Allein in einer fremden Stadt //2217

Mit meiner Familie war ich nie in Urlaub. Meine Eltern sind bis heute niemals verreist.
Dass ich in meiner Jugend dennoch dreimal etwas weiter wegkam, liegt an den Klassenfahrten, die wir in der Schule durchgeführt hatten.
Der Skikurs in der 8. (?) Klasse war die schlimmste Woche meines Lebens. Ein paar Jahre später waren wir einige Tage in München, wo mich besonders das Deutsche Museum beeindruckt hat. Schließlich gab es noch die Abifahrt nach Rom.

Nach meinem Vordiplom beschloss ich, dass ich mir eine Reise als Belohnung verdient hätte. Gleichzeitig wollte ich etwas für mein Englisch tun. Also fiel die Wahl auf London (und anschließend noch ein Aufenthalt in einem ländlichen Gebiet).
Meine Eltern schossen mir zu den Reisekosten einiges hinzu und schenkten mir ein Kofferset.
Um früh genug am Flughafen sein zu können, übernachtete ich bei entfernten Verwandten, die dort in der Gegend wohnten.
Es war mein erster Flug (wenn man von einem kurzen Flug in einer kleinen Sportmaschine absieht, den ich irgendwann als Geburtstaggeschenk bekommen hatte).
Von Gatwick aus fuhr ich mir einer Bahn ins Zentrum von London.

Als Unterkunft konnte ich mir nur eine Art Jugendherberge leisten. Wir waren acht junge Mädchen in einem Schlafsaal. Immerhin lag die Herberge ziemlich günstig, nämlich um die Ecke von Harrods und nicht weit zum Hyde Park. Sie war vergleichsweise billig, und es gab sogar Frühstück.
Leider hatte ein deutsches Mädchen das Bett neben mir. Da sie sich dauernd mit mir unterhalten wollte, untergrub das meine Vorsätze, nur englisch zu reden. Dann erinnere ich mich noch vage an zwei Neuseeländerinnen.
London ist teuer. Extrem teuer. Ich ernährte mich hauptsächlich von Einkäufen, die ich in irgendwelchen Supermärkten (rund um die Uhr geöffnet – wow!) gemacht hatte. Einmal leistete ich mir einen Hotdog.
Gerne wäre ich in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett gegangen, aber der Eintrittspreis war so abnorm hoch, dass ich verzichtete.
Stattdessen besuchte ich einige Museen, deren Eintrittspreise wesentlich günstiger oder sogar kostenlos (?) waren. Ich erinnere mich an das Museum of Transport. Aber besonders gefallen hat mir das Science Museum in der Exhibition Road.

Mit dem Wetter hatte ich eigentlich die ganze Zeit meines Aufenthalts Glück. Es war trocken und warm. Kein Londoner Regen in Sicht.
Es gefiel mir, in den zahlreichen schönen Parks spazieren zu gehen. Zwischendurch entspannte ich mich auf einer Bank, und beobachtete die Geschehnisse um mich herum. Mir fiel auf, dass der Rasen dort fast jeden Tag gemäht wird. Dadurch wird er kurz und dicht, so dass er richtig samtig wirkt.
Ich erinnere mich auch, dass ich auf einer Bank saß, als ein junger Franzose sich neben mich setzte, unter dem Vorwand, er habe mich für eine Französin gehalten, da ich so leger dagesessen wäre, und ernsthaft versuchte, mich zu überreden, mit ihm in die Büsche zu verschwinden. Halb fühlte ich mich belustigt, halb geschmeichelt, aber so richtig ernst habe ich es nicht genommen. Zehn Jahre später wäre ich vielleicht sogar darauf eingegangen, aber damals war ich mir meiner selbst noch zu unsicher.

Ich sah auch den Kensington Palace (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Schloss), den Tower, den Piccadilly Circus, .. habe daran aber keine konkreten Erinnerungen mehr. Auch kaum an den Zoo, den ich ebenfalls besucht hatte.
Wenn ich mich nicht täusche, hatte ich eine Wochenkarte für die Tube und die Stadtbusse. Es machte mir eigentlich Spaß, mit der Tube zu fahren. So etwas kannte ich von daheim überhaupt nicht. Einmal drehte ich eine volle Runde mit der Circle Line.

Nach ein paar Tagen in London wollte ich die Reise in einem ländlicheren Gebiet fortsetzen. Dorthin sollte es über Nacht (um Übernachtungskosten zu sparen) mit dem Bus gehen. Um zum Abfahrtsort zu gelangen, musste ich erst noch mehrere Stationen mit der Tube fahren. Meine Reisetasche hatte ich zwischen meine Füße geklemmt, der Koffer stand neben mir. Den Griff hielt ich mit der Hand fest.
Da bemerkte ich, wie irgendso ein Typ zu mir herstarrte. Ich fürchtete mich vor Taschendieben, und so hielt meinen Koffer stärker fest, und verstärkte auch den Kontakt mit der Reisetasche. Der Typ musterte mich weiter. Ich war fest entschlossen, mir mein Gepäck nicht klauen zu lassen, und klammerte mich daran fest.
Jetzt erst – viele Jahre später, in denen ich gar nicht mehr an diese Begebenheit gedacht hatte – fällt mir ein, dass er es vielleicht gar nicht auf mein Gepäck abgesehen hatte (da waren eh nur getragene Kleider und keine Wertgegenstände drin. Meine Koffer waren zwar neu, aber ansonsten war ich einfach gekleidet, ohne Schmuck oder sonstige Kinkerlitzchen. Da hätte es weit lohnendere Objekte gegeben), sondern auf die Beine schaute. Damals typisch für mich, so etwas überhaupt nicht in Erwägung zu ziehen. Ich hätte dann viel entspannter sein können, und hätte mein Gepäck nicht so verkrampft festhalten müssen.

Über den Landurlaub hier noch zu schreiben, wäre zu lang für diesen Eintrag, obwohl es kaum etwas Interessantes dazu zu erzählen gibt. Früher oder später blogge ich wohl mal die Fortsetzung.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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14 Antworten zu Allein in einer fremden Stadt //2217

  1. Marmor schreibt:

    Gar keine Angst gehabt Dich in der grossen Stadt zu verlaufen?

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  2. Mia schreibt:

    Das ist aber schon ein wenig traurig, dass ihr nie als Familie gemeinsam verreist seid. 😦
    Und im Ferienlager warst du auch nie?
    Hattet ihr einen Hof mit Tieren, die versorgt werden mussten? Und hast du nie deine Mitschüler beneidet, wenn die in die mit ihren Eltern in die Ferien gefahren/geflogen sind?

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  3. Pingback: Allein in einem fremden Land //2223 | breakpoint

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