Bye Bye #9EuroTicket //2777

Heute ist Startrekday. Aber statt mit Warpgeschwindigkeit bewegen wir uns in Gedanken mit der ÖPNV-Mobilität.
Das 9-Euro-Ticket ist ja nun leider passé. Trotzdem möchte ich noch ein paar Sätze dazu loswerden.

Gelegentlich muss ich zu einem Ort, zu dem ich zu Fuß etwa zwanzig Minuten brauche. Der öffentliche Bus dorthin fährt alle halbe Stunde und braucht etwa zwei Minuten für die Entfernung. Für den Weg zur Bushaltestelle bin ich drei bis vier Minuten unterwege. Von der Ausstiegshaltestelle zu meinem Ziel noch einmal drei Minuten. Zu Fuß bin ich also doppelt so lang unterwegs wie mit dem Bus – solange der Bus pünktlich ist. Das ist er leider nicht immer, so dass man sich nicht auf ihn verlassen kann. Dann kommen noch mehr oder weniger Wartezeiten hinzu.
Zu Fuß kann ich losgehen, wann immer ich will (bzw. zwanzig Minuten bevor ich ankommen will, plus eventuell ein passender Zeitpuffer, wenn es wichtig ist, dass ich pünktlich bin). Wenn ich mit dem Bus fahren will, muss ich es so timen, dass ich zur Abfahrtszeit an der Haltestelle bin (das kann – insbesondere mit kleinem Kind – schon problematisch sein). [Als ich studiert habe, fuhr ein Bus alle 12 Minuten an der nächsten Haltestelle (ca. 4 Minuten Fußweg) und alle 5 oder 7 Minuten an der übernächsten (ca. 7 Minuten Fußweg in die andere Richtung). Da musste ich mich überhaupt nicht um den Fahrplan kümmern, habe einfach den nächsten Bus, der kam, genommen. Ähnlich ist es bei Straßen- und U-Bahnen. In der alten Heimat dagegen muss man schon froh sein, wenn – nur tagsüber und unter der Woche – alle zwei Stunden ein Bus fährt. Zu meiner Zeit war das noch seltener. Wir hatten aber noch das Glück, dass die nächste Haltestelle nur 4 oder 5 Fußminuten entfernt ist. Eine Schulfreundin, die in einem Aussiedlerhof wohnte, musste fast eine halbe Stunde laufen.]
Insgesamt sind die Nachteile des Busses so groß, dass ich normalerweise lieber gleich zu Fuß gehe. Es sei denn, das Wetter ist schlecht. Aber selbst dann muss ich erst ein paar Minuten zum Bus, dort warten, und noch ein Stück laufen. Das bringt auch nicht viel. Bei gutem Wetter dagegen kann man Wege dieser Länge als Spaziergang sehen (sofern die Umgebung einigermaßen angenehm ist, und man nicht zu schwer zu tragen hat).

Und dann noch dafür bezahlen! Gerade hier im Verkehrsverbund haben wir deutschlandweit so ziemlich die höchsten Fahrpreise. Da ich nur selten fahre, lohnt normalerweise keine Dauerkarte. Ich fahre „auf Streifen“. Ohne jetzt zu sehr in den Tarifdschungel einzutauchen, und nur zum Vergleich: eine kurze Fahrt wie oben beschrieben, also etwa 2 km, kostet derzeit 1.80 Euro (soll Ende des Jahres weiter erhöht werden). Da laufe ich wirklich lieber.
Mit dem 9-Euro-Ticket habe ich es öfter eingerichtet, mit dem Bus zu fahren. Wenn man weiß, wann er fährt, kann man sich darauf einstellen. Inzwischen kann man online sogar den Bus in Echtzeit verfolgen, ob er voraussichtlich pünktlich sein wird. Ich habe den Bus auch genutzt, um einfacher Sachen zu transportieren, was mir sonst auf diese Entfernung zu Fuß zu beschwerlich gewesen wäre.

Ein paar größere Fahrten habe ich auch gemacht, die ich sonst vermutlich bleiben gelassen hätte. Ohne die blöde Maske wäre ich noch öfter gefahren.
Bezahlen muss ich die ganze Chose ja sowieso mit meinen Steuergeldern, aber das 9-Euro-Ticket war zur Abwechslung mal etwas, von dem ich auch selbst direkt profitieren konnte.

