Entkräftet //2244

Warum bin ich nur so erschöpft?
Früher arbeitete ich normalerweise vorrangig an einem einzigen großen Projekt, auf das ich mich voll fokussieren konnte. Manchmal gab es auch gerade keines. Trotzdem hatte ich genug zu tun, mich auf dem Laufenden zu halten, und meine eigene Software zu pflegen und weiterzuentwickeln.
Aber jetzt existiert nicht mehr das „eine“ Projekt, sondern mehrere parallel, für die ich aber alle verantwortlich bin. Zwar mache ich selbst kaum etwas konkret daran, muss aber den Überblick über jedes einzelne und seine Fortschritte behalten.
Ich fürchte, mich zu verzetteln. Ich darf nichts wichtiges vergessen. Dabei habe ich zusätzlich zu den Projekten auch noch eine Unmenge Kleinkram, an den ich denken muss. Von verschiedenen repräsentativen Aufgaben gar nicht zu reden.
Und wenn ich meinen Planungen ganz zweckmäßig eingerichtet habe, kommt bestimmt irgendetwas dazwischen und ich muss kurzfristig zu einer Besprechung, mit deren Agenda ich noch nicht einmal unbedingt direkt etwas zu tun habe.
Als Programmierschlampe damals war ich von niemandem abhängig und nur für mich allein verantwortlich. Ich war frei, meine Zeit nach Belieben einzuteilen.
Jetzt ist das anders. Ich muss auf die Zuarbeit anderer warten, muss mich darum kümmern, über alles relevante informiert zu werden, und kann die Erledigung der delegierten Aufgaben nur begrenzt beeinflussen.
Es fällt mit immer noch schwer, nach dem Delegieren die Kontrolle zeitweilig abzugeben, und mich darauf zu verlassen, dass die Aufgaben in meinem Sinne erledigt werden.
Gefühlt hatte ich sogar, als ich meine Dissertation schrieb, mehr zeitlichen Freiraum, da ich mich dabei voll darauf konzentrieren konnte, und nicht noch so viele andere Projekte parallel im Auge behalten musste. Da konnte ich mir guten Gewissens auch mal eine völlig unproduktive Pause gönnen.
Mir fehlt es auch, selbst fachlich zu arbeiten. Meine Aufgaben sind es im Wesentlichen, die Vorgaben zu machen, und schließlich Fortschritte und Ergebnisse zu überprüfen. Um selbst in meiner Freizeit zu programmieren, fehlen mir Zeit und Ruhe. Ich bin schon froh, wenn ich meine eigene Standardsoftware halbwegs aktuell halten kann. Zur Entspannung mal zwischendurch ein Progrämmchen zu schreiben, ist kaum drin. Und mir fehlt auch der Schwung.

Wenigstens mein breakpoint Blog ist eine fixe Konstante in meinem Leben. Es erlaubt mir, regelmäßig meine Gedanken mal in einem erweiterten Kontext niederzuschreiben. Durch eure Kommentare erhalte ich manchmal auch neue Aspekte und Sichtweisen.
Dagegen liegt mein Auschfrei-Blog schon seit Monaten brach. Einerseits wenig Zeit. Andererseits auch kein Thema, das mich motivieren würde, mir die Zeit irgendwie freizuschaufeln. Ich habe keine Lust, den soundsovielten Blogpost einer Feministin zu sezieren, oder wieder mal eine frustrierte Informatikstudentin zu Wort kommen zu lassen. Früher habe ich versucht, mich auch in der Femiblase einigermaßen auf dem Laufenden zu halten, aber inzwischen habe ich nicht mehr den Nerv, mir das dümmliche Gefasel anzutun. Keine Lust, mich zu wiederholen, um zum n-ten Mal den Gender Pay Gap oder andere Mythen zu widerlegen. Wenn mir hin und wieder doch mal eine Idee für ein interessantes Thema kommt, so wäre die Ausarbeitung zu zeitintensiv. Schaffe ich nicht.

Privat ist es mal so, mal so. Carsten steht ja genauso unter Stress, und ist gerade in letzter Zeit wieder viel unterwegs. Da gelingt es nur selten, dass wir mal gemeinsame, unbeschwerte Zeit finden.
Im Gegensatz zu mir lebt er richtig auf, wenn er möglichst viele unterschiedliche Verantwortlichkeiten hat.

