In Trauer //2760

Carsten hat mich dann doch am Samstag in die Alte Heimat gefahren, fuhr aber dann abends mit Johannes wieder zurück.
Ich blieb da, um zusammen mit Sabine den ganzen organisatorischen Kram zu bewältigen. Um die Planung der Trauerfeier, die Beisetzung und das ganze Außenrum kümmerte sich ja die Bestatterin. Trotzdem mussten viele Entscheidungen getroffen werden, von den Totenbildchen bis zu zum Grabschmuck, der Auswahl des Sarges, und was weiß ich sonst noch. Verwandte mussten benachrichtigt werden, eine Gaststätte für den Leichenschmaus gefunden werden, Reha musste abgesagt werden, Tageszeitung abbestellt, Rentenversicherung informiert, und .. und .. und ..
Und überall muss man erst die jeweiligen Daten und Kontaktadressen raussuchen. Ich war beschäftigt und kam gar nicht viel zum Nachdenken, auch nicht zum Trauern.
Immerhin war mein Knöchel inzwischen wieder einigermaßen erholt, so dass er nur noch schmerzte, wenn ich länger auf den Beinen war.

Rechtzeitig zur Trauerfeier kamen Carsten mit Johannes dann wieder.
Erst Kirche, dann Friedhof, Kondolenzen, dann zum Leichenschmaus.
Ich hatte nicht den Nerv, mich mit Verwandten zu unterhalten, konnte es aber nicht ganz vermeiden.
Eine Cousine meiner Mutter erzählte mir unaufgefordert, dass sie meine Mutter noch wenige Stunden vor ihrem Tod im Krankenhaus besucht hätte. Diese wäre sehr enttäuscht von mir gewesen, weil ich sie nicht besucht hätte.
„Gell, Anne, wennde gewüsst häst, dass dei Mama stirbt, wärsde doch bestimmt nochämol her gekomme.“
Ich nickte wortlos. In dem Augenblick war mir gar nicht bewusst, dass ich zur betreffenden Zeit selbst nicht mobil gewesen war. Und jetzt geht es mir nach, dass ich ihr das nicht gesagt habe.

Für den Leichenschmaus hatten wir belegte Brötchen und Blechkuchen vorbestellen müssen. Es gab noch reichlich Reste. Den größeren Teil packte Sabine ein, einen kleineren Teil ich. Davon haben wir die nächsten Tage noch genug zu essen.
Carsten, Johannes und ich fuhren dann später wieder heim.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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20 Antworten zu In Trauer //2760

  1. Mia schreibt:

    Ist das mittlerweile so, dass Trauerfeiern unmittelbar nach dem Sterbedatum stattfinden? Viel Zeit dazwischen war ja nicht. Praktisch nur ein Wochenende. ^^

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  2. pirx1 schreibt:

    Es gibt eine ganze Reihe von Gepflogenheiten, für die mir die wohl allgemein vorausgesetzte Empfindung völlig fehlt. Eine dieser Gepflogenheiten ist der obligatorische „Krankenbesuch“: „Man macht das eben so“.

    In christlicher Hinsicht ist der Krankenbesuch eines der ursprünglich sieben, später neun Werke der Barmherzigkeit und heißt vollständig „Kranke und Arme besuchen“, wobei man sich schnell vorstellen kann, dass damit gar nicht das gemeint war, was wir heute unter Krankenbesuch verstehen (i.e.: mit einem Blumenstrauß, einer Schachtel Pralinen oder einem anderen sperrigen, nutzlosen oder für den Heilungsverlauf sogar kontraproduktiven Geschenk verlegen oder viel zu aufgesetzt fröhlich in einem eintönigen Krankenzimmer an einem Pflegebett sitzen und sich eine Stunde lang das Lament über das schlechte Krankenhausessen, die erträglichen Schmerzen, die frechen / lieben Schwestern und den schnarchenden Zimmergenossen anhören, bis man endlich erlöst von dieser vermeintlichen Pflicht wieder frische Luft außerhalb des Siechenhauses atmen kann).

