Deutsches Sprach //2053

Während meiner Schulzeit galt die damalige Rechtschreibung. Ich war darin eigentlich sehr fit. Zwar gab es schon mal den einen oder anderen Flüchtigkeitsfehler, und mit den harten und weichen Konsonanten stehe ich immer noch auf Kriegsfuß, aber im großen und ganzen beherrschte ich die damaligen Regeln.

Dann kam die Rechtschreibreform.
Ich muss zugeben, dass ich darüber schon recht pikiert war. Da habe ich dreizehn Jahre lang die nicht überall logisch-schlüssigen Rechtschreibregeln gelernt und verinnerlicht, dann wird plötzlich alles umgestoßen und gilt nicht mehr.
Aber nun ja – ich übernahm, was mir sinnvoll erschien (also insbesondere das Doppel-S am Wortende statt Scharfem S wie bei „muss“ oder „dass“), und schrieb fortan eben einen Mischmasch.
Um meinem Missmut Ausdruck zu geben, begann ich damals auch den Genitiv bei Eigennamen mit Apostroph zu schreiben, wie es im Englischen üblich ist. Ich weiß, dass manche Leute dies als „Deppen-Apostroph“ bezeichnen, ist mir aber egal. Für mich ist es viel eher ein Rebellen-Apostroph als stiller Protest gegen die Rechtschreibreform.

Bis zur Rechtschreibreform war es Aufgabe des Duden, die geläufigen Schreibweisen darzustellen. Im Gegensazt zu den ewig gültigen, unveränderlichen Naturgesetzen verändern sich lebende Sprachen (so ist inzwischen z.B. die Redewendung „macht Sinn“ völlig gebräuchlich, auch wenn sie vor mehreren Jahren noch als falsch galt), und damit auch, welche Schreibregeln üblich sind. Der Duden bildete diese Konventionen ab – denn etwas anderes ist Rechtschreibung nicht. Konventionen, die für eine einheitliche Schreibweise sorgen, die somit eindeutig für alle lesbar ist – egal ob aus dem hohen Norden oder dem Süden Deutschlands, oder auch aus Österreich, der Schweiz, oder wo sonst noch deutsch verbreitet ist. Sprachnormen sollen die Verständlichkeit sicherstellen (so wie es Protokolle auf den niedrigeren Kommunikationslayern tun).

Der Duden wird herausgegeben vom privatwirtschaftlichen „Bibliographischen Institut“ (das sich bezeichnenderweise auch nach der Rechtschreibreform nicht in „Bibliografisches Institut“ umbenannte).
In der Rechtschreibreform wurde durch die Kultusministerkonferenz eine neue Rechtschreibung als verbindlich für die Amtssprache festgesetzt. Der Duden ist seither nicht mehr maßgebend für die offizielle Rechtschreibung.

Die jeweilig geltenden Rechtschreibung, Zeichensetzung, Satzbau, Deklinationen, Konjugationen und sonstigen Grammatikregeln sind keine Gesetze. Man kann und darf davon abweichen, ohne sich strafbar zu machen. (Eventuell wird man aber unter bestimmten Umständen nach einer irreführenden Schreibweise schadenersatzpflichtig.)
Normalerweise läuft auch kein Parser darüber, der Syntaxfehler oder Falschschreibung anmäkelt. Jeder Programmierer ist aber gerade das durch seinen mehr oder weniger strengen Compiler gewöhnt.
Die gültigen Rechtschreibregeln sollen sicherstellen, dass Schreiber und Leser einander verstehen. Sonst könnte ja jeder schreiben, wie er mag. In manchen Grundschulen soll es inzwischen vorkommen, dass ABC-Schützen das Schreiben lernen, „wih manz höad“. Das muss ein Chaos ergeben! Ich hätte weder T noch P gebraucht. In meiner Muttersprache sind die unnötig.
Goethe war Hesse. Nur deshalb reimt sich bei ihm „Ach neige, du Schmerzensreiche“.

Als Hochdeutsch gilt die Sprache Luther’s (sic! – jetzt erst recht!). Dazu auch eine kleine Miniannekdote: Meine Mutter erwähnte gelegentlich, dass sie über etliche Ecken mit Luther verwandt wäre. Da dieser aber ein abtrünniger Ketzer gewesen sei, schwankte sie zwischen Stolz und Missbilligung.

Während ich diesen Text hier weiter geschrieben habe, bin ich etwas vom Thema abgekommen. Ich splitte deshalb hier auf und mache zwei Einträge daraus. Der andere folgt demnächst.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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9 Antworten zu Deutsches Sprach //2053

  1. Plietsche Jung schreibt:

    Im Zug der Neuausrichtung dieses Staates werden in Kürze die bestimmten und unbestimmten Artikel abgeschafft und durch „ein“ und „dem“ ersetzt.

    Den Menschen muss es leichter fallen, dem deutsche Sprache zulerne.

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  2. Leser schreibt:

    Bei ph oder f bin ich auch immer noch am Schwanken: Heißt es jetzt Fotografie, Photographie, Fotographie oder gar Photografie?
    Aber das doppel-S statt ß ist keine Regelung, die mit dem Wortende zusammenhängt, denn sowohl Fuß als auch Ruß werden weiter mit ß geschrieben. Es hängt vielmehr davon ab, ob man den Vokal vor dem s-Laut kurz oder lang ausspricht (muss vs. Fuß) – sonst würde man ja auch „müßen“ schreiben, was jedoch falsch ist und auch grauslig falsch aussieht, denn richtig ist ja „müssen“…

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  3. idgie13 schreibt:

    Hier in der Schweiz gibt es ja kein ß – auch nicht auf der Tastatur. Da wird alles mit Doppel-s geschrieben.
    Finde ich immer wieder bedauerlich, wenn ich Masse statt Maße schreiben muss.

    Ansonsten finde ich, dass das Deutsch immer schlimmer wird und manche Leute keinen einzigen zusammenhängenden Satz mehr formulieren / schreiben können. Ich hab gestern im Radio ein Interview mit einer jungen deutschen Schauspielerin gehört – in jedem Satz mindestens 5 ähs und kein Satz beendet. Furchtbar! Ich hab dann auf einen norwegischen Sender umgeschaltet.

    Bei manchen Kommentaren mag ich auch gar nimmer rausfiltern, was wer vielleicht wie meinen könnte und ignoriere das Gefasel einfach.

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  4. MartinTriker schreibt:

    Der Deppen-Apostroph (sorry, für mich kein Rebellen-Apostroph, habe in meinem Leben zu viele Karin’s Imbiß, etc. gesehen) ist nach dem neusten Duden erlaubt. Der Duden hat immer die Sprachwirklichkeit abgebildet, nicht reglementieren wollen. Und da der sächsische Genitiv mittlerweile leider sehr verbreitet ist hat er Einzug gehalten.

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  5. Pingback: Realität und Sprache //2055 | breakpoint

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