Die neue Nachbarin //2791

Vor einigen Wochen ist eine neue Nachbarin in der Wohnung nebenan eingezogen.
Den Vormieter hatte ich nur selten gesehen. Wenn wir uns gelegentlich im Treppenhaus begegnet sind, grüßten wir uns lediglich, wechselten höchstens mal ein paar Worte über das Wetter oder ähnliche aktuelle Banalitäten.

Die neue Nachbarin sucht mehr Kontakt, so dass es vermutlich zweckmäßig ist, ihr gleich ein Pseudonym zu spendieren. Nennen wir sie Ilse.
Gleich nachdem sie eingezogen war, klingelte sie bei uns, um sich vorzustellen. Na, meinetwegen. Es ist auch nachvollziehbar, dass sie anfangs noch öfter Sachen brauchte, die sie nach ihrem Umzug noch nicht parat hatte. Als gute Nachbarn halfen wir ihr aus. Mit dem Freischalten ihres Internetanschlusses gab es Probleme und Verzögerungen. Also schaltete ich mein WLAN für sie frei. Zwei Postlieferungen habe ich auch bereits für sie angenommen.
Überraschend oft trifft Ilse mich ganz zufällig, wenn ich die Wohnung gerade verlassen will. Während wir – nolens volens – gemeinsam die Treppe hinunter gehen, quasselt sie mich voll. Sie hat mir bereits ihre gesamte Lebensgeschichte erzählt, dass sie gerade eine Trennung hinter sich hat, und deshalb in eine andere Stadt wollte, was sie beruflich mit ihren Kollegen erlebt, und und und ..

Bisher konnte ich ihre Einladungen, bei ihr zu Abend zu essen, ausschlagen. Weil sie immer wieder damit anfängt, gab ich immerhin nach, mit ihr einen Kaffee in einer Bäckereifiliale zu trinken. Das hätte ich besser nicht machen sollen. Seither klingelt sie noch öfter an meiner Tür, um mir irgendetwas zu erzählen.
Für Johannes bringt sie manchmal kleine Geschenke mit, z.B. Überraschungseier. Die Schokolade darf er schon essen, aber für die Innereien ist er noch zu klein, da die oft aus Einzelteilen bestehen, die erst noch zusammengesetzt werden müssen.

Ilse selbst ist .. nun längst nicht dick, aber schon ein wenig korpulent. Ihre Stimme irritiert mich jedesmal, wenn sie den Mund aufmacht. Dazu kann sie zwar nichts, aber ich komme mir dann immer vor wie in der Werbung für Lakritzkonfekt und Fruchtgummis.
Man könnte meinen, ihr Redebedürfnis würde bei ihrer Arbeit, wo sie doch einiges mit anderen Leuten besprechen muss, längst gestillt. Aber nein, nach Feierabend scheint es erst recht aus ihr herauszusprudeln. Ihre überschwängliche Herzlichkeit nervt. Warum wahrt sie nicht einfach eine freundliche Distanz?

Wie werde ich sie nur los, ohne allzu grob zu werden? Ich will sie nicht vor den Kopf stoßen. Sie scheint ja ganz nett zu sein, wäre mir noch nicht einmal unsympathisch, wenn sie nur weniger aufdringlich wäre. Aber ich habe einfach kein Bedürfnis, mich dauernd mit ihr zu unterhalten. Carsten meint, sie wolle Freundschaft mit mir schließen. Aber dafür ist kein Platz in meinem Leben.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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9 Antworten zu Die neue Nachbarin //2791

  1. keloph schreibt:

    ein schwieriges immerwährendes problem, für das es glaube ich keine patentlösung gibt. viel erfolg.

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  2. pirx1 schreibt:

    Der Möglichkeiten sind Legion:
    – Die Tür einfach ‚mal nicht aufmachen.
    – Bei der Kommunikation noch einsilbiger werden.
    – Tadelnd darauf hinweisen, dass verschluckbare Kleinteile kein Spielzeug für Kinder < 3 sind.
    – Morgens mit Gin gurgeln.
    – Über Dicke lästern.