    Früher, so denke ich, war der Kranken- (und Armen)besuch tatsächliche, wirtschaftliche und existentielle Notwendigkeit, so wie etwa auch heute noch ein Krankenhauspatient in Indien oder Afrika schlicht verhungern würde, wenn sich die Angehörigen nicht persönlich um seine Pflege und so simple Dinge wie das tägliche Essen selbst kümmerten.

    Wir hier im Westen haben diese Versorgungszwänge dagegen längst institutionalisiert: Pflege, Unterbringung und Vollpension sind über die Krankenversicherung abgegolten und werden vorausgesetzt. Der ursprüngliche Sinn des Kranken- und Armenbesuches ist damit hinfällig geworden.

    Er wurde ersetzt von etwas weitaus diffuserem: Dem Krankenbesuch als vermeintlich einzigem Ausdruck der persönlichen emotionalen Anteilnahme – und da endet mein Verständnis für diese Sitte. Ja: Das Verständnis schlägt sogar um in Antipathie und Ablehnung, wenn ich die zunehmende Perversion dieses ursprünglich doch freiwilligen Liebesdienstes betrachte.

    Das einst freiwillig Gegebene wird mittlerweile erwartet, sogar vehement eingefordert, der nicht oder sich nicht ausreichend besucht fühlende Kranke nimmt sich das Recht heraus, beleidigt zu sein, wenn er (fälschlicherweise) Missachtung oder nicht genügend Anteilnahme wähnt und es entbrennt eine Art von Konkurrenzkampf bis zur peinlichen Prahlerei darum, wer denn nun häufiger und länger und auf jeden Fall als letzter am Bett des Kranken ausgehalten haben mag. Das lässt mich nur noch den Kopf schütteln.

    Was ich verstehe ist, dass ein kranken Mensch sich in seinem Leid nicht ausreichend wahrgenommen fühlt. Ob das tatsächlich so ist oder nicht, das lässt sich aber doch nicht plump an der Zahl der Vasen auf seinem Nachttisch ablesen. Und ich weigere mich, zu glauben, dass intensive persönliche Anteilnahme am Leid eines anderen Menschen nicht auch von Ferne und oft sogar ohne dass der Betreffende die Intensität der emotionalen Bindung auch nur ahnt, stattfinden kann und stattfindet.

    Man kann mitfühlen, mittrauern und mitleiden, auch oder erst Recht, wenn man das nicht für alle Öffentlichkeit sichtbar und unmittelbar am Bett eines Kranken oder am Grab eines Verstorbenen tut. Will der Kranke das erleben, dann muss er nur offen genug für diese Emotionen sein. Leider wird diese Offenheit aber heutzutage durch die falsche Erwartung „das geht ja nur, wenn der Betreffende auch lang genug am Krankenbett neben mir ausharrt“ verschüttet. Das ist schade.

    Wenn es jedoch ein Leben nach dem Tod gibt, dann bin ich sicher, dass spätestens die Seele des Verstorbenen mit dem Tod auch die Weisheit erlangt, Zusammenhänge zu verstehen und zu fühlen, was eigentlich auch zu Lebzeiten schon zu spüren war: Liebe und Anteilnahme.

    Und der verbliebene Angehörige, der es aus verschiedensten Gründen vielleicht nicht zum Krankenlager „geschafft“ hat, sollte nicht länger damit hadern, weiß er doch selbst am besten, dass er und wie intensiv er diese tatsächliche Anteilnahme in seinem Innersten immer gemeint und gespürt hat und weiter spüren wird.

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    • beweis schreibt:

      Meine Ansicht, wenn auch old fashioned: Anteilnahme und Liebe lassen sich nicht über WhatsApp und Zoom übertragen, auch nicht als Attachment verschicken. Die bedürfen physischer, menschlicher Nähe.

      Nicht nur Rettungssanitäter und Hospizangestellte wissen, wie entscheidend die echte Nähe der Liebsten in den wichtigsten Momenten des Lebens ist. Und dazu gehören neben Geburt und Tod eben auch Verletzungen und schwere Erkrankungen mit den entsprechenden Schmerzen und Ängsten.

