Allein in einem fremden Land //2223

Da stand ich also morgens früh um 5 mit zwei schweren Gepäckstücken auf dem Busbahnhof. Der Bus war aus London die Nacht durch hierher gefahren, mit einer längeren Pause an einer Raststätte. Ich hatte die ganze Nacht nicht schlafen können, und war entsprechend übermüdet.
Im Reisebüro hatten sie mir gesagt, es sei ganz einfach, hier Bed and Breakfast zu finden, man müsse nur bei einer Frühstückspension klingeln. [Das war vor bald zwanzig Jahren, als man noch nicht über das Internet buchte.]

Nun ja, .. ich weiß nicht mehr wie oft ich vergebens klingelte, weil alle Zimmer belegt waren.
Irgendwann klappte es dann doch. Ich glaube, die Landlady hatte Mitleid mit mir, wie ich da so erschöpft und abgekämpft vor ihrer Tür stand, und machte mir ein Zimmer frei, das eigentlich privat bleiben sollte. Ein paar Tage später konnte ich dann in ein reguläres Gästezimmer bei ihr einziehen. Das war eigentlich oberhalb meines Budgets, aber in Ermangelung einer Alternative blieb mir nichts anderes übrig.
Die Landlady sah aus, wie man sich eine typsche Engländerin vorstellt. Ich will bestimmt nicht über sie lästern, denn sie war ansonsten eine wirklich freundliche, anständige Frau, der ich höchsten Respekt und Achtung zolle. Aber ein fliehendes Kinn und eingesunkene Gesichtszüge machten sie zu einem wenig erfreulichen Anblick. Ich erwähne das bloß, weil die Diskrepanz zu ihrem Mann so augenfällig war und verwunderlich wirkte. Dieser arbeitete in London und kam nur am Wochenende nach Haus. Ein blendend aussehender Mann, der ganz sicherlich auch andere Optionen gehabt hätte. Sonst sind Paare ja meistens auf ähnlichem Attraktivitätsniveau.
Das Hausmädchen stammte aus der Schweiz und arbeitete für Kost und Logis. Genau wie ich hatte sie den Vorsatz, ihr Englisch zu verbessern. Tatsächlich hielten wir es – bis auf wenige Ausnahmen – durch, in englisch miteinander zu reden.
Sowohl mit der Landlady als auch dem Hausmädchen hatte ich später noch einige Jahre Kontakt.

Das englische Frühstück war für mich viel zu wuchtig. Erst Cereals, dann Sausage, Bacon, Eggs, .. wo ich doch am Morgen noch gar keinen Appetit habe. Ich gewöhnte mir an, Cheese on Toast zu essen, und manchmal ein paar Baked Beans dazu.
Die britische Küche hat ja nicht den besten Ruf. Aber was immer sehr lecker war, war der gebackene Fisch, der aufgrund der Nähe zum Meer stets ganz frisch war. Dazu Chips, Peas, und a pint of Lager. In dem Ort gab es mehrere (sogar verhältnismäßig günstige) Restaurants, in denen ich auch Pasteten und sonstige Speisen probieren konnte.
Ansonsten waren bei jedem Gericht Chips’n’Peas dabei – sogar bei Pizza, die IMHO diesen Namen nicht verdiente, aber das wusste ich ja vorher nicht.
Das Highlight war Trifle, das mir die Landlady an einem Abend anbot.
Die englischen Erfrischungsgetränke waren schauderhaft – viel zu süß und künstlich aromatisiert. Ich blieb lieber beim Bier.

Ich ging viel spazieren, machte auch auf eigene Faust einige Ausflüge in die Umgebung. Da gab es ein paar Touristenattraktionen, an die ich mich teilweise erinnere. Ich kam aber praktisch mit niemandem ins Gespräch.
Der Strand war kieselig und das Wasser mir zu kalt.
Dann gab es noch einen schönen Park in der Nähe, den ich gerne aufsuchte. Neben dem Eingang stand ein kleines Kiosk, in dem eine ältere Frau tagein, tagaus eine regionale Eisspezialität verkaufte, die mir sehr gut schmeckte.

