Multiverselle Superposition //2750

Auf dem Rückweg unseres Spaziergangs war Johannes müde im Buggy eingeschlafen. Wir hatten Schmetterlinge, Heuballen und sogar einen Hasen gesehen.

„Wusstest du, dass fast dreiviertel aller Ehen bis zum Tode halten?“ [Disclaimer: die Datengrundlagen für diesen Wert sind recht inkohärent und die Methodik fragwürdig, aber belassen wir’s mal dabei – für einen Gesprächseinstieg reicht’s], fragte ich Carsten.
„Du wirst es die paar Jahre, die ich noch habe, schon noch mit mir aushalten, Samtpfötchen.“
„Daran habe ich gar keinen Zweifel. Aber du hast ja schon eine Ehe ‚bis zum Tode‘ hinter dir. Wenn Ingrid damals nicht – verhältnismäßig jung – gestorben wäre, wärest du dann noch – vermutlich mehrere Jahrzehnte – bei ihr geblieben? Eure Ehe war ja nicht gerade beglückend.“
„Unsere Ehe war eingefahren. Wir hatten die Firma, die Kinder, das Haus. Auch wenn die Situation damals nicht ideal war, hatte ich keinen Grund, sie zu ändern. Es lief ja alles glatt.“

„Eigentlich mag ich solche spekulativen Gedankenspielchen ja nicht, und ich weiß, du auch nicht. Aber stellen wir uns doch mal das Szenario vor, Ingrid hätte noch gelebt – bei guter Gesundheit – wie wäre es weitergegangen, als wir uns getroffen haben?“
„Also gut“, Carsten seufzte, „spinnen wir das mal weiter unter der Voraussetzung, dass das Timing genauso gewesen wäre, wie es damals war. Ingrid noch am Leben, die Mädchen gerade mit Abi fertig. Vielleicht wären sie zum Studium sogar hier in $NichtImSauerland oder in der Trichterstadt geblieben. Aber nach dem Tod ihrer Mutter wollten sie eigentlich nur noch weg. Da kamst du an, um als Beraterin engagiert zu werden. Kann sein, dass ich dich gleich wieder weggeschickt hätte. Aber vermutlich hättest du den Vertrag bekommen, deine Tätigkeit aber mit den Entwicklern durchgeführt, ohne dass ich mich persönlich weiter darum gekümmert hätte.“
„Möglicherweise wärest du aufgeschlossener gewesen“, wandte ich ein, „weil du Frau Offenbluß nicht kennengelernt hättest.“
„Ja, kann sein“, gab er zu, „dann hätte ich dich halt zeitweilig zu meiner Geliebten gemacht, aber wir hätten mit Sicherheit nicht genug Zeit miteinander verbracht, um uns darüberhinaus kennenzulernen.“

„Wer würde dann die Firmennachfolge übernehmen?“, fragte ich nach.
„Keine Ahnung, damals war das noch kein Thema“, er zuckte die Schultern, „vielleicht hätte eine der Mädchen ja einen fähigen Schwiegersohn angebracht.“

Johannes räkelte sich im Buggy, weil Carsten ihn über den Bordstein an der Staße zum Haus geschoben hatte.
„Ihn gäbe es dann auch nicht“, sagte ich leise, und deutete dabei auf unser aufwachendes Kind.
„Ja, das stimmt“, bestätigte Carsten, und fügte hinzu, „dieses Paralleluniversum ist mir schon das liebste.“

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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2 Antworten zu Multiverselle Superposition //2750

  1. pirx1 schreibt:

    Wer würde jetzt die Firmennachfolge übernehmen?

    Gefällt mir

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