Orthogra .. wie schreibt man das? //2320

Einer meiner Mitarbeiter ist Legastheniker. Das nehme ich mal zum Anlass, ein paar – eher unstrukturierte – Gedanken darüber zu bloggen.
Zunächst ein paar allgemeine Informationen zum Behalten im Hinterkopf, damit ich später nicht mehr in jedem zweiten Satz differenzieren muss.

Man unterscheidet zwischen Legasthenie und Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS). Während die Legasthenie dauerhaft ist, kann die LRS vorübergehend sein. Mehr Details braucht man an dieser Stelle nicht zu wissen. Ich benutze beide Begriffe weitgehend synonym.
Legasthenie betrifft gerade intelligente Menschen, denen man aufgrund ihrer Intelligenz zutrauen würde, weniger Fehler zu machen. Wenn jemand von vornherein nicht sonderlich schlau ist, sind viele Rechtschreibfehler nicht verwunderlich, und man zählt dies dann nicht als Legasthenie.
Zur Abgrenzung lässt man Schüler (oder auch Erwachsene in ihrem späteren Leben) üben. Bessert sich die Schreibleistung nach ausgiebigem Üben, ist es keine Legasthenie. Besteht die Rechtschreibschwäche unabhängig vom Üben fort, kann eine Legasthenie diagnostiziert werden. In der Schule erhalten Schüler dann einen Ausgleich, z.B. mehr Zeit, um Texte zu lesen, oder ihre Rechtschreibfehler fließen nicht in die Note ein.

Soweit erst mal das Vorgeplänkel, in dem ich darauf hinauswollte, dass Legastheniker weder dumm noch nachlässig sind, sondern einfach nicht besser können (so wie ich Schwierigkeiten habe, rinks und lechts auseinanderzuhalten, mir Gesichter zu merken, und einiges mehr). Jeder hat wohl irgendwelche Schwächen. Glücklich, wer sie durch andere Stärken ausgleichen kann.

Nun kommt es in sozialen Medien besonders oft vor, dass Worte falsch geschrieben sind, oder die Interpunktion fehlt. Eine Ursache besteht sicher auch darin, dass es etwa auf einer Smartphone-Tastatur umständlich ist, Großbuchstaben und Satzzeichen einzugeben. Die Autokorrektur verbösert manchmal, statt zu verbessern. Die Spracherkennung ist nicht zuverlässig. Oft ist die Zeit knapp, und es werden Texte ohne gründliche Überprüfung einfach abgeschickt.
Ich bin da inzwischen schon recht abgestumpft, und ignoriere Fehler und Unterlassungen, sofern der Text selbst noch verständlich ist.
Leider führt das wiederholte Lesen falscher Schreibweisen (auch bei mir) dazu, dass man ebenfalls mehr (unbeabsichtigte – im Gegensatz zu meinen legendären Verschreibern) Schreibfehler macht. Sehr beliebt sind etwa die Verwechslungen von das|dass, Sie|sie, wieder|wider, seid|seit oder den|denn, um nur einige Beispiele zu nennen.
Man sollte schon unterscheiden, ob ein Fehler zustandekommt, weil jemand nur sehr flüchtig und schnell schreibt, oder weil er es tatsächlich nicht besser weiß. Bei wichtigen schriftlichen Arbeiten sollte man mehr Sorgfalt walten lassen als im Internet, und ggf. jemanden, der sich mit Rechtschreibung auskennt, das Werk durchsehen lassen, bevor man es weitergibt.
An Personen, die beruflich schreiben (z.B. Journalisten, Schriftsteller) oder mit der Sprache Geld verdienen (z.B. Redakteure, Lektoren, Lehrer), darf man sicherlich höhere Ansprüche stellen.

Nun kommt es bei Diskussionen in sozialen Medien immer wieder vor, dass jemand aufgrund von – eher geringfügigen – Schreibfehlern von einem anderen deswegen kritisiert wird (insbesondere wenn letzterer selbst keine Argumente mehr hat). Wie gesagt – ich ignoriere Schreibfehler ja normalerweise und bringe eine gewisse Nachsicht auf, aber wenn jemand die Aussagen eines anderen deshalb abwerten und diskreditieren will, halte ich jenem ganz gerne den Spiegel vor. Um hier – ausnahmsweise mal – die Bibel zu zitieren: „Wer selbst ohne Fehler ist, werfe den ersten Stein.“
Es ist aber niemand perfekt. Manche machen sehr viele Fehler, andere halt (mich eingeschlossen) nur wenige, aber absolut niemand schreibt völlig fehlerfrei. Jemandem anderen Unzulänglichkeiten vorzuhalten, während man selbst im Glashaus sitzt, ist unredlich.

