Eine Pflichtreise //2781

Vermutlich habt ihr gar nicht mitgekriegt, dass ich mal einen Tag lang nicht da war. Ich bin ja erst mittags aufgebrochen, um zu Standort 2 zu fahren. Dort war ich schon lange nicht mehr gewesen, und sollte es noch hinter mich bringen, bevor wieder die Herbstcoronarestriktionen wirksam werden. Johannes ließ ich bei Carsten zurück.
Die Lockdowns waren so entspannend gewesen. Keinerlei Druck, Geschäftsreisen zu machen, oder aus nichtigem Anlass andere Menschen treffen zu müssen. Das ist jetzt leider vorbei. Ich muss wieder meinen sozialen Verpflichtungen nachgehen, auch wenn das belastenden Stress bedeutet.

Ich fuhr also mit der Bahn hin (Maskenpflicht ist eine Qual, aber ein Flug wäre bei dieser Wegstrecke unpraktikabel gewesen).
Ein altes Sprichwort besagt: „Wenn Engel reisen, dann weint der Himmel.“ Es regnete einen großen Teil der Reise über. [Es scheint, als habe Regen seine Normalität großteils verloren, und zunehmend nur noch als Ausnahmeerscheinung angesehen wird. Ich erinnere mich, dass ich zu Schul- und Studienzeiten immer einen Regenschirm in meiner Tasche hatte, denn man musste täglich mit Regen rechnen. Auch war es nicht unüblich, dass es wochenlang immer wieder – teils ergiebig – regnete. Früher gab es in allen Läden, Gaststätten, Arztpraxen in der Nähe des Eingangs Schirmständer. Die sieht man mittlerweile kaum noch. Ich brauche fast nie mehr einen Schirm. Der liegt für gewöhnlich an der Garderobe, und ich habe ihn in den letzten Jahren nur sehr selten genutzt. Denn wenn es mal regnet, dann bleibe ich meist halt einfach daheim.]

Am Zielort angekommen, aß ich in einer Pizzeria zu Abend und übernachtete dann in einem Hotel. Nach dem Frühstück machte ich mich auf den Weg zum Betriebsgelände. Wenigstens regnete es gerade nicht.
Die Leute haben dort eine ganz andere Mentalität als in der heimatlichen Gegend. Dort trauen sich Männer noch, Frauen Komplimente zu machen und ihrer Bewunderung Ausdruck zu geben. Was ich auf dem relativ kurzen Weg angesprochen, angepfiffen oder angehupt wurde, dafür brauche ich in der EMN Jahre, in der Alten Heimat ginge die Zeit gegen Unendlich.

Ein Vorteil, Chefin zu sein, liegt darin, dass man für solche Besuche nicht erst lange vorher einen verbindlichen Termin zu vereinbaren braucht, und den pünktlich einhalten muss. Es reicht, wenige Tage vorher anzukündigen, an welchem Tag man zu kommen gedenkt, ohne sich auf eine Uhrzeit festzulegen. Im Grunde müsste man noch nicht einmal das, sondern hat das Vorrecht, auch überraschend einfach hineinzuschneien.
Das Meeting mit dem Standortleiter und der (fast vollständigen) Führungsriege war geprägt von immens gestiegenen Kosten, Lieferengpässen, und weiteren daraus resultierenden Problemen. Ich bemühte mich, Optimismus und Zuversicht auszustrahlen.
Danach machte ich einen Rundgang und besichtigte insbesondere die Fertigungshalle, aß noch in der Kantine zu Mittag und machte mich dann wieder auf den Rückweg.
Die Freude von Johannes, dass ich wieder da war, war unbeschreiblich.

Werbung

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Eine Pflichtreise //2781

  1. blindfoldedwoman schreibt:

    Tatsächlich ist es mir an der See aufgefallen, dass dort am Eingang von Geschäften und Restaurants überall Schirmständer standen, wohl weil das bei uns nicht mehr üblich ist.

    Gibt es denn ernsthaft Probleme in Eurem Unternehmen oder in Teilen davon? Also müsst ihr damit rechnen Personal abzubauen?
    Und gibt es zukünftig Pläne evtl. benötigte Teile in Deutschland zu fertigen, um nicht mehr so abhängig zu sein?

    Fragt Johannes in Deiner Abwesenheit nach Dir?
    Es ist immer wieder schön, wie sehr Kinder sich freuen können.

    Gefällt 1 Person

    • Vielleicht ist die Verbreitung der Schirmständer regional unterschiedlich. Hier haben sie in den letzten zwanzig oder dreißig Jahren erheblich abgenommen.

      Schwere Zeiten für so ziemlich alle (nicht nur) deutschen Unternehmen. Uns geht es noch vergleichsweise gut, aber unbegrenzt werden wir auch nicht durchhalten können.
      Standort 2 ist in Deutschland. Das ändert nichts daran, dass manche benötigten Materialien nur aus dem Auslang bezogen werden können.
      Herstellung insbesondere in Deutschland wird zunehmend teuer. Das kann bald niemand mehr bezahlen.

      So richtig kann Johannes noch nicht artikulieren, dass er jemanden vermisst. Das geht ihm so richtig erst auf, wenn die fehlende Person wieder zurück ist.

      Gefällt 2 Personen

  2. Plietsche Jung schreibt:

    Hab ihr schon einen 3 Jahresplan bei den geänderten Bedingungen?
    Die Bedingungen verändern sich momentan rasant und ob es jemals einen reversiblen Trend gibt, gleicht einem Glaskugel Business.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s