From Down Under //2269

Wir haben bereits in vielen Ländern Kunden, bisher aber noch nicht in Australien. Um den Markteintritt dort vorzubereiten, hatte die Führungsspitze eine Besprechung mit einem australischen Berater, der für eine auf solche Vorhaben spezialisierte Agentur arbeitet. [Es geht eigentlich über reine Beratung hinaus, aber Einzelheiten darüber will ich nicht bloggen.]

Carsten’s Vorstellung war denkbar knapp, als er mit ihm den Besprechungsraum betrat: „You already know Mr. Kleiter. Our chief executive Dr. Nühm. My assistant Mr. $Nachname[‚Werner‘].“
Dass der Australier nicht so seriös gekleidet und frisiert (wenn die Haare seitlich nicht übermäßig kurz gewesen wären, hätte er an Mick Dundee erinnert) war, wie man es sonst in der Branche gewohnt ist, meinetwegen – andere Länder, andere Sitten – und ich muss mich ja nicht privat mit ihm abgeben.
Aber was mich an ihm zunehmend unangenehm irritierte, war seine Unverbindlichkeit. Er ließ sich keine eindeutigen Aussagen entlocken, sondern blieb vage: „that’ll happen“, „this will be settled“, „you’ll see“, „that can be arranged“ .. Vielleicht ist das die australische Mentalität, aber mit dieser sorglosen Gleichgültigkeit, wenn es eigentlich um klar definierte Abläufe oder grundlegende Festsetzungen geht, kann ich nichts anfangen. Ich glaube nicht, dass wir ins Geschäft kommen werden. Carsten war vom Gebaren des Australiers ebenfalls nicht überzeugt.

Als wir das Meeting gerade beendet hatten, fragte Mick [unbestimmt in meine Richtung gewandt], was man hier in „the surroundings“ abends ohne Vorbereitung unternehmen könne. Vermutlich gehen unsere Ansichten über „the surroundings“ auseinander. In australischen Entfernungen bemessen, meinte er wohl zwischen Alpen und Nordseestrand. Hier in der Stadt gibt es zwar Kinos und an manchen Tagen Theater, aber nur deutschsprachig, wofür sein rudimentäres Deutsch wohl nicht ausreichen dürfte. Und sonst fällt mir nichts interessantes ein. Dehnt man den Radius bis zur Trichterstadt aus, gibt es vermutlich eine größere Auswahl, auch an Abendveranstaltungen, aber erstens kenne ich nicht seine Vorlieben und Interessen, zweitens weiß ich auch gar nicht, was da konkret an diesem Abend genau los sein würde.
Carsten fragte nach, was genauer er meine. Mick wollte offenbar in eine Art Tanzbar, Nachtclub oder Diskothek gehen. Carsten und ich blickten uns ratlos an. Da gibt es hier nichts größeres. Ein paar kleine Etablissements wohl, aber es dürfte Geschmacksache sein, welches ihm am besten gefällt. Zumal unter der Woche ohnehin kaum etwas los sein dürfte.
Herr Kleiter versprach schließlich, sich zu erkundigen, was heute in der Trichterstadt zu empfehlen wäre, und es ihm mitzuteilen.

Daraufhin wandte Mick sich grinsend an mich [diesmal unzweifelhaft], und fragte, ob ich Lust hätte, ihn zu begleiten. Dabei wusste er in dem Augenblick selbst noch nicht, wo er letztendlich hingehen würde. Es gelang mir lächelnd zu antworten, dass ich den Abend bereits verplant hätte (dass es ein ruhiger Sofaabend werden sollte [letztendlich nicht wurde, aber das ist wieder ein anderes Thema], brauchte er ja nicht zu wissen). Selbst wenn ich nicht exklusiv gebunden wäre, und Mick meinem Beuteschema entsprochen hätte, hätte mich solch eine spontane Aktion abgestoßen. Ich will vorher Bescheid wissen, was genau vorgesehen ist. Und wenn mich die Lokalitäten in der Trichterstadt reizen würden, wäre ich aus eigenem Antrieb schon öfter hingefahren und würde mich sicher auch mit dem Angebot dort auskennen. Letztendlich möchte ich meinen gemütlichen Abend auch nicht opfern, um erst lange herumzufahren, bloß um mich in irgendwelchen Bars mit fremden Leuten unterhalten zu müssen, und das bei überteuerten Getränken und womöglich überlauter Musik, die nicht meinem Geschmack entspricht.
„We gonna have fun“, versuchte er mich zu überreden, „I promise you.“ Sehe ich so aus, als wäre ich auf ihn angewiesen, um Spaß zu haben?
Carsten stand abwartend daneben, um zu sehen, wie ich reagieren würde.

OK – ich hätte es Mick freilich unmissverständlich klarmachen können, dass ich nicht interessiert bin. Andererseits bestand noch die Aussicht auf eine geschäftliche Verbindung, so dass ich es vorzog, mit huldvollem Lächeln abzulehnen: „I regret, but no thanks.“
Achselzuckend gab er auf. Einerseits war ich erleichtert, andererseits ist es gerade diese mangelnde Ernsthaftigkeit und fehlende Beharrlichkeit, die mich von vornherein bei ihm gestört hatten. Irgendwie hatte ich trotzdem ein wenig erwartet, hier würde er konsequenter bleiben.

Was Mick dann am Abend tatsächlich unternommen und erlebt hat, weiß nur er allein.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu From Down Under //2269

  1. keloph schreibt:

    andere länder andere sitten. und manche geheimnisse will man nicht wissen 😉

    Gefällt 1 Person

  2. ednong schreibt:

    LOL – ja, die Australier. So schön total unverbindlich …

    Ich kenne nur Deutsche, die dorthin ausgewandert sind. Und mit einem echten Australier durfte ich mal „zuschauend“ Bekanntschaft machen. War so ähnlich wie bei dir. Recht unverbindlich. So was würde mich permanent in den Wahnsinn treiben. Ich mag es ja schon selber nicht, wenn ich zu Kunden nicht verbindlich sein kann, weil Vorlieferanten unverbindlich sind.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.