      Es gibt unzählige Beispiele, dass Sterbende noch so lange auf dieser Welt ausharren, bis sie von ihren Liebsten Abschied genommen haben. Da wirken unglaubliche Kräfte.

      Sie einfach zum Sterben in einen gekachelten, desinfizierten Raum mit Neonlicht zu schieben, halte ich für unmenschlich.

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  3. blindfoldedwoman schreibt:

    Selbst wenn Du ihr von Deiner Einschränkung erzählt hättest, es würde an der Geschichte, die man sich unter Verwandten und im Dorf erzählt, nichts ändern. Sowas, mit kleiner Empörung vorgetragen, lieben die Leute.
    Deine Mutter ist nicht allein gestorben, hatte vorher auch noch Menschen um sich. Vielleicht war sie auch nicht wirklich so enttäuscht. Jedenfalls nicht ernsthaft. Auch das gehört doch ein wenig zum Handwerk, sich ein bisschen bedauern lassen. Oder wie Deiner Schwester nicht zuzutrauen sich um die Blumen zu kümmern.
    Das hat sie sicher auch nicht ernst gemeint.
    Niemand hatte das Risiko ernsthaft auf dem Schirm, dass es zu Komplikationen kommt. Auch wenn die gut bekannt sind.
    Man rechnet einfach nicht damit.
    Versuch es abzuschütteln. Ändern lässt es sich ohnehin nicht mehr.
    Mein herzliches Beileid nochmal.

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  4. idgie13 schreibt:

    Die Mutter zu verlieren, gehört wohl zu den schlimmsten Erfahrungen. Nimm Dir die Zeit zu trauern – wann immer es für Dich stimmt.
    Ich bin kein grosser Redenschwinger, möchte nur nochmals mein Mitgefühl ausdrücken.

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  5. Plietsche Jung schreibt:

    Das tut mir sehr leid und ihr habt mein volles Mitgefühl. Ich mag diesen Leichenschmaus so gar nicht, denn ich kann in solchen Situationen eh nicht essen und nur begrenzt reden.

    Ich bin derzeit jeden Tag im KH, halte die Hand meiner Mum, spreche ihr Mut zu und streichle ihre Wange. Es kann jederzeit vorbei sein und ich möchte, das sie keine Angst hat zu gehen. Eine schlimme Zeit.

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  6. Mika schreibt:

    Sehen wir das Leben als eine schöne Ball-Nacht. Wir kommen an und lernen tanzen. Manche tanzen viel und heftig, andere schüchtern und mehr in der Ecke. Irgendwann spielt man den letzten Tanz und ist der Ball aus. Dann kommen neue Tänzer. Wenn der Ball gut war, dann muss niemand traurig sein. Und wenn nicht, könnte es eine neue Chance geben.

    Meine Freunde wissen, ich habe gut und viel getanzt. Und einige Tänze könnte ich noch haben, auch wenn Mitternacht nicht mehr so weit ist.

    Der Tanz wird so schnell nicht enden…..

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  7. Mika schreibt:

    Noch ein Gedanke zum Tod. Man hat es danach hinter sich und blickt hoffentlich auf ein gutes Leben zurück. So gut man es eben leben konnte.
    Wenn ich es hinter mir habe, dann blicke ich auf sehr viel Wein, Weib und Gesang zurück. Ich hatte so viel Freude im Leben, das reicht für drei. Wenn die meine Reste verscharren, dann soll der Sarg billig und der Leichenschmaus üppig sein. Sekt und Hummer sollen die Gäste haben und die Stones sollen spielen. Denn entweder existiere ich irgendwie weiter, oder es ist einfach nur vorbei. Da ich aber Möglichkeit eins weiß, will ich bei der Party lachen und ein Engelchen anflirten.
    Und nun denk an die schönen Seiten deiner Mutter, vergib ihr, was sie nicht besser konnte und lebe, als wäre es ein Tanz.

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  8. ednong schreibt:

    Richtigstellen bzw. ergänzen kannst du es ihr gegenüber sicherlich, nur ändern wird es wohl wenig. Mach einen Haken dran und nimm dir die Zeit zum Trauern. Hadern kostet nur unnötig Energie.

    Und natürlich auch hier mein Beileid.

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