Schatten der Macht //2101

Ich habe mich nicht darum gerissen. Die Macht wurde mir aufgedrängt.
Macht bedeutet Verantwortung. Man muss Entscheidungen treffen, deren Durchführung durchsetzen, und auch für eventuell negative Konsequenzen geradestehen. Das alles ist verdammt anstrengend.
In unserer Freizeit sprechen Carsten und ich eigentlich nur sehr wenig über geschäftliche Angelegenheiten. Ganz lässt es sich nicht vermeiden, aber wenn möglich bevorzugen wir entspannendere Unterhaltungen.
Wenn ich ihn mal um seine Meinung bitte oder um Rat frage, antwortet er meistens nur ausweichend. Er sagt dann, dass er mir das zutraut, und ich es schon schaffen werde. Irgendwie lässt mich das schon in der Luft hängen. Etwas mehr Anleitung und Führung wäre mir oft angenehm (und ein wenig mehr schnurrendes Schoßkätzchen sein).
Ich nehme ja an, dass er durchaus dazwischengrätschen würde, wenn ich etwas machen würde, das ihm sehr zuwider ist. So hängt diese Möglichkeit, die meine schwer errungene Autorität untergraben würde, auch noch wie ein Damoklesschwert über mir.

Wenn man jahrelang gewohnt war, alles selbst zu machen – Code schreiben, Spec schreiben, Rechnungen schreiben, Dokumentation schreiben, und was sonst noch so alles anfällt – ist es irgendwie merkwürdig, wenn diese Art der Arbeit nur noch nebenher anfällt. Führungstätigkeiten und Leitungsaufgaben sind von ganz anderer Art. Man muss planen und koordinieren, an wen man was delegiert.
Ach ja, Specs .. Bisher habe ich die auch für die Firma noch immer selbst geschrieben. Aber nun geht die Tendenz dahin, dass ich nur noch das Grobgerüst erstellen werde, und die Feinheiten einem qualifizierten Mitarbeiter übertragen werde. Ist halt zu erheblichem Teil nur Copy’n’paste sowie Formatierungen. Dafür ist die Zeit der Chefin zu schade.

Manchmal sitze ich im Büro und frage mich, was ich jetzt eigentlich mache. Es scheint so viel weniger aktiv, die Mitarbeiter machen zu lassen, als selbst zu machen. Ich fühle mich unproduktiv, ineffizient, richtiggehend faul, wenn ich zwischendurch ein paar Minuten zum Nachdenken komme. Früher sah ich das als kreative Pausen an, die mir auch häufig neue Eingebungen brachten.
Als Einzelkämpferin war ich nur für mich verantwortlich. Ich musste auf niemanden sonst Rücksicht nehmen, brauchte nicht auf Ergebnisse von anderen zu warten. Kundenaufträge liefen maximal ein halbes Jahr. Nun muss ich den Überblick über mehrere, teils mehrjährige Projekte behalten, bin von direkten Mitarbeitern, externen Dienstleistern und Suppliern abhängig.

Die Kommunikation mit meinen Softwerkern ist meist unproblematisch. Die denken ähnlich wie ich, und ich kann ihnen gut vermitteln, was von ihnen verlangt wird, und wie ich ihre Ergebnisse bestätigend lobe, oder auch mal konstruktive Kritik übe. Auch mit den anderen Techies komme ich klar.
Die Kommunikation mit den meisten anderen Geschäftskontakten ist deutlich anstrengender. Ich schaffe inzwischen schon mal einen kleinen Small Talk mit Kunden, aber es ermüdet mich. Ich wollte doch nie „was mit Menschen“ machen.
Besprechungen sind auch so eine Sache. In den hauptsächlich technisch ausgerichteten Meetings habe ich für gewöhnlich das Sagen. Meist moderiere ich, und selbst wenn nicht, habe ich trotzdem das letzte Wort. Bei den anderen Besprechungen sitze ich üblicherweise nur dabei und höre zu, muss aber trotzdem verstehen, um was es geht und mir die wichtigen Punkte merken, die dann irgendwann einmal zur Entscheidungsgrundlage werden könnten.

Geschäftsverhandlungen werde ich Herrn Kleiter überlassen, wenn Carsten das nicht mehr übernimmt. Mir liegt das nicht, und ich komme mit Herrn Kleiter recht gut aus (auch das war ein wichtiges Kriterium, als wir ihn zum Kaufmännischen Geschäftsführer ernannt haben).
Bei entsprechenden Anlässen werde ich als Galionsfigur repräsentativ die Firma vertreten, solange das nicht überhand nimmt. Damit habe ich kein Problem, solange ich nicht übermäßig mit Leuten reden muss (und solange ich meine Garderobe selbst wählen darf).

Ach, es scheint, als habe ich das Peter-Prinzip bereits ausgereizt (sollte ein gewisser Leser sich angesprochen fühlen – er weiß selbst, was das bedeutet, und dass es englisch ausgesprochen wird, ist also ohne beabsichtigten Bezug, sondern rein zufällig).

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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7 Antworten zu Schatten der Macht //2101

  1. Talianna schreibt:

    Ich will da partout nicht hin, wo Du gerade bist. Zum Glück für mich steht das auch nicht an.

    Aber somit habe ich sehr viel Verständnis für das Gefühl, das hier mitschwingt.

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  2. keloph schreibt:

    naja, es war schon immer so, dass die verantwortung (gut) bezahlt wird. besser als die arbeit. mir geht es seit jahren schon so, wie du es für dich beschreibst. allerdings bin ich in anderer situation. ich würde gern an der sache arbeiten, statt andere zum arbeiten anzuleiten, oder dabei zu unterstützen. es sind einfach völlig unterschiedliche tätigkeiten.

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  3. Leser schreibt:

    Ich fände es wichtig, mal mit Carsten darüber zu reden, dass Du Dich unproduktiv, ineffizient und faul fühlst, und dass Dir die fachliche Arbeit fehlt. Er ist ja als Geschäftsführer immer noch mindestens sowas wie Dein Partner, und weil er auch im Privatleben Dein Partner ist, sollte er Dir da möglicherweise einen Lösungsweg aufzeigen können. Wenn er nur „ist halt so, musst Du drauf klarkommen“ antworten würde, dann wäre das schade.

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    • Ihm liegt natürlich daran, dass ich zufrieden bin, aber die Firma ist ihm ebenfalls wichtig.
      Für ihn ist es schon ein Zugeständnis, dass ich mich nicht mit kaufmännischen Belangen oder Kundenverhandlungen abgebe.
      Ich war ja damit einverstanden, die technische Leitung zu übernehmen.

      Ach, ich glaube, wenn ich über die Feiertage ein paar Tage ausspannen kann, geht’s mir schon wieder besser.

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