Anstatt also – sachlich! – den Inhalt einer Nachricht zu kritisieren, macht man sich lieber über fehlende Kommata oder Großbuchstaben lustig, gerne auch vor versammelter Twittermannschaft, die dem noch Applaus spendet. Dabei täte es vielen Personen gut, sich zuerst mal an der eigenen Nase zu kratzen, bevor diese in die Angelegenheiten anderer gesteckt wird. Da hilft auch die an den Haaren herbeigezerrte Rechtfertigung nicht. Doppelmoral bleibt Doppelmoral.
(Und nur um es abzugrenzen: Ich meine hier nicht einen höflichen, meinetwegen besserwisserischen Hinweis, dass eine benutzte Schreibweise unkorrekt ist. Solche Mitteilungen sind durchaus willkommen, solange sie nicht dazu benutzt werden, die inhaltlichen Aussagen aus dem Kontext zu lösen und abzuwerten, und so den ursprünglichen Schreiber anzugreifen.)

Nun ja, um wieder auf meinen Mitarbeiter zurückzukommen: Er erzählte mir neulich, welche Erfahrungen er als Legastheniker in sozialen Medien gemacht hatte (sein Twittername ist mir bekannt, er hat nicht übertrieben). Sobald er etwas schreibt, was den Empfängern nicht gefällt, werden nur noch seine Schreibfehler thematisiert und er selbst lächerlich gemacht. Es geht überhaupt nicht mehr um das, was er inhaltlich geschrieben hat, sondern nur noch darum, dass er ja noch nicht einmal die „einfachsten Rechtschreibregeln“ (die BTW häufig inkonsistent und unlogisch sind) beherrscht. Dabei haben diese Personen eigentlich ihre eigenen Probleme, auf die sie sich besser fokussieren sollten. Wenn die inhaltlichen Argumente fehlen, spielen sie sich als Rechtschreibpapst auf und führen ihre Angriffe ad hominem.
Warum werden in unserer Gesellschaft Dyskalkulie und Zahlenanalphabetismus so viel leichter akzeptiert als Legasthenie? Da schaffen Leute mit Schulabschluss keinen Dreisatz, Personen bestehen ihr Abitur, obwohl sie noch nicht einmal eine quadratische Gleichung lösen können. Ein paar harmlose Rechtschreibfehler führen zur Ächtung, während es Leute gibt, die auch noch stolz darauf sind, keine Ahnung von Mathematik zu haben. Und gerade solche Leute machen andere nieder, wenn mal ein Satzzeichen fehlt.

Bevor dieser Text noch in einen Rant ausartet, höre ich damit lieber auf.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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15 Antworten zu Orthogra .. wie schreibt man das? //2320

  1. Plietsche Jung schreibt:

    Rechtschreibfehler können schon in den Augen schmerzen, aber durch Häme und Spott wird es sicher nicht besser.

    Trotzdem. Die Rechtschreibung ist auf dem Rückzug und lässt seit Jahren oft zu wünschen übrig. Eine Korrelation zu jungen Menschen lässt sich direkt nachweisen und die Lehrmethoden darf man sicherlich anzweifeln.
    Es werden zuwenig Bücher gelesen, die Sprache nutzt sich ab und verschleißt.

    Krankhafte Schwächen ausgenommen.

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  2. Talianna schreibt:

    Ich bemerke auch bei mir (insbesondere im Netz) mehr Flüchtigkeitsfehler. Stellenweise macht mir zu schaffen, dass sich die Rechtschreibung geändert hat – zum Beispiel beim Wort „rau“, das mir ohne „h“ immer noch ungewohnt rauh daherkommt.

    Ich habe früher viel gelesen, und glaube auch, dass früher mit mehr Sorgfalt lektoriert und auch übersetzt wurde – insbesondere in den Verlagen hat sich der Standard sehr gesenkt. Außerhalb von verlag-verlegten Büchern und Printmedien war die Kontrolle schon zuvor lässiger, daher fällt der Abstieg bei den Verlagen sehr auf.

    Mir tut es weh, dass der Umgangston in Sachen Rechtschreibung so rau/h geworden ist. Legastheniker haben‘s schwer durch viele Unachtsame, die Legasthenie vorschützen und dadurch echte Legasthenie oder auch vorübergehende Lese-und-Rechtschreibschwäche als inflationär und unecht brandmarken.

    Allerdings hat auch das ewige Hin und Her um die Rechtschreibreform viel Glas zerschlagen und zwischen „Ist doch egal, wenn man‘s lesen kann“ und „Rechtschreibung ist ein Wert an sich“ die Gräben vertieft und Zwischentöne ausgemerzt.

    Ich hoffe, auf der Handytastatur nicht all zu viele Fehler produziert zu haben – ich finde Rechtschreibung nicht unwichtig, aber auch nicht so essentiell wie Leseverständnis, Logik und grundlegende Mathematik. Davon abgesehen spiele ich gerne mit Sprache – so Späße wie sinnentstellende Interpunktion (Man lernt nie. Aus!) oder Wortspiel-Charakternamen in Rollenspielen (Elementarmagierin Thempera Thur und ihre des Schreibens unwillige Schwester Liga, die sich nun Maqula nennt, sowie ihre Cousinen Cariqa Thur, Polly Thur und Arma Thur) sind mein Ding. Um bewusst mit „Fehlern“ neue Nuancen oder Bedeutungen zu erzeugen, muss man auch bei der Form gewisse Maßstäbe anlegen, da die Abweichungen bewusst und mit Intentionen behaftet nur dann auffallen, wenn sid herausstechen…

    Ich schweife ab, nicht? 😉

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    • Solche Abschweifungen sind mir hier immer willkommen.

