Realität und Sprache //2055

Den kürzlichen Eintrag über die Sprache hatte ich schon vor einiger Zeit begonnen. Dann waren mir immer wieder ein paar andere Aspekte eingefallen, die zwar irgendwie dazu passten, aber das Thema auch allmählich auf die Wahrnehmung von Sprache verlagerte.
Das war noch, bevor die Sache mit dem Framing-Manual aufkam. Deshalb will ich hier an dieser Stelle darauf auch gar nicht weiter eingehen, habe mich schon auf Twitter genügend darüber ausgelassen, und es bleibt off topic.
Auch der Rest ist unzusammenhängender als sonst sowie vergleichsweise kurz..

Der „Anglizismus des Jahres“ ist Gendersternchen. Gender bedeutet Geschlecht(errolle), stern heißt streng, starr oder ernst. Mit dem Gendersternchen soll versucht werden, die zeitgemäße Sprache so zu manipulieren, dass alle und jede[r]* inbegriffen sind. Kann man als Jokerzeichen (Wildcard) sehen. Muss man aber nicht. Ich persönlich lehne es ab, als „Frau*“ mit einem unverlangten Anhängsel versehen zu werden. Auch die Dudenredaktion hat zumindest vorläufig davon Abstand genommen, die Gendersternchen in die Sprachregelungen aufzunehmen. Wenn ich überhaupt Gendersternchen oder auch jenes phallische BInnen-I schreibe, dann höchstens um die Benutzung lächerlich zu machen.
Wie weit sind wir noch von einem Wahrheitsministerium à la 1984 entfernt? Zensur bedeutet Meinungsfreiheit.

Es gibt ja auch die Konstruktivisten, für die die Sprache die Realität erzeugt. Für die macht es kein Geräusch, wenn ein Baum im Wald umstürzt, wenn niemand zuhört. Die Schallwellen durch die Erschütterung existieren dann wohl nicht. Und natürlich hat auch der Urknall nicht wirklich geknallt (der war wirklich lautlos, da es keine Druckschwankungen in der noch nicht existenten Luft geben konnte).
Wenn ich am Morgen sage „die Sonne geht auf“, dann ist das für die Sonne völlig egal. Diese Realität lässt sich durch die Sprache nicht beeinflussen. Der Satz ist sowieso unzutreffend, da streng genommen die Erde sich so dreht, dass für einen lokalen Beobachter mit passendem Winkel die Ansicht der Sonne über dem Horizont erscheint. Das kann ich so formulieren, wie ich will, daran wird sich nichts ändern.
Mit „die Sonne scheint“ will man ausdrücken, dass draußen schönes Wetter ist, bei der die Sonnenstrahlen ungehindert durch eine Wolkendecke die Erdoberfläche erreichen. Die Sonne ist etwa acht Lichtminuten von uns entfernt. Sie strahlt und scheint Tag und Nacht – unabhängig von unserer Uhrzeit und Wetter. Das lässt sich nicht durch die Sprache beeinflussen. Sprache beschreibt nur (und das häufig genug unzutreffend, was notorischen Besserwissern wie mir oft genug gegen den Strich geht).
Sprache versucht, die Beobachtungen zu beschreiben, bildet die Realität dabei nur in einem sehr eingeschränkten Zusammenhang ab.
Natürliche Sprache ist viel zu fuzzy, um exakte Aussagen zu machen.

Es gibt immer wieder Bestrebungen, durch Sprachbestimmungen das Empfinden für bestimmte Sachverhalte zu beeinflussen. So werden Euphemismen für negativ wahrgenommene Angelegenheiten eingeführt, um sie aufzuwerten, oder abwertende Konnotationen zur Beschreibung von Tatsachen hinzugefügt, um es dem dummen Wahlvolk zu erleichtern, die Sache einzuordnen.
Mit Sprache lässt sich zwar nicht die Realität verändern, aber (in gewissem Ausmaß) die Wahrnehmung dieser und das Bewusstsein dafür. Rhetorik ist die Lehre davon, wie man das geschickt anstellt.
Damit lässt sich ähnlich manipulieren wie mit Statistiken, indem man Fakten verdreht, wichtige Aspekte weglässt, und unwesentliche aufbläht.

Werbeanzeigen

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Realität und Sprache //2055

  1. Talianna schreibt:

    Ich hatte am Anfang des Beitrages das große Stirnrunzeln 😉

    Ich betrachte das Problem nämlich in der Regel von einer anderen Perspektive. Dabei bin ich in dieser Perspektive gar nicht (nur) auf die Sprache fixiert. Aus meiner Sicht eine Tatsache ist, dass viele Menschen nicht zwischen ihrer eigenen Wahrnehmung der Realität und der objektiven, tatsächlichen Realität unterscheiden. Der berüchtigte Satz „Ich habe mir meine Meinung gebildet, verwirren Sie mich nicht mit Fakten“ trifft da durchaus etwas. Deswegen hänge ich dem Konstruktivismus an – behaupte aber nicht, dass nur oder hauptsächlich die Sprache formt, wie wir die Realität sehen.