    Wenn gar nichts hilft: Paradoxe Intervention.

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  3. Mia schreibt:

    „…sie wolle Freundschaft mit mir schließen. Aber dafür ist kein Platz in meinem Leben.“
    Gilt das generell oder nur für die Ilse?

    Wenn man keinen größeren Kontakt mit Nachbarn über das Guten-Tag-und-guten-Weg-Maß hinaus haben möchte, dann muss man das von Anfang an durchziehen. Im Nachhinein wird das wirklich schwierig, und der Betreffende könnte das falsch verstehen, fühlt sich abgelehnt oder zieht falsche Schlüsse daraus.
    Aber du verklickerst der das schon – irgendwie – auf deine charmante Art. 😁

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  4. Plietsche Jung schreibt:

    Frauen haben bekanntlich 5000 Worte ro Tag, Männer nur 2000.
    Dass dies in absoluten Zahlen nicht stimmt, weiß jeder, aber es trifft ein bißchen die Sache.

    Sie scheint allein zu sein und ein Redebedürfnis zu haben. Ein sozialer Mensch also.
    Empfiehl ihr doch eine Häkelgruppe, einen Verein, einen Kochclub.
    Oder verkupple sie mit einem freien Mann. Oder Frau. Oder Divers.
    Dann wird sie sicher ruhiger.

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  5. beweis schreibt:

    Obacht! Sowas kann ziemlich schnell unlustig werden. Ich habe da leider diverse Erfahrungen gemacht.
    Denn ganz schnell ist registriert, wann ihr den Müll runterbringt, wann Johannes krank ist, wann ihr welchen Besuch bekommt.

    Ilses eigener Intimbereich ist dann plötzlich alles, was sie sieht, was sie hört, inklusive dem gemeinsamen Hausflur. Die erinnert dich dann freundlich, dass dein Wagen zum TÜV muss. Und was am besten hilft, wenn euer Kind nicht schlafen kann, sie kann ja gerne mal abends aufpassen kommen.
    Bei offensichtlich einsamen und gesprächsintensiven Damen schrillen bei mir wirklich alle Alarmglocken.

    Mein Konzept ist generell: Freundliche Distanz. Siezen, solange es irgendwie geht. Prinzipielles Nichtbefolgen von allen Vorschlägen, Verbesserungsideen und freundliches Abschlagen aller Hilfsangebote.
    Denn mit jedem „Ja, gerne“ stößt sie weiter in eure Intimssphäre vor, bis ihr irgendwann nicht mehr unbefangen aus der Wohnungstür gehen könnt – bestenfalls. Denn womöglich lauscht sie auf das Türklacken und ist plötzlich rein zufällig auf dem Flur mit irgendeinem Angebot oder irgendeiner Idee, die ihr nicht abschlagen könnt.

    Man liest ja viel über männliche Toxizität. Es gibt aber auch weibliche. Die ist ziemlich anders.

    Ich hoffe, wir lesen hier nicht künftig viel über den Horror mit Ilse.

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  6. B E A N schreibt:

    Du hast dich direkt am Anfang eurer Bekanntschaft als freundlich und hilfsbereit erwiesen (WLAN etc.) Es ist doch nur verständlich, dass Ilse jetzt davon ausgeht, dass ihr mindestens Freundinnen werden könnt, wenn ihr es nicht jetzt schon seit.

    Ich kann mich den obigen Kommentaren eigentlich nur anschließen. Freundlich bleiben, aber Grenzen setzen. Hilfsangebote konsequent ablehnen. Ab und zu mal betonen, dass du dich freust, dass ihr beide „gute Nachbarn“ seid oder so eine „gute Nachbarschaft“ habt. Und sollte Ilse selbst anfangen von einer Freundschaft zu sprechen, dann hast du die große Chance, ihr die Situation eindeutig klar zu machen: „Freunde? Lass uns doch einfach gute Nachbarn bleiben.“

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