Kollateralbekanntschaften //2741

Von klein auf lernen wir Menschen kennen: Verwandte, Nachbarn, später Mitschüler, Kommilitonen, Kollegen, .. Das lässt sich nicht vermeiden, und es ist auch ganz OK so. Man hat automatisch mit so vielen Leuten zu tun, egal ob man das will oder nicht, muss sich halt damit arrangieren.
Von den bekannten Menschen im privaten und beruflichen Kontext mal abgesehen, habe ich keinerlei Bedürfnis, weitere Menschen kennenlernen zu wollen.
Es heißt immer – völlig ohne weitere Begründung und fundierte Belege – der Mensch sei ein „soziales Wesen“. Damit soll ausgedrückt werden, dass Menschen angeblich Kontakt mit anderen Menschen brauchen. Das Zitat wird m.W. Aristoteles zugeschrieben. Aber der wusste auch längst nicht alles, und hat wohl – wie so viele andere auch – einfach von sich selbst auf alle anderen projiziert.
Von den unumgänglichen Begegnungen – sei es mit der eigenen Familie, bei der Arbeit, oder z.B. beim Einkaufen – sehe ich für Geselligkeit aber keine Notwendigkeit. Warum sollte man weitere Menschen – per se, also ohne anderen Zweck – kennenlernen wollen?

Im Kindergarten mussten wir oft draußen spielen. Ich saß dann – wenn ich schon raus musste – gerne alleine am Rand des Sandkastens (andere Sitzgelegenheiten gab es nicht), und hing meinen Gedanken nach. Es kam vor, dass meine Mutter auf dem Weg zum Garten beim Kindergarten vorbeikam, und mich dort sitzen sah. Sie erzählte später, ich hätte ihr ja so leid getan, weil ich so allein und einsam dagesessen wäre. Warum? Ich war doch vollkommen zufrieden (soweit das in dieser tumben Umgebung überhaupt möglich war), in meine Gedanken vertieft zu sein. Ich brauchte keine Interaktion mit den andere Kindern. Aber irgendwie hat sie es dadurch geschafft, mir den Eindruck zu vermitteln, ich dürfte nicht alleine sein, und müsse ein schlechtes Gewissen deswegen haben. Nur deswegen fühlte ich mich später oft unbehaglich, wenn ich allein eine Gaststätte oder auch mal das Kino betrat – nicht weil ich Gesellschaft vermisste.
Gerade erst war hier in der Stadt – nach zwei Jahren Corona-bedingter Pause – wieder ein großes Volksfest. Obwohl mir mehrmals vorgeschlagen wurde, dorthin zu gehen, hatte ich keine Lust dazu. Da sind so wahnsinnig viele Leute. Das ist so eng. Man findet kaum einen Platz, und falls ich tatsächlich mal ein Bier trinken will, kann ich das auch daheim, und zwar viel billiger (11 Euro für ein Bier ist dreister Wucher, den ich nicht unterstütze). Gebrannte Mandeln gibt es inzwischen auch anderweitig zu kaufen, und gesalzenes Popcorn kann ich notfalls selber machen. Das Riesenrad ist ganz nett, aber auch viel zu überteuert. Außerdem überlege ich dann doch nur die Bewegungsgleichungen, statt die Fahrt in Ruhe zu genießen (was eh nicht möglich wäre, viel zu viel Trubel).
Also warum sollte ich dahin gehen? Warum gehen andere Leute?
Wenn ich ein Café besuche, dann um (mehr oder weniger in Ruhe), einen Kaffee zu trinken und (möglichst Torte, ersatzweise) Kuchen zu essen. Ich will dabei nicht gestört werden, oder mit anderen kommunizieren. Trotzdem ist es mir immer wieder passiert, dass sich – trotz ausreichend freien Plätzen – ältere Damen zu mir gesetzt haben, um mich – als Opfer ihres übersteigerten Kommunikationsbedürfnisses – vollzulabern.
Wenn ich früher mal gelegentlich ganz gerne Veranstaltungen [vielleicht gehe ich sogar demnächst wieder mal zur einen oder anderen Veranstaltung, um meinen beruflichen Horizont zu erweitern, aber nur wenn’s keine Maskenpflicht oder ähnlichen Schei? gibt] besucht habe, ging es mir nicht darum, (mir bisher unbekannte) Menschen zu treffen, sondern ich hatte fachliches Interesse. Manchmal war auch das zu erwartende Buffet oder Diner ein Anreiz. Last not least bot es früher eine Chance, Männer aufzureißen. Aber da stand nicht das Kennenlernen, Smalltalk und soziale Interaktion im Fokus, sondern die potenzielle Gelegenheit für einen ONS.

Das ist vielleicht auch wieder mal so eine Katzensache. Während Hunde Rudeltiere sind, sind Katzen Einzelgänger, die – außer zur Fortpflanzung – keinen Kontakt zu Artgenossen suchen.
Erst Social Distancing im Zuge der Anti-Corona-Maßnahmen hat mir bewusst gemacht, welcher gesellschaftliche Druck sonst auf introvertierte Menschen ausgeübt wird, dass sie sich mit anderen abgeben, obwohl dies überhaubt nicht ihrem Naturell entspricht.
Der Umgang mit den meisten terranischen Menschen ist furchtbar anstrengend. Wenn man nicht non-stop freundlich ist und Interesse heuchelt, sind sie schnell beleidigt. Sie nehmen sich selbst übermäßig wichtig [um nicht falsch verstanden zu werden: meinetwegen dürfen sie sich so wichtig nehmen, wie sie wollen, solange sie damit nicht meine Aufmerksamkeit okkupieren], und sind lästig in ihrer aufdringlichen Neugier und Einmischungsversuchen.
Da amüsiere ich mich lieber mit meinen Zahlen.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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16 Antworten zu Kollateralbekanntschaften //2741

  1. keloph schreibt:

    ich kann deine gedanken grundsätzlich teilen, auch wenn ich von zeit zu zeit lust auf kontakte habe. dann aber immer zu menschen, die ich mag und kenne. generell ist meine qualitätszeit diejenige, welche ich mit mir selbst verbringe.

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  2. blindfoldedwoman schreibt:

    Ich bin auch nicht „gesellig“. Gerade größere Gruppen sind mir ein Gräuel. Deswegen bin ich gerne allein.

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  3. Mika schreibt:

    Ein Maß Bier, also 0,8 Liter für 11 Euro ist scheinbar noch viel zu billig, die Leute zahlen es ja. Ich trinke kein Bier, aber für Gäste gibt es Falkenfelser, da kenne ich kein Erbarmen und Bier kann man eh nicht unterscheiden, höchstens nach Sorte, aber nicht nach Marke. Kostet beim Discounter 0,60 Euro pro Liter, also ein Einkaufspreis von 0,48 Euro pro Maß. Da ist die Gewinnspanne ja besser als bei Drogen, vermute ich mal, da ich mich mit Drogen nicht so auskenne. Hier beim Weinfest gibt es 0,55 Liter Schorle für 3,50 – 4,50 und da wird gut eingeschenkt. Mir ist zwar ein guter Riesling lieber, aber in geselliger Runde tut es auch mal ein Schorle