      Die Rechtschreibreform kam bald, nachdem ich mit dem Abitur fertig war. Teilweise habe ich mich umgestellt, teilweise die alte Schreibung beibehalten, und teilweise ist es mir seither auch ein bisschen wurscht.

      Wortspiele mag ich auch sehr.

      Gefällt 1 Person

      • Talianna schreibt:

        … und genau das, dass es uns (Dir wie mir) ein bisschen wurscht ist, macht die Problematik zwischen den Orthographie-Prinzipienreitern und den Laisser-Écririanern nicht einfacher – wofür ich nicht die Reform selbst, sondern das Hin und Her danach verantwortlich mache. 🙂

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        • carnofis schreibt:

          Ach Talianna,

          bei der Rechtschreibung ist letztlich nur wichtig, was Dir wichtig ist. Solange die anderen Dich verstehen, ist der Rest nachrangig.
          Mehr wert würde ich darauf legen, dass ein Ingenieur fehlerfrei rechnen, nicht so sehr, ob er es fehlerfrei in Worte fassen kann.

          Ich habe auch ein Faible für Wortspielereien und halte immer wieder auf irgendwelchen Zetteln kleine Notizen fest, um eine besonders schöne Wortkonstruktion später in eine kleine Geschichte einzubauen.
          So hätte ich zu gern den griechischstämmigen Schlagersänger mit dem klangvollen Namen ‚Nirosta Cellulitis‘ auferstehen lassen, verheiratet mit der italienischen Sopranistin ‚Yersinia Cabale‘.
          Aber mir ist noch keine hübsche Geschichte zu den beiden Herzchen eingefallen 😉

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  3. Christian_who schreibt:

    Stimmt Anne.

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  4. carnofis schreibt:

    „Leider führt das wiederholte Lesen falscher Schreibweisen (auch bei mir) dazu, dass man ebenfalls mehr (unbeabsichtigte – im Gegensatz zu meinen legendären Verschreibern) Schreibfehler macht.“

    Das sach ich Dir. Irgendwann müssen wir uns den Text vorlesen lassen, damit wir aus dem gesprochenen Wort extrahieren können, was die Botschaft ist 🙂

    Einst in der Schule (letztes Jahrtausend) jahrelang Klassenbester in Orthographie, rede ich mich heute damit heraus, dass ich nur die nächste Rechtschreibreform vorwegnehme 😀

    Spaß beiseite, ich halte es wie Du und habe kein Problem damit, wenn jemand orthographisch übel daneben liegt, solange ich noch problemlos verstehen kann, was er mir sagen will.
    Es gibt allerdings ein paar Dinge, die meinen Augen so sehr schmerzen, dass ich einen Zwang verspüre, sie zu korrigieren – orthographische und Ausdrucksfehler.

    Meine Lieblingsfehler sind „Dafür entschuldige ich mich!“ – eine Handlung, die zuletzt wohl dem Sonnenkönig zustand. Alle anderen Größenwahnsinnigen 😉 dürfen mich „um Entschuldigung BITTEN“, denn wenn es sich um eine idelle Schuld handelt, kann nur ich sie ihm erlassen.
    In meiner Teen- und Twen-Zeit gab es Leute, die so einzigartig waren, dass sie die „Einzigsten am Platze“ waren.

    Grad diese Tage habe ich mir ein Buch aus dem Regal geholt, das ich von meinen Großeltern übernommen und ewig überlegt hatte, ob ich es gleich wegwerfe, oder noch einen Blick hineinwerfe. Es ist von Feuchtigkeit verzogen, der Einband ausgeblichen, die Seiten vom Alter gelb und im beginnenden Zerfall. Das Buch heißt „Via Mala“ von John Knittel.
    Nach 60 Seiten finde ich in die Handlung – und vor allem schätze ich die korrekte Schreibweise, wie ich sie noch gelernt hatte. Ich werde es also zum Üben nutzen, wie es eh nichts Besseres gibt, als viel zu lesen, um die Sprache beherrschen zu lernen.
    Leider haben selbst Journalisten und Fernsehmoderatoren immer öfter Probleme mit der Unterscheidung von Genitiv und Dativ („Das ist dem Nachbarn sein Hund!“)

    Vor zwei Wochen hatten wir eine Vertreterin bei uns in der Firma, Französin, die für ihr mangelhaftes Deutsch um Entschuldigung bat.
    Ich konnte ihr versichern, dass sie dort sattelfester war, als 90% der deutschen Muttersprachler 🙂

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