Ich ermüde schnell (da ich weiß, dass ich zur Anämie neige, nehme ich ja schon häufig Eisentabletten). Immer öfter habe ich Kreislaufprobleme, Schlafstörungen, Magenbeschwerden oder Kopfschmerzen. Bisher noch nicht alles auf einmal, aber insgesamt in Häufigkeit und Intensität steigend. Mein eigenes Pflichtbewusstsein und mein Hang zum Perfektionismus machen mir den Druck. Wo sind nur meine Gelassenheit und Nonchalance geblieben? Ich sehe nur noch (potentielle) Probleme. Für Angelegenheiten, die glatt und erfolgreich laufen, finde ich kaum noch Aufmerksamkeit.

Ach je! Ist das ein Jammereintrag geworden! Aber wo sonst, wenn nicht im Blog? Keine Sorge, ich komme schon klar. Manchmal hilft es schon, den ganzen Verdruss einfach nur mal in Worte zu fassen.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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28 Antworten zu Entkräftet //2244

  1. Plietsche Jung schreibt:

    Hast du Zeiten nur für dich?

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  2. keloph schreibt:

    anne, es ist halt so, dass deine schon damals formulierten bedenken bezüglich des „tieferen einsteigens“ in die firma in deiner jetzigen rolle wahr werden. und wie bei allen anderen normalen menschen auch schlägt sich der druck aus dieser situation in körperlichen reaktionen nieder.
    das ist m. e. ein selbstgänger. das grössere problem ist die lösung dafür zu finden. das braucht zeit und ein bisschen selbstreflektion, aber auch die fantasie sich neue wege auszudenken und dann umzusetzen. vielleicht kümmerst du dich um deine zukunft und die notwendigen änderungen als dein projekt, dass dich fordert?
    klarkommen ist dir sicher zu wenig als anspruch!

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  3. floh_wien schreibt:

    Einmal jammern befreit und lässt uns dann wieder leichter das Binkerl tragen!
    VIel Glück und wenig Last!

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  4. Leser schreibt:

    Pass auf Dich auf, Anne! Niemandem ist damit gedient, wenn Du offenen Auges in den Burnout rennst – Dir am allerwenigsten. Es dürfte zwar nicht unbedingt ein Scheidungsgrund sein, aber Carsten wäre sicherlich auch nicht gerade glücklich und erfreut darüber. Dennoch finde ich, dass er da der Ansprechpartner für Dich sein sollte. Also, Du solltest ihm all die Informationen, die Du hier in diesem Blogpost geäußert hast, auch deutlich kommunizieren. Inklusive Deiner Schwierigkeiten damit, die Kontrolle abzugeben usw. – und dann mal fragen, ob er evtl. einen Lösungsweg sieht. Denn so weitergehen kann das nicht – vor allem, je mehr Du auf Dich nimmst, desto mehr wird Dir dadurch wieder zusätzlich aufgeladen. Nach dem Motto „Auf der Ladefläche ist noch Platz, also hier noch ein paar Paletten, da noch ein paar Säcke“, und irgendwann bist Du vollkommen „Land unter“. Wenn Du das jetzt schon so deutlich merkst, dann ist es an der Zeit, da kräftig gegenzusteuern – ich bin mir sicher, Carsten kann Dir dabei sogar eine Hilfe sein.

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    • Ach .. Carsten meint, ich solle das alles einfach lockerer nehmen, ich würde es schon hinkriegen.
      Wir werden uns demnächst wohl ein Wellness-Wochenende gönnen.

      Ich muss mehr Verantwortlichkeiten delegieren. Standort 6 ist schon mal ein Anfang.

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      • Leser schreibt:

        Haha, ich stelle mir die Unterhaltung gerade in etwa so vor: Anne: „Ich kann es einfach nicht locker nehmen.“ Carsten: „Nimm es doch einfach lockerer!“ 😉
        Delegieren ist ein Anfang, bzw. wenn es eben auch wirklich delegiert wird, also dann komplett aus Deinem Aufmerksamkeitsfokus verschwindet, bis ein Bericht über die Ergebnisse erscheint.

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        • Das mit dem Delegieren sagt sich so leicht.
          Es gibt nur wenige Mitarbeiter, bei denen ich tatsächlich sicher darauf vertrauen kann, dass sie alles zeitgerecht so erledigen, wie ich sie beauftragt habe.
          Bei den meisten muss ich dennoch zwischendurch zumindest nachfragen, wie der aktuelle Stand ist, oder ob es Probleme gibt. Oft gibt es auch Rückfragen, wenn sich etwas anders ergibt, als vorgesehen, und ich muss dann entscheiden, wie auf die Änderung zu reagieren ist.
          Abschalten funktioniert normalerweise nicht.