Nach der geplanten Aufenthaltsdauer machte ich mich wieder mit dem Bus auf den Weg zurück nach London.
Mein Flug hatte Verspätung, so dass es fraglich war, ob ich am gleichen Tag noch mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause kommen würde.
Vom Flughafen wegzukommen, war noch kein Problem, aber es war abzusehen, dass ich den vorgesehenen Bus in $Umsteigestadt nicht mehr erreichen würde. Es fuhr aber noch ein Zug in die Nähe meiner Heimatstadt. Von dort wäre es möglich, dass mich mein Vater mit dem Auto abholen könnte.
Die Zeit in $Umsteigestadt war knapp. Ich nahm es in Kauf, den Zug auch noch zu verpassen, suchte eine Telefonzelle und wollte daheim anrufen. Allein – es war auch nach mehreren Versuchen jedesmal besetzt. Ich konnte nicht länger warten, und stieg halt so in den Zug.
Bei der Endhaltestelle angekommen, gelang es mir jetzt von der nächsten Telefonzelle aus, daheim anzurufen. Meine Mutter hatte mit einer Verwandten telefoniert gehabt, aus Besorgnis, weil ich noch nicht heimgekommen war – anstatt vernünftigerweise die Leitung freizuhalten.
Jedenfalls kam dann mein Vater nach einiger Zeit, um mich abzuholen. Hätte es in $Umsteigestadt mit dem Telefonieren geklappt, hätte ich nicht so lange warten müssen.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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23 Antworten zu Allein in einem fremden Land //2223

  1. keloph schreibt:

    ausser fish and chips und dem sehr deftigen frühstück ist das essen in englang beliebig austauschbar – es sei denn, man geht in teure restaurants.

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    • Fish’n’Chips habe ich immer gerne gegessen. Naja, jeden Tag muss es auch nicht sein.

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    • carnofis schreibt:

      „ausser fish and chips und dem sehr deftigen frühstück ist das essen in englang beliebig austauschbar …“

      Das kannst Du so nicht sagen. Ich bin vor einigen mal von Engländern im Rahmen einer Fachkonferenz in Manchester zu einem echten englischen Essen eingeladen worden – irgendwas mit Leber. Ich glaub, das war die ganze Leber einer Kuh, dick und groß – hat aber besser geschmeckt, als sie aussah.
      Just vorgestern war ich wieder in Manchester an der Uni und nach einem kurzen Meeting hatten wir bis zum Rückflug noch viel Zeit und setzten uns in eine nahe Pinte mit tierisch lauter Musik und klebrigen Tischen. Ich bestellte zum Essen einen scharfen Burger, der auch ganz passabel war, aber erschreckende 11 Pfund kostete.

      „Ich erwähne das bloß, weil die Diskrepanz zu ihrem Mann so augenfällig war und verwunderlich wirkte. Dieser arbeitete in London und kam nur am Wochenende nach Haus. Ein blendend aussehender Mann, der ganz sicherlich auch andere Optionen gehabt hätte.“

      Gehässige Zungen behaupten, dass sich auf dieser Diskrepanz das britische Empire begründet. Wenn die Männer etwas nicht im Lande hielt, dann waren es das Essen und die Frauen 😀

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  2. Christian_who schreibt:

    Ähnliches erlebte ich auch in England. Das war 1973. wo bleibt die Zeit ?

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  3. Mia schreibt:

    Erstaunlich, an wieviele Details du dich nach fast 20 Jahren erinnerst.
    Hast du damals Tagebuch geführt?

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  4. ednong schreibt:

    Jaja, Handys können so sinnvoll sein.

    Nutzt du deins mittlerweile?

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    • Die Händys damals waren klobig und teuer. Nichts für eine finanzschwache Studentin.
      Dafür gab es zu dieser Zeit noch viele Telefonzellen.

      Ich nutze mein Smartphone höchstens in Ausnahmefällen, also wenn ich beruflich verreist bin. Und auch dann nur zum Telefonieren. Und auch das nur, sofern eine Kommunikation über Mail gerade nicht möglich oder zu umständlich ist.

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      • Leser schreibt:

        Dass Handys damals klobig waren, ist übrigens nicht wahr. Um 2000 herum waren die Handys mit am kleinsten von dem, was ging – moderne SMD-Technik gab es bereits, aber zugleich musste man noch nicht die Leistung eines ganzen Rechenzentrums der 80er Jahre darin unterbringen.
        Nicht umsonst gibt es eine lustige Grafik als Meme, wo verschiedenste Gerätegenerationen nebeneinander aufgestellt sind, mit dem Text dazu: „Wir wollten sie immer kleiner – bis sie Pornos abspielen konnten, dann wollten wir sie wieder größer“ 😉

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    • idgie13 schreibt:

      Das hilft aber auch nix, wenn die Mama telefoniert und die Leitung besetzt hält .. 😉
      Meine gehört zu der Spezies…

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  5. DerFeststeller schreibt:

    Hm. Die Oma berichtet vom Krieg. Fürchterliche Zeiten ohne Handy, Whatsapp, Livestatus usw.

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  6. Pingback: Tweets zur Überbrückung //2380 | breakpoint

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