Ver*er des Tages //2768

Schon seit etlichen Jahren veröffentliche ich auf Twitter praktisch täglich einen Verleser, Verhörer oder Verschreiber des Tages. Gelegentlich gab es auch stattdessen Versprecher, Verwechsler oder ähnliche Fehlleistungen.

Um Wörter oder kurze Ausdrücke falsch wahrzunehmen, gibt es einige Voraussetzungen, die dies begünstigen. Das menschliche Auge achtet zuerst auf die vorderen, dann die hinteren Buchstaben. Die mittlere Buchstaben werden erst mal überlesen, so dass stattdessen andere Buchstaben hineingedeutet werden können. Gefördert wird das von einer ähnlichen Länge des Wortes (muss aber nicht unbedingt sein). Wenn Ober- und Unterlängen der Buchstaben gleich sind, verwechselt man sie leicht. Manchmal tun Ligaturen ihr übriges. Es kommt vor, dass Teile eines Wortes rein optisch nicht gesehen werden können, etwa weil sie verdeckt sind, oder die Beleuchtung schlecht. Und freilich hat der Font auch einen Einfluss.
Bei Verschreibern (müssen übrigens nicht unbedingt meine eigenen sein, manchmal entdecke ich auch Verschreiber in fremden Texten) gibt es relativ häufig Dreher, d.h. dass zwei aufeinander folgende Buchstaben vertauscht sind. Manchmal erwischt man beim Tippen eine benachbarte Taste – vorher, nachher, oder anstatt. Es kommt vor, dass Buchstaben ausgelassen werden, oder mehrfach erscheinen. Das sind üblicherweise reine Tippfehler, insbesondere beim schnellen Schreiben. Mit Schreibfehlern (also der Unkenntnis der orthographisch korrekten Schreibweise) hat das meist nichts zu tun, höchstens Schusseligkeit, wenn man in der Eile halt gerade mal nicht genau genug aufpasst.
Verhörer passieren mir teilweise, weil ich D und T, sowie B und P schlecht auseinander halten kann. Öfter sind aber solche, bei denen andere Lautkombinationen sich halt anders anhören, als sie gesprochen wurden. Manchmal ist die undeutliche Aussprache des Sprechers ursächlich, manchmal auch unzureichende akustische Verhältnisse. Auch die Betonung einzelner Silben kann einen Unterschied machen.

Häufig werden Assoziationen hervorgerufen oder Erinnerungen geweckt. Inwiefern dabei manchmal eine Freud’scher Komponente dahinterstecken könnte, lassen wir mal außen vor.
Manche Verleser sind nur witzig, wenn man den Kontext kennt. Deshalb schreibe ich den ggf. in eckigen Klammern dazu.
Bestimmt hätte ich mir im Laufe der Zeit solche kleinen Irrtümer abtrainieren, oder zumindest deutlich reduzieren können, indem ich Texte aufmerksamer und gründlicher lese, statt einfach nur mal grob drüberzusehen. Im Gegenteil habe ich mich bemüht, aufgeschlossen zu bleiben, und gerade solche Ähnlichkeiten, die zu Verlesern u. dgl. führen, bewusster wahrzunehmen. In gewisser Weise habe ich diese Vertuer kultiviert. Ich habe auch beobachtet, dass ich Phasen habe, in denen ich besonders anfällig für Verleser bin. Ob es einen Zusammenhang mit meinem Menstruationszyklus gibt, kann ich derzeit aber noch nicht erkennen.
Ein paar Mal sind mir wirklich originelle Verleser aufgefallen, die ich gerne geteilt hätte, aber ich bin nicht gleich dazu gekommen, sie zu notieren, und aufgrund von Ablenkungen oder anderen Angelegenheiten, die meine Beachtung erforderten, waren sie nicht dauerhaft in meinem Gedächtnis gespeichert. Schade. Vielleicht tauchen sie ja irgendwann mal wieder auf.
[Gerade gestern Abend erst wieder hatte ich beim Fernsehen einen Verhörer. Hab ihn nicht gleich aufgeschrieben, und dann war er weg. Obwohl ich noch länger überlegte, und versuchte, ihn aus den Untiefen meiner Kurzzeiterinnerung zu holen, gelang das nicht.]

Nach und nach habe ich ganze Listen mit solchen Vertuern zusammengetragen, aus denen ich täglich eine Auswahl treffe. Das heißt, dass der tägliche Tweet oft schon älter ist, gelegentlich aber auch tagesaktuell. Insbesondere meine Verleserliste ist ziemlich umgangreich geworden. Dabei sind aber auch viele recht triviale Verleser, oder ähnliche denen, die ich bereits hatte (ich bemühe mich ja, keine Dubletten zu twittern, trotzdem rutscht mir schon mal eine Wiederholung mit durch). Manche Verleser sind unangemessen, geschmacklos bis vulgär, so dass ich zögere, sie öffentlich zu machen. Einige sind schlicht veraltet, weil sie sich auf früher aktuelle Gegebenheiten beziehen. Andere haben einen zu starken Bezug zu meiner privaten oder beruflichen Umgebung, so dass sie meine Annenühmität schwächen könnten.
Die Verschreiberliste ist dagegen recht kurz, so dass ich Verschreiber seltener bringen sollte.

Es kommt vor, dass ich auch von anderen Personen Verleser entdecke. Manchmal werden sie mir sogar ausdrücklich zugetragen. Die nehme ich gerne zur Kenntnis. Es sind schöne dabei. Allerdings teile ich die dann nicht weiter, zumindest nicht bewusst. Ausnahmen mag es geben.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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10 Antworten zu Ver*er des Tages //2768

  1. blindfoldedwoman schreibt:

    Mich erstaunt die Menge der Verleser und auch die oft großen Abweichungen.
    Ich hatte gedacht, die meisten wären konstruiert.
    Ich hab mich noch nie mit dem Thema beschäftigt, wahrscheinlich, weil mir das selbst nur sehr selten passiert. Vielleicht zwei im Jahr?
    Bin gespannt, was andere berichten.

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  2. pirx1 schreibt:

    Verleser des Tages:
    „Montags außer Freitags“
    statt „Montags außer Feiertags“

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  3. beweis schreibt:

    Mein heutiger Verleser des Tages: Femdom statt Freedom (auf dem T-Shirt ein Zofe in Prenzlauer Berg)

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  4. Andy schreibt:

    Mein Verleser des Tages: „Frieren um jeden Preis“ (statt „Frieden um jeden Preis“).

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