Ein Mitarbeiter, der sonst – Sommer wie Winder – mit dem Fahrrad ca. 15 km zur Arbeit fährt, fuhr stattdessen mit dem Bus, auch wenn es zeitlich keinen großen Unterschied machte.
Von anderen, die normalerweise mit dem Auto fahren, habe ich gehört, dass das Risiko, einen Anschluss zu verpassen, zu groß ist. Busse und Züge sind häufig unzuverlässig, nicht pünktlich, oder fallen ganz aus. Wenn man mehrmals umsteigen muss, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit von Verzögerungen auf eine unakzeptable Weise. Ausreichende Pufferzeiten einzuplanen, ist unpraktikabel.

Ende August habe ich dann an mehreren Stellen gehört oder gelesen, wie sich einige Leute darüber freuten, dass das 9-Euro-Ticket bald nicht mehr gelten würde. Sie beschwerten sich darüber, dass der Andrang so groß gewesen wäre, dass die Fahrt für sie schwieriger und unbequemer geworden sei. Es handelte sich dabei um Schwerbehinderte, die sonst ja kostenlos Busse und Bahnen benutzen dürfen. Aber sobald andere Leute auch einmal die Möglichkeit haben, kostengünstig im Nahverkehr zu fahren, kommt ihre Missgunst hoch. Das hat mich schon entsetzt.
Schließlich ist es nicht die Schuld der anderen Fahrgäste, wenn unsere öffentlichen Verkehrsmittel so mies ausgebaut sind. Jahrzehntelang hat man dem Individualverkehr absoluten Vorrang eingeräumt und den öffentlichen Verkehr vernachlässigt. Wenn sich von jetzt auf gleich die Kostenverhältnisse derart verschieben, so dass deutlich mehr Personen mit Bus oder Bahn fahren, sind die Kapazitäten des Nahverkehrs oft nicht ausreichend. Es kommt zwangsläufig zu Engpässen. [Und wenn – wie ich selbst kürzlich erlebt habe – die S-Bahn nur mit etwa einem Drittel der üblichen Wagenlänge fährt, ist es kein Wunder, wenn sie hoffnungslos überfüllt ist, auch bei völlig normalem Fahrgastaufkommen.]

Den öffentlichen Verkehr besser auszubauen (zusätzliche Stecken, kürzere Taktintervalle, so weit möglich mehr Wagen, mehr Redundanzen, eventuell weitere Haltestellen – das ist aber ein zweischneidiges Schwert, da es den Bus ausbremst) ist ein Vorhaben für Jahrzehnte. Aber irgendwann muss an mal anfangen. Warum nicht jetzt?
Gerade auf dem dünn besiedelten Land ist eine zu enge Taktung unrentabel. Es gibt Dörfer, in denen nur der Schulbus fährt. Auch eine häufigere Bedienung würde die Bewohner nicht zum Busfahren bewegen, denn für gewöhnlich müssen die ja auch z.B. ihre Einkäufe transportieren. Bei größeren Mengen ist das mit ÖPNV unmöglich. Stadtbewohner kaufen halt einfach mehrfach ein. Der nächste Supermarkt liegt ja nur ein paar Gehminuten entfernt. Wenn man die Einkäufe auf zwei bis drei pro Woche verteilen kann, lässt sich das i.A. bequem zu Fuß erledigen.

Das angedachte 49-Euro-Ticket ist eigentlich nur für diejenigen interessant, die ohnehin mindestens so viel für ein Monatsticket (oder sonstige Fahrten, ggf. außerhalb ihres Verkehrsverbunds) ausgeben. Für Gelegenheitsfahrer lohnt sich das nur ausnahmsweise, wenn in einem Monat halt gerade mal mehr anfällt als sonst.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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10 Antworten zu Bye Bye #9EuroTicket //2777

  1. Plietsche Jung schreibt:

    Das 9 Euro Ticket war schon gut. Allerdings bin ich kaum noch Rad gefahren. Du hast Recht damit, dass es in der Stadt viel einfacher ist. Ich gehe hier 3 Minuten zur Kreuzung und habe 5 Buslinien zur Auswahl. Warten brauche ich da nicht lange.
    Trotzdem. Öffies sind die Pest und selbst für 29€ würde ich kein Ticket kaufen. Die Menschen riechen im Sommer, es wir laut in Sprachen telefoniert, die ich nicht kenne und was ich absolut unangenehm empfinde. Ich stehe im Bus und werde von schlecht ausgebildeten Fahrern kinetisch aus meiner Mitte katapultiert. Selbst, wenn ich einen Sitzplatz erhaschen kann, ist ein Tippen auf dem Handy unmöglich, weil Hamburg schrottreife Straßen hat.
    Ich kann für mich nur feststellen, dass das Auto weiterhin das bequemste Mittel der Fortbewegung ist.

