Ma mère (in cis-Moll) //2761

Über das Verhältnis zu meiner Mutter habe ich bereits geschrieben, aber ich glaube, ich sollte ihr einen weiteren Eintrag, der sich mit ihr als eigenständige Person beschäftigt, widmen.
Meine Mutter wuchs in einem landwirtschaftlich geprägten Dorf mit mehreren Geschwistern auf. Sie absolvierte keine Berufsausbildung, sondern arbeitete eine Zeitlang als Hausmädchen in einem etwas weiter entfernten Ort (war von der Freundin eines Cousins vermittelt worden, die selbst dort arbeitete). Ihre Arbeitgeber bezahlten aber schlecht, insbesondere keine Sozialversicherungsbeiträge. Daraufhin kündigte meine Mutter und arbeitete einige Jahre in einer Fabrik in der Kreisstadt am Fließband, bis meine Existenz ihr eine andere Beschäftigung sicherte.

Es gibt nicht viele Fotos aus ihrer Jugend und Kindheit. Auf einem war sie acht Jahre alt, und stand neben zweien ihrer Geschwister. Sie sah mir sehr ähnlich, nur die Haare waren dunkler und lockiger. Das Wangengrübchen war auch zu erkennen.
Auf einer Portraitaufnahme muss sie sechzehn oder siebzehn gewesen sein, und mit ihren hochgesteckten, geflochtenen Haaren sehr hübsch.

Meine Mutter mochte kein Bier und keinen Matetee. Andere Vorlieben oder Abneigungen für Nahrungsmittel sind mir nicht bekannt – halt: für frischen Kopfsalat konnte sie sich begeistern, was ich nie nachvollziehen konnte. Vielleicht hat sie auch einfach nicht gekocht, was sie eh nicht mochte.
Sie trug – genau wie ich – nur Röcke, allerdings mit einem Vielfachen Stoffverbrauch, nicht nur vertikal, sondern auch zirkumferenziell.

Meine Mutter ist wohl nie weiter als vielleicht 200 Kilometer (das ist noch hochgegriffen) von daheim weggekommen. Sie litt immer so stark an Reisekrankheit. Wenn wir länger als etwa höchstens eine halbe Stunde mit dem Auto fuhren, wurde ihr übel.
Das heißt, einmal muss sie als junges Mädchen doch etwas weiter weggefahren sein. Da wollte sie wohl zu einer Wallfahrt o.ä. Aber durch die Busfahrt wurde ihr so schlecht, dass sie vom Rest gar nichts mitgekriegt hat. Seither vermied sie längere Fahrten. Wir sind auch niemals in Urlaub gefahren. Einen Führerschein wollte sie nie machen.
Eine andere Geschichte aus dieser Zeit, die sie gelegentlich erzählte, war, wie sie sich selbst ein Kleid nähen wollte. Sie hatte sich schönen Stoff besorgt und einen passenden Schnittmusterbogen. Leider wusste sie nicht, dass man eine Nahtzugabe stehen lassen muss, und verschnitt den Stoff, so dass er nicht mehr brauchbar war.
Es dauerte lange, bis sie sich wieder traute, Stoff zu zerschneiden, aber irgendwann überwand sie sich, und dann gelang es ihr auch.

Ich bewunderte immer wieder, wie unermüdlich sie stumpfsinnigen Tätigkeiten nachgehen konnte. Insbesondere beim Heidelbeerpflücken oder der Kartoffelernte fiel es mir auf. Mir fehlte dafür die Geduld und das Durchhaltevermögen
Unter der Woche strickte sie gerne in ihrer Freizeit, am Sonntag löste sie Kreuzworträtsel. Gelegentlich spielten wir zusammen Karten. Mehr Hobbys oder ausgeprägte Interessen sind mir nicht bekannt. Eher selten las sie auch einmal einen Roman.
Sie interessierte sich wohl mehr für Verwandtschaft oder Nachbarschaft, als für ihr eigenes Leben. Ihre Familie war ihr Lebensinhalt. Wichtig war ihr sonst nur noch die Kirche.


Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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14 Antworten zu Ma mère (in cis-Moll) //2761

  1. pirx1 schreibt:

    Nil nisi bonum

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  2. blindfoldedwoman schreibt:

    Ich werde diese Einträge aus der alten Heimat vermissen. Die mochte ich immer sehr gern.

    Meine Mutter musste auch früh auf dem Feld arbeiten und danach in einer Fabrik (dort im Zuschnitt für Bekleidung 🙂) arbeiten. Weiter zur Schule durfte sie nicht gehen.
    Das verdiente Geld musste bis zur Hochzeit übrigens zuhause abgegeben werden und kam sie aus der Fabrik, musste sie auch gleich wieder aufs Feld, ohne vorher eine Pause zu machen

    Diese Fähigkeit harte körperliche Arbeit zu verrichten, die bewundere ich auch immer.

    Der Garten war Deiner Mutter auch wichtig? Hat sie neben Nutzpflanzen auch Blumen angepflanzt?

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  3. keloph schreibt:

    ich glaube, das wäre in ähnlicher form auch das, was ich zu meiner mutter schreiben würde, wenn es soweit wäre. ich habe erst vor 5 jahren erfahren, dass sie immer schon einen hund haben wollte. wir hatten nie einen in der familie. im übrigen hast du wundervolle musik ausgesucht.

    Gefällt 2 Personen

  4. Plietsche Jung schreibt:

    Das Leben war früher ein anderes, deshalb aber nicht weniger glücklich oder zufrieden.
    Die Kinder von heute rümpfen schon heute die Nase über die heutige Generation, die noch schafft und den Laden am Laufen hält. Das wird in der neuen Generation sicher nicht mehr so erfolgreich werden.

    Solange deine Mum zufrieden war, ist/war das Leben gut.
    Und darauf kommt es an.

    Gefällt 1 Person

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