgegraben? Einen tatsächlichen Bezug zur Mathematik hat der nicht. Da könnte man genauso gut jedes andere Fach einsetzen. Und Lobatschewski wird dadurch verunglimpft und diskreditiert.

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      • Leser schreibt:

        Mathematik ist die einzige Naturwissenschaft, alle anderen sogenannten Naturwissenschaften sind bloß eine Anwendung von Mathematik. Aber diese (doch recht philosophische) Diskussion hatten wir schon mal.
        Davon abgesehen: Das ist Tom Lehrer, der Mann, der so klasse Lieder wie „Wernherr von Braun“ getextet hat, oder „We will all go together when we go“ getextet hat (letzteres ist unter dem politischen Klima des kalten Krieges zu verstehen). Bei seinem Lied über Wissenschaftsplagiate hat er den Namen Lobachevsky’s aber wohl wirklich nur aus lautmalerischen Gründen genommen. Dennoch, dass jemand 1953 ein Lied über Wissenschaftsplagiate macht, heißt ja schon, dass es auch bereits damals ein Problem war.

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  3. Talianna schreibt:

    Ich persönlich glaube, dass insbesondere die Disziplinen, in denen man mit Wortklaubereien arbeitet, in denen exakte und verständliche, sprachlich korrekte Formulierungen ein Widerspruch in sich zu seien scheinen (insbesondere Politikwissenschaften und Rechtswissenschaften, teils, aber lange nicht so stark die Geisteswissenschaften), sehr anfällig für überlange, dementsprechend nach korrekter Zitierweise schlecht übersehbaren Arbeiten sind.

    Auslegung von politischen Ideen und Gesetzen hat oft damit zu tun, die Meinung durchzusetzen und nicht, die Wahrheit zu finden. Das halte ich freilich für ein nötiges, hochkomplexes Handwerk, aber ob das nun Wissenschaft im Sinne des Schaffens von Wissen ist…

    Vielleicht ist das aber auch ein bisschen ketzerisch. Dich obwohl ich in der Verwaltung arbeite und aus der Wissenschaft raus bin, hat sich meine oben genannte Ansicht eher noch verfestigt…

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  4. Mia schreibt:

    Eine Lanze für die wahrhaftigen Doktoren und Innen! Möge ihnen Achtung und Gerechtigkeit anheimfallen.
    AMEN!

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  5. blindfoldedwoman schreibt:

    Was denkt Carsten über den wieder aufgenommenen Kontakt?

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  6. Flo(h) schreibt:

    Ich glaube auch, dass die Betreuung und Überprüfung von Dissertationen und Diplomarbeiten in Zeiten der Massenuniversität häufig nicht mehr die notwenige Qualität hat. Es gibt ja keinerlei „Extrapunkte“, Anerkennung oder Aufwertung für einen Professor, wenn er Betreuer ist. Daher ist es für die meisten nur eine lästige Zusatzarbeit ohne Nutzen.
    Es werden auch immer nur die Verfasser an den Pranger gestellt, aber selten die Gutachter und Betreuer!

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  7. ednong schreibt:

    Ich denke, das Problem mit den Doktorarbeiten ist vielschichtiger.

    Erst einmal der Doktorand – e ist scheinbar unfähig, wissenschaftlich zu arbeiten und entsprechend vorgegebener Standards zu zitieren. Vermutlich, weil unfähig und natürlich so fremdes Gedankengut zu eigenem wird.

    Und die Gutachter /Prüfer, die das Plagiat nicht als solches erkennen. Müssten sie nicht eigentlich das Fachwissen besitzen, um die fremden Gedanken als solche zu erkennen?

    Jedenfalls stimme ich dir zu, dass diese lächerliche Rüge einer Abwertung von Doktorarbeiten im allgemeinen gleichkommt.

    Gefällt 2 Personen

    • Die Fachliteratur ist i.A. so umfangreich, dass man von keinem Prüfer erwarten kann, dass er alles so detailliert kennt. Das gilt insbesondere für den Zweitgutachter, der häufig nur marginalen Bezug zum Thema hat.
      Der Betreuer der Arbeit sollte eingentlich schon mitkriegen, was sein Doktorand so treibt, wie er in die Thematik eingearbeitet ist, und wie die einzelnen Fortschritte verlaufen. Trotzdem können ihm Unstimmigkeiten durchaus entgehen.

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  8. Plietsche Jung schreibt:

    Es ist viel einfacher. Es war ein politisches Geschenk. Die Jury sollte man mal untersuchen und hier mal in der Tiefe bohren oder schauen, wer hier wie unter Druck gesetzt wurde.
    Das Ergebnis ist eine Klatsche für alle, die sich abgerackert haben.

    Bei Mathematik frage ich mich, was überhaupt noch Thema einer Diss sein kann, denn so viele Dinge sind bereits erkannt, entdeckt und entwickelt worden.

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  9. Pingback: π wie Πscine (aber ohne Tiger) //2285 | breakpoint

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