    Statt eines Gendersternchens oder Binnen-Is oder so einem Quatsch wie dem Aufblähen von Worten, um „alle einzubeziehen“ halte ich auch nichts, denn ich glaube, dass Sprache mehr kann. Ich hatte mit meinem Chef an der Uni einen Disput, weil er meinte, die Uni schreibe ihm vor, sein Doktorandenseminar in „Doktorandinnen- und Doktorandenseminar“ umzuwandeln. Ich fand das unmöglich, ein „DoktorandInnen-Seminar“ wollte ich auch nicht. Ich schlug „Promovierendenseminar“ vor. Das lehnte er ab – aber nicht mit der Argumentation, dass es vielleicht unexakt sei oder wie auch immer, sondern „weil es nicht alle einbeziehe“. Später hieß das Seminar dann tatsächlich Promovierendenseminar – vermutlich musste er’s als seine Idee verkaufen. Dass ich es von vorne herein vorgeschlagen hatte, wurde dann verschwiegen.

    Als Person, die mit einer Geschlechtsidentitätsstörung behaftet war/ist (das liegt im Auge des Betrachters) liegt mir an auch sprachlicher Inklusion, aber nicht um jeden Preis. Im Endeffekt würde ich eine Sprache vorziehen, die neutrale Bezeichnungen kennt – ist die nicht verfügbar, nehme ich auch das generische Maskulinum für mich, bevor ich mich verbiege. Gendersternchen, Binnen-I-Konstruktionen oder solche Stilblüten wie „*-innen und *-en“-Veranstaltungen sind nicht unbedingt hilfreich, weil sie zwar eine Schwierigkeit illustrieren, aber Sprache klobig und unaussprechlich machen, nur einem Aspekt unterordnen und dazu noch mehr Leute verschrecken als sie helfen.

    Gefällt 1 Person

    • „Gendergerechte Sprache“ ist schon seit Jahren ein Blogthema auf meiner To-Do-Liste, das ich aber bisher immer vor mir hergeschoben habe. Und auch hier habe ich es nur touchiert.
      Niemand soll sich durch die Sprache ausgegrenzt fühlen müssen, aber viele der heutigen Bestrebungen, dies zu erreichen, sind umständlich und einfach nur lächerlich.
      Der Lesefluss wird dadurch so gestört, dass man oft den Kern der Aussage nicht mehr versteht, weil nur ja alle angesprochen und mitgemeint werden sollen.
      Es geht ja nicht nur um die Bezeichnungen an sich, sondern ebenfalls um Artikel, Pronomina, zugeordnete Adjektive, die alle mitdekliniert werden müssen.
      Häufig treibt das richtige Auswüchse.
      Studentenwerke, die in „Studierendenwerke“ umbenannt werden – was soll das? Wenn ich eine Speisekarte studiere, bin ich auch eine Studierende.
      Seltsamerweise schein aber niemand Probleme mit generischem Femininum wie in „die Person“ oder „die Vertretungskraft“ zu haben.

      Problematisch sehe ich, dass es einige Leute gibt, die diese Schreibweise mit großer Aggressivität fordern. Da reicht es, ein Sternchen mal zu vergessen oder an falsche Stelle zu setzen, um sofort hart angegriffen zu werden.
      Diese einzelnen (!) Personen tun damit anderen Betroffenen keinen Gefallen.

      viele Menschen nicht zwischen ihrer eigenen Wahrnehmung der Realität und der objektiven, tatsächlichen Realität unterscheiden

      Ja, davon gibt es leider sehr viele. Mit denen ist meistens nicht vernünftig zu diskutieren, da sie nur ihre eigenen, subjektiven Befindlichkeiten sehen, den größeren, allgemeinen Rahmen aber ausblenden.

      Gefällt 1 Person

  2. thrillerbraut schreibt:

    Ein sehr schöner Eintrag. Ich musste dabei intensiv an meinem Lektor denken, der dir sehr ähnlich ist und wir uns ständig über meine angewandte Sprache streiten. Ich formuliere oft literarisch und nicht faktisch richtig. So wie dein Beispiel mit der Sonne. Die scheint natürlich immer.

    Gefällt 1 Person

    • Dankeschön.
      Unsere Alltagssprache ist natürlich nicht dafür optimiert, Sachverhalte klar, eindeutig und wissenschaftlich korrekt zu beschreiben. Sie dient dazu, dass Menschen untereinander schnell und verständlich Informationen austauschen können.
      Für literarische Sprache gelten wieder andere Prioritäten. Hier soll mit Metaphern und anderen Stilmitteln ein sprachlich-ästhetisches Ergebnis erreicht werden.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.