Spiele der Vielfalt //2164

Als Kind spielte ich am liebsten allein. Ich hatte eine ganze Reihe unkonventioneller Spiele.
Manchmal durfte ich mit der Knopfsammlung meiner Mutter spielen. Sie hatte eine große Dose mit Knöpfen aller Art. Verschiedene Farben, verschiedene Größen, verschiedene Materialien, verschiedene Formen, welche mit zwei Löchern, welche mit vier Löchern, welche mit einer Art Öse, .. wunderbar geeignet, sie nach den verschiedensten Kriterien zu sortieren, aber zu uneinheitlich, um damit weitergehend zu spielen.

Dafür waren die 63 hölzernen Spielkegel in einer alten Spielesammlung schon besser geeignet. Die meisten Kegel waren rot, grün, gelb und blau. Dazu kamen ein violetter und ein schwarzer.
Ich spielte Schule mit den Kegeln, indem ich sie ordnete und entsprechend aufstellte. Die roten und gelben waren die Mädchen, die grünen und blauen die Buben. Der violette war die Klassensprecherin, der schwarze der Klassensprecher. Einen der roten Kegel muss irgendwann mal jemand mit einem Messer bearbeitet haben, und ein Stückchen herausgeschnitzt. Das Mädchen war also behindert.
Als Lehrer oder Eltern (je nach Bedarf) nutzte ich etwas größere Spielkegel aus Plastik. Von denen hatte ich aber nicht so viele, so dass die geschlechtliche Zuordnung inkonsistent war (z.B. gab es eine hellgrüne Lehrerin).

Während die Menge der Spielkegel konstant war, änderte sich die Zusammensetzung meiner Sammlung an Buntstiften. Es machte mir Spaß, sie nach Länge zu sortieren. Die meisten hatten einen hexagonalen Querschnitt. Es gab aber auch runde und eher dreieckige. Manche ärgerlicherweise unlackiert, was die Strukturierung störte. Auch hier waren die roten, orangen, gelben und rosanen die Mädchen, während die grünen und blauen die Jungen waren. Da die anderen Farben unterschiedlich oft vorkamen, entschied ich nach Bedarf, welchem Geschlecht ich sie zuordnete.

Beim Spielen mit Legosteinen ging ich ganz anders vor. Von der Größe hing ab, wie alt ein Stein war. Die meisten Legosteine sind ja zwei Einheiten breit. Diejenige, die vier Einheiten lang waren, waren die Erwachsenen, die dreier die Jugendlichen, die zweier die Kinder und die einer die Babys. Andere Größen waren für diese Systematik irrelevant.
Die allermeisten meiner Legosteine waren rot oder weiß. Dann hatte ich noch einige gelbe, sowie wenige schwarze, blaue und durchsichtige. Damit konnte ich keine geschlechtliche Taxonomie begründen. Ich ordnete sie also Ländern oder Kontinenten zu. Die Weißen waren Europäer, die Roten Indianer in Amerika. Den Gelben war China zugeordnet, den Schwarzen Afrika. Soweit war das einigermaßen eindeutig.
Schwierig wurde es mit den Blauen und den Durchsichtigen. Eine Zeitlang waren die Blauen „die Besoffenen“, bevor ich auf die Idee kam, dass sie ja vielleicht blaugefroren wären. Von da an galten sie als Eskimos.
Noch schwieriger waren die Durchsichtigen einzugruppieren. Den Pumuckl hatte ich des öfteren von Klabautermännern erzählen hören. Die waren unsichtbar. Also kamen fortan die transparenten Legosteine aus Klabauterland.

Meine Puppen, Stofftiere und Bücher versuchte ich ebenfalls, nach diversen Kriterien zu gruppieren, aber sie widersetzten sich einer schlüssigen Feinkategorisierung.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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2 Antworten zu Spiele der Vielfalt //2164

  1. Leser schreibt:

    Und wozu war diese „Anthropomorphisierung“ von Gegenständen gut? Also, ich meine, schön und gut, dann sind sie eben in Gruppen eingeteilt, aber wie ging das Spiel dann weiter? Wurden damit dann bestimmte Situationen durchgespielt, z.B. mit den Kegeln als Schulklasse, oder war die Gruppierung schon alles?

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    • Das war Spiel, das keinen konkreten Zweck verfolgte.

      Ich habe die Teile halt auf eine bestimmte Weise gruppiert und angeordnet, und im nächsten Schritt in eine andere Reihenfolge umsortiert.
      Damit konnte ich mich stundenlang beschäftigen.

      Als „Anthropomorphisierung“ würde ich das gar nicht bezeichnen. Von wenigen Merkmalen (wie Farbe, Größe) mal abgesehen, waren die Entitäten ununterscheidbar. Deshalb betrachtete ich sie nicht wirklich als Individuen, sondern lediglich als Einzelobjekt innerhalb eines Ensembles.

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