Trouble im Entwicklungslabor – Hardware Debugging //1925

Da Ulrich derzeit im Urlaub ist, bin ich für die Geräteentwicklung vertretungsweise zuständig.

Einer der Geräteentwickler rief mich an, und berichtete von einem Problem im Labor. Gemeinsam mit einem Kollegen hatte er bei einem Versuchsaufbau unerwartete Messergebnisse erhalten.
Ich muss dazu sagen, dass die beiden Mitarbeiter noch recht unerfahren sind. Ihr Gruppenleiter – ein sehr versierter und kundiger Ingenieur – ist ebenfalls in Urlaub, und hatte ihnen aufgetragen, verschiedene Testreihen durchzuführen.
Jedenfalls brachten sie ihre Ergebnisse nicht in Einklang mit den eigentlich erwarteten Werten. Sie hatten die Messungen auch bereits wiederholt, und (im Rahmen der Messgenauigkeit) die gleichen Resultate erhalten.
„Haben Sie sämtliche Einstellungen überprüft?“ Bei den Geräten und Messinstrumenten gibt es so viele verschiedene Optionen. Wenn da etwas nicht passend eingestellt ist, kann dies das Ergebnis massiv verfälschen.
Der Geräteentwickler bejahte.
Irgendeine Kleinigkeit kann der Auslöser für einen systematischen Fehler sein (wie es damals auch bei den überlichtschnellen Neutrinos war). Ein einziges defektes Bauteil oder ein fehlender Kontakt oder Kurzschluss kann die Ursache sein.

Ich schlug den Mitarbeitern vor, zunächst das Messgerät auszutauschen. Möglicherweise lag es ja auch an diesem. „Falls nicht“, fuhr ich fort, „müssen Sie die ganze Messanordnung auseinandernehmen, und komplett neu zusammenbauen. Möglichst mit anderen Einzelteilen.“
Durch das Telefon hörte ich den Mitarbeiter aufstöhnen. Ja, so etwas macht niemand gerne. Dafür habe ich ja auch Verständnis, aber was sein muss, muss eben sein.
Ich versprach dann, selbst nachher vorbeizuschauen, ob mir vor Ort etwas auffällt. Wenn es nur am Messgerät läge, oder bis dahin eine andere Ursache gefunden würde, solle er mich sofort wieder anrufen.
Mit der Geräteentwicklung habe ich ja sonst nicht direkt zu tun und kenne mich folglich nicht mit allen Details aus. Aber als Vorgesetzte muss ich dennoch mit gutem Beispiel vorangehen.

Als ich etwa eine halbe Stunde später meine aktuelle Arbeit erledigt hatte, machte ich mich also auf den Weg ins Entwicklungslabor. Dabei lief ich ausgerechnet dem Geschäftsführer über den Weg. Ich erwähnte das Problem in der Geräteentwicklung, und dass ich mich höchstpersönlich darum kümmern würde.
„Soll ich mitkommen? Das ist doch überhaupt nicht dein Fachgebiet.“
„Du hast doch bestimmt dringenderes zu erledigen. Ich habe alles im Griff.“
Er zögerte, besann sich dann aber auf seinen gefüllten Terminkalender und meinte nur, ich solle ihn über die Angelegenheit auf dem Laufenden halten.

Im Labor stellte sich dann heraus, dass ein Neuaufbau der Anordnung unumgänglich war. Nachdem ich selbst überprüft hatte, dass alle Schaltungen den Schaltplänen entsprachen, gingen wir dazu über, nur Teile des Aufbaus durchzumessen. Die beiden Mitarbeiter verabschiedeten sich irgendwann in den Feierabend, als ich die Ursache der Fehlmessung auf eine einzelne Baugruppe eingeschränkt hatte. Ich blieb noch länger, um durchzumessen, ob die Baugruppe ihrer Spezifikation entsprach.

Es war schon weit nach sechs Uhr, als schließlich der Geschäftsführer das Labor betrat. „Was ist, misst du immer noch?“
„Das Problem muss an dieser einen Baugruppe liegen. Sieh her – eigentlich sollte sie sich verhalten, wie in diesem Datenblatt beschrieben. Das tut sie aber nicht. Ich kann inzwischen reproduzieren, dass sie falsche Werte liefert.“
Stirnrunzelnd betrachtete er das Datenblatt und verglich es mit den Messergebnissen. „Sicher, dass deine Messungen stimmen?“
„Ich habe das mehrmals nachgeprüft. Auch mit verschiedenen Messgeräten. Leider habe ich aber von der Baugruppe nur dieses eine Exemplar hier, und keinen Ersatz, den ich ebenfalls durchmessen könnte.“
„Dann ist die Baugruppe Pfusch. Minderwertiger Pfusch. Wer ist der Hersteller?“
„Du selbst. Das Ding wurde in Standort 2 gefertigt.“
„Das ist das schlecht – sehr schlecht. Ich werde mich gleich morgen früh darum kümmern, und den Standortleiter zur Rede stellen.“
„Ich glaube, das ist noch ein Prototyp.“
„Wieso ‚glaubst‘ du das nur?“
„Weil ich mich nur vertretungsweise darum kümmere – wie du eigentlich wissen dürftest.“
Missmutig patschte er mir auf den Hintern.
„Selbst wenn, so macht es die Sache auch nicht besser. Die Qualitätssicherung hat dort versagt. Ich will schon wissen, was dort los ist. Nicht funktionsfähige Teile dürfen das Werk nicht verlassen.“
„OK. Dann ist jetzt erst mal Feierabend.“

Ich war plötzlich müde, und schaltete alles aus, bzw. fuhr herunter, was heruntergefahren werden musste, und räumte auf. Das dauerte eine Zeitlang.
Danach nahm ich das Angebot des Geschäftsführers wahr, mit ihm im Auto heim zu fahren.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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5 Antworten zu Trouble im Entwicklungslabor – Hardware Debugging //1925

  1. Plietsche Jung schreibt:

    Prototypen sind halt Prototypen, keine Golden Samples und keine Serienstücke.
    Interessant wäre nun, unter welchen Bedingungen der Prototyp das bringt, was sein Ansatz bedingt und was die störenden Einflüsse sind.

    Vielleicht ist es auch nur ein ESD Problem und das Ding gehimmelt.

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    • Das Teil hätte für diese Messungen eigentlich funktionieren sollen.
      Als Prototyp hat es zwar Einschränkungen, aber die waren hier irrelevant.
      Carsten klärt derzeit noch mit Standort 2 ab, was jetzt genau damit los ist.

      Ein ESD-Problem kann ich mit hoher Wahrscheinlichkeit ausschließen.

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  2. ednong schreibt:

    Wenn das so wie beschrieben ist, sehe ich das wie Carsten – die QS bzw das QM hat versagt.

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  3. Pingback: Doppelreise //1948 | breakpoint

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