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  5. ednong schreibt:

    Hm,
    klingt ja nicht berauschend.

    Wenn die das Druck macht, würde ich am den Stellen ansetzen, die den Druck machen. Kannst du die Anzahl der Dinge verringern? Oder an den Dingen ändern, so dass sie weniger Druck machen?

    Vielleicht hilft es, wenn du die Art des „Übersicht behaltens“ änderst, so dass du für dich ein besseres Gefühl hast und die Sicherheit, alles in Griff zu haben.

    Achte auf dich und laufe nicht in einen Burn-Out!

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    • Den Druck mache ich mir vor allem selbst.
      Wenn ich etwas mache (bzw. dafür verantwortlich bin), dann will ich es auch gut machen.

      Ich sehe aktuell nicht viele Möglichkeiten, was sich ändern ließe.
      OK – um Standort 6 muss ich mich mittelfristig nicht mehr unmittelbar kümmern. Dafür brauchen wir hier wieder einen neuen Fertigungsleiter, usw. usf., der auch erst mal gefunden und eingearbeitet werden muss.

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      • ednong schreibt:

        Na ja,
        dann sieh es doch zumindest als Never Ending Story – und mache dir bewusst, daß du sie nicht beenden kannst und auch nicht Musst. Es kommen immer wieder neue Arbeiten/Aufgaben nach, die du nach und nach abarbeiten kannst.

        Es wirkt momentan so, als willst du das geschafft haben, damit es ein Ende hat. Das funktioniert aber hier nicht…

        Und vertraue mehr auf deine Mitarbeiter. Dass sie rechtzeitig nachfragen. Und bitte ggf. um regelmäßigen – bspw wöchentlichen – Bericht. Die machen das schon, wenn auch nicht unbedingt mit deiner Präzision oder Akribie.

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        • Es ist vermutlich was dran, dass ich „das geschafft haben [will], damit es ein Ende hat.“
          Bei meinen SW-Projekten früher habe ich auf das Releasedatum bzw. den Liefertermin hingearbeitet.
          Ja, jetzt geht es immer so weiter. Immer wieder ein neuer Milestone, den ich erreichen muss. Wie Sisyphos, der auch nie oben ankam.

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  6. Mika schreibt:

    Das erinnert mich an meinen Werdegang. Ich war in der Branche mal ziemlich weit oben. Dann kamen erste Zweifel, dann die Diagnose: ich werde in 10 Jahren den ersten Infarkt bekommen.

    Mein Doc hat mir das Leben gerettet. Ich habe alles hinter mir gelassen, die Macht, das Geld, den Status. Und mein Herz funktioniert besser denn je. Mein Leben ist monetär arm geworden, aber reich an Menschen.

    Wenn du deinen Job nicht mehr magst, dann ändere es, oder geh in der Tretmühle unter.

    Ich ändere jetzt mein Mailaddi so, dass du mich kontaktieren kannst. Als Hackerin kannst du ja deine Daten tarnen. Wenn du lernen willst, dann ist hier eine Tür offen. Und lösch dieses Posting bitte, das ist nur für dich.

    Warum ich das tue? Einfach so.

    Was ist das Risiko dabei? Erkenntnis.

    Was kostet es? Die Illusion der Kontrolle.

    Was bringt es? Das entscheidest du.

    [editiert: nach Absprache unverändert veröffentlicht]

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  7. blindfoldedwoman schreibt:

    Wenn Du ehrlich zu Dir bist: willst Du das alles wirklich?
    Und wenn nicht, für wen tust Du es dann?
    Auf keinen Fall darf es Deiner Gesundheit schaden. Und die ersten Anzeichen sind da.

    PS. was hatte Carsten für Pläne, bevor Du in sein Leben getreten bist?

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    • Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, wie sich Carsten die Zukunft der Firma vorher vorgestellt hat.
      Er war ja damals auch noch deutlich jünger, so dass er seine Nachfolge noch gar nicht unbedingt im Visier hatte. Vielleicht dachte er damals sogar noch, dass eine seiner Töchter die Firma übernehmen würde.
      Oder ein kompetenter Schwiegersohn.

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  8. jezek schreibt:

    Winterdepression – Frühjahrsmüdigkeit – sommerliche Hundstage – Herbstblues

    Und dazwischen immer wieder ein paar Hochs.

    So schließt sich der Kreis des Lebens!

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  9. Mia schreibt:

    Jeder ist seines Glückes Schmied!

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