    Übrigens wurde der öffentliche Nahverkehr nicht vernachlässigt, sondern orientierte sich an den Fahrgastzahlen. Mehr Angebote erzeugen nicht automatisch mehr Nutzung.

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    • Die Situation in (Groß-)Städten unterscheidet sich fundamental von der auf dem (abgelegenen) Land. Dazwischen befindet sich ein großes Übergangsfeld aus nicht ganz so großen Städten und besser angebundenen ländlichen Gegenden.

      Stundenlang im Stau stehen (gerade den Elbtunnel in HH habe ich da in deutlicher Erinnerung), aggressive Autofahrer, ewige Parkplatzsuche (und dann doch noch längerer Fußweg) finde ich unangenehm und alles andere als bequem. Da ziehe ich doch meist doch die öffentlichen Verkehrsmittel vor, wenn es zu weit ist, um zu laufen.
      In meiner Jugend bin ich so oft mit dem Schulbus gefahren, dass mich da nichts mehr erschüttert.

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      • Plietsche Jung schreibt:

        Der Elbtunnel ist sicher kein rühmliches Beispiel für Hamburg, aber es gibt alternative Wege, die weniger lange dauern als im Stau zu stehen.

        66% der in der City arbeitenden Arbeitnehmer fahren mit dem Auto, weil sie Firmenparkplätze haben. Nur ist das nicht mehr gewünscht.

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        • pirx1 schreibt:

          Das ist doch sehr vorsorglich in die Zukunft gedacht und geradezu maßgeschneidert für den neuen Unternehmenstypus, der nicht insolvent wird, obwohl er „Erstmal einfach aufhört zu produzieren !“

          Mehr als einen Fahrradstellplatz für das Dienst-Biotandem (immerhin mit Chauffeur) des Vorstandsvorsitzenden wird sich so ein Unternehmen kaum noch leisten können.

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  2. pirx1 schreibt:

    Ich stimme vollumfänglich zu.

    Der Ausbaustatus des ÖPNV ist eine Katastrophe.

    Natürlich lebt ein Großteil der Bevölkerung in Deutschland auf dem Land und es wird prinzipbedingt für diesen Teil nie eine zufriedenstellende ÖPNV-Lösung geben, die auch nur ansatzweise mit dem Komfort des Individualverkehrs mithalten kann.

    Aber auch für den Rest der potenziellen Fahrgäste stimmt einfach die Kosten-Nutzen-Relation nicht. Taktung, Pünktlichkeit, Serviceidee (gibt es die?) – nichts davon kann mich überzeugen.

    Das 9 Euro Ticket war ein kleiner Lichtblick. Jedem politisch Verantwortlichen müsste – wenn er denn wollte – anhand des Ansturms durch dieses Ticket klar geworden sein, was die erste Stellschraube wäre, an der man – wenigstens kurzfristig – drehen könnte: Der Preis.

    Ich muss (ungefragt und ungewollt, ein Thema für sich) GEZ-Gebühren bezahlen. Äquivalent dazu wäre ich sogar eher bereit, einen monatlichen Obulus von 9 Euro zu bezahlen, wenn ich mir damit den Blödsinn von „Tarifwaben“, nicht funktionierenden Ticketautomaten, Stempeln im Bus und mürrischen Fahrtkartenkontrolleuren ersparen könnte. 49 Euro oder sogar 69 EUR bezahlte ich als Gelegenheitsfahrer wie ich aber keinesfalls freiwillig. Ich bin sicher, eine vernünftige Mischkalkulation würde zeigen: Mit einem billigen Dauerticket führen alle besser und nicht kostenträchtiger für die Betreiber.

    Daneben müsste sich langfristig einiges bei den Themen Pünktlichkeit, Freundlichkeit und Sauberkeit ändern, damit ich tatsächlich Freude am Fahren mit dem ÖPNV bekäme.

    Aber ich glaube, politisch geht man „traditionell“ lieber einen ganz anderen Weg: Man verkompliziert und verteuert die Alternativen zum ÖPNV so lange, bis nur noch diese schlechte Variante übrig bleibt. Katastrophe.

    Wie ist das in der Schweiz Idgie?

