Klassentreffen //2786

Als Carsten letztes Jahr sein 40-jähriges Abiturjubiläum hatte, war eine Feier wegen der Coronamaßnahmen abgesagt bzw. verschoben worden.
„Wenn, dann wären 42 Jahre doch viel stilechter gewesen“, meinte ich, als Carsten vor einiger Zeit die Einladung erhalten hatte.
„Das sind keine Nerds. Die wollen einfach nur die Feier bald nachholen.“
„Du bist doch sonst nicht zu solchen Feiern gegangen, oder?“
„Diesmal will ich aber schon wenigstens mal vorbeischauen. Das ist ja nicht weit. Da lassen wir uns halt mal eine halbe, höchstens ganze Stunde lang sehen.“
„Wir?“, hakte ich nach.
„Mit Partner.“
„Stellen wir das mal zurück. Was ist dann mit Johannes?“
„Den nehmen wir auch mit.“
„Da steht nichts von Kindern.“
„Das ist mir egal. Die Kinder der anderen sind halt schon erwachsen. Johannes kommt mit, und damit basta.“
Eine Stunde würde ich schon aushalten. Also gab ich nach. Wir würden ja nur zum geselligen Teil in einer Gaststätte kommen. Das Abitreffen sollte mit einem ökumenischen Gottesdienst beginnen, den einer der damaligen Schüler, der Pfarrer geworden war, hielt. Danach eine kleine Wanderung für diejenigen, die gut zu Fuß sind. Ab dem Spätnachmittag dann geselliges Zusammensein.

Schon lange habe ich mich nicht mehr so fehl am Platz gefühlt. Lauter alte Leute. Ich kann kaum glauben, dass Carsten genauso alt ist. Der ist doch so vital und voller Elan.
Johannes wurde natürlich für seinen Enkel gehalten, worauf Carsten erklärte, dass er auch drei Enkel hätte, aber das hier sei sein Sohn von seiner „ebenso klugen wie schönen jungen Frau“.

Carsten unterhielt sich die meiste Zeit mit den vier früheren Mitschülern aus seinem Physik-LK, die gekommen waren. Einer davon war mit Begleitung da. Zwei davon arbeiteten im MINT-Bereich, die beiden übrigen waren beruflich in eine andere Richtung gegangen.
Die Ex-Kollegiaten erinnerten sich an ihren früheren Kursleiter, erzählten von lustigen Begebenheiten oder fehlgeschlagenen Experimenten.
„Was meinst du dazu, Anny?“, fragte mich Carsten unvermittelt.
„Ich kann keine Schulphysik“, stellte ich klar.
Carsten schmunzelte und meinte amüsiert zu den anderen: „Meine Frau ist promovierte Physikerin, und kann keine Schulphysik.“
„Ich bin keine \“promovierte Physikerin\““, widersprach ich.
„Du bist Physikerin, und du bist promoviert.“
„Aber eben in Mathe“, stellte ich lächelnd klar, „und Schulphysik mit seinen höchstens elektrischen und magnetischen Feldern ist etwas ganz anderes als das, mit dem ich mich beschäftigt habe, beispielsweise Quantenfelddynamik.“
[Beim nochmaligen Durchlesen ist mir aufgefallen, dass diese Passage etwas seltsam rüberkommt, wenn man die Vorgeschichte nicht kennt. Vor nicht allzu langer Zeit erst hatte Carsten mir erzählt, wie Verena oder Fiona in der Schule nicht mit ihren Physik-Aufgaben klargekommen waren. Carsten hätte es erklären sollen, aber er war grandios gescheitert.]
Das Gespräch kam dann auf ein paar Mitschüler, die nicht anwesend waren. Einige wenige sind sogar bereits verstorben. Derer wurde wertschätzend gedacht.

Carsten hielt sein Versprechen und wir verließen die Zusammenkunft nach etwas weniger als einer Stunde.

Eine Frau war mir aufgefallen, die Carsten ziemlich am Anfang angesprochen hatte. Carsten hatte das Gespräch mit ihr schnell abgebrochen. Ein paar Brocken hatte ich mitbekommen, aber zu wenig, um mir einen Reim darauf machen zu können. Später bemerkte ich, dass sie mich unablässig argwöhnisch und missgünstig beäugte. Ich erkundigte mich bei Carsten nach ihr.
Er seufzte. „Das war Melanie. Sie bildet sich ein, wir wären in der zehnten oder elften Klasse zusammengewesen.“
„Und?“, fragte ich nach, „wart ihr?“
„Nein, da war wohl der Wunsch der Vater des Gedankens. Sie war damals zwar recht hübsch, hatte intellektuell aber nichts zu bieten. Wir haben uns zwei- oder höchstens dreimal getroffen. Dann war mir klar, dass sie für mich uninteressant ist. Für Intimitäten war sie nicht bereit. Sonst Zeit mit ihr zu verbringen, wäre Vergeudung gewesen. Dafür war sie viel zu langweilig und doof.“
„Aber anscheinend hängt ihr das auch nach Jahrzehnten noch nach?“
Er zuckte die Achseln. „Damals hat sie mir einige Zeit nachgestellt, heute würde man sagen gestalkt, aber inzwischen ist das längst vorbei und vergessen.“
„Ich hoffe, du hast recht“, meinte ich, und dachte an die hasserfüllten Blicke, die sie mir nachgeworfen hatte..

Etwas später am Abend fragte ich Carsten: „Hattet ihr eigentlich auch Mädchen im Physik-LK?“
„Da war eine. Keine Ahnung was aus der geworden ist. Nach dem Abi habe ich nichts mehr von ihr gehört?“
„Und wie war die so?“
„Ich erinnere mich kaum. Ich glaube, ganz gut.“
„Wäre die vielleicht eine bessere Gefährtin gewesen als diese Melanie?“
Er schüttele den Kopf: „Kurze Haare, klein, pummelig – sie sprach mich optisch überhaupt nicht an. Beide waren für mich unattraktiv.“
Ich war damals kaum älter als Johannes jetzt ist. Schon schwierig, sich das vorzustellen.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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2 Antworten zu Klassentreffen //2786

  1. blindfoldedwoman schreibt:

    Und wieder diese Wahrnehmung…
    ich kann dazu nur anmerken, dass je älter man wird, sich die Abstände zu Menschen

    Gefällt mir

    • blindfoldedwoman schreibt:

      Ups…
      zu Menschen, die älter als man selbst ist, verkürzen. Also gefühlsmäßig.
      Ich finde jetzt jemand, der 15 Jahre älter ist, nicht alt.
      Aber es kommt natürlich immer auf den Fitnessgrad an.
      Mich wundert ein wenig, dass Carsten auf der Veranstaltung der einzig junggebliebene gewesen sein soll. Heutzutage sind 60jährige ja noch voll im Berufsleben, treiben viel Sport und sind besonders aktiv. Da hat sich immens viel getan.

      Gefällt 1 Person

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