    Gefällt 2 Personen

    • idgie13 schreibt:

      ÖV ist hier sauber, pünktlich, zuverlässig, beliebt – und teuer.
      Verschiedene Verkehrsverbunde gibt es hier auch – in den Städten bzw. Kantonen.
      Zur Orientierung:
      Das GA (Generalabonnement für alle Strecken schweizweit) kostet für 1 Jahr knapp 4’000 CHF – 2. Klasse wohlgemerkt.
      1 Fahrt von mir nach Züri (ca. 70km) kostet hin und zurück über 60 CHF, mit Halbtax (einmalig 250 CHF) die Hälfte.
      Monatskarten sind natürlich relativ gesehen günstiger.

      Früher bin ich gern ÖV gefahren, hatte aber auch gute Anschlüsse, weil ich innerhalb vom gleichen Kanton und in die Stadt unterwegs war. Jetzt lebe ich viel ländlicher und die ÖV-Verbindung zwischen meinem Wohnort (2000 Einwohner) und Arbeitsort (230 Einwohner) ist keine Alternative zum Auto.
      Wenn ich nach Züri muss, fahre ich durch 4 Kantone und habe nicht immer optimale Anschlüsse. Bei Aufenthalten < 4h geh ich mit dem Auto, bei längeren per ÖV, weil die Parkgebühren in Züri exorbitant hoch sind.

      Gefällt 2 Personen

  3. beweis schreibt:

    Die vollziehen ihre „grüne Revolution“ (Baerbock) wirklich komplett im Beamtenmodus. Gönnerhaft wird den Menschen bezahlbare Mobilität zugeteilt. Aber nur für drei Monate. Es könnte ja sonst schön sein. Man könnte sich daran gewöhnen.

    Dann fahren die gesammelten Punker mal nach Sylt, oder man lässt wirklich hie und da das Auto stehen, um einen Ausflug zu machen, quetscht sich dann in den Zügen, während sich die Blondine vom Sicherheitsdienst mit dem Schäferhund durch die Massen schleust und herrisch „Masken auf!“ ruft.

    Wenn es der Politik wirklich um eine grüne Zukunft und eine Änderung der Mobilität ginge, dann würden sie Bus und Bahn komplett gratis machen für alle Menschen.
    Dann wären die Fahrgäste auch nicht grimmig, wenn es voll ist. Und der Druck, die Infrastruktur auszubauen, würde enorm steigen. In der Folge auch die Frequenz der Busse und Bahnen.
    Viele Menschen, gerade in Städten, würden das Auto abschaffen und sich vielleicht für Ausflüge, Transporte etc. eines mieten. Aber wer macht das in der Unwissenheit, wie die politischen Launen in ein paar Monaten aussehen? Ich kenne keinen.

    Das ist im Kern verlogen und strotzt in der Tat vor Missgunst. Die Lebensumstände sollen offenbar verschlechtert, die Einflussnahme der Politik auf den Alltag des Bürgers beliebig und umfassend ausgeweitet werden. In Berlin haben sie letzten Winter Obdachlose aus den U-Bahnhöfen entfernt und in die Kälte gezwungen, weil die sich mit ihrer Existenz nicht an irgendwelche Regeln hielten.

    Wie wir zu duschen haben, zu heizen, was wir zu essen kriegen, was mir arbeiten müssen, wie wir uns fortbewegen, ob wir das Haus verlassen können, ob wir unser Gesicht zeigen, ob wir uns einander näher kommen dürfen als 1,5 Meter.

    All das wird reglementiert, mit Maßnahmen und Bußgeldern besetzt. Ein Fest für die Millionen gefühlte Blockwarte, die so gegen ihre Mitmenschen vorgehen und hetzen können.

    Letztens habe ich mit ein paar als Ossis Sozialisierten gesprochen. Die kennen viele der jetzigen Mechanismen aus der DDR. Sie mussten allerdings zugestehen, dass die Gängelung der Menschen in der DDR nicht so umfassend und total war.

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  4. blindfoldedwoman schreibt:

    Das wäre toll, wenn hier alle 2 Stunden ein Bus führe…

    Gefällt 1 Person

  5. pirx1 schreibt:

    Während andere nur fordern, klagen und schwafeln – über das, was sie für „Emanzipation“ oder „Gendergerechtigkeit“ halten – handelte eine resolute, strikte, pflichtbewusste, liebenswerte und moralisch integere Persönlichkeit einfach und verwies durch ihre bloße Anwesenheit all diese Pseudodiskutandinnen einfach auf ihren Platz.

    Thank you for so many years being an idol for so many people, Your Majesty!

    Gefällt 1 Person

  6. Pingback: Ausgeflogen //2779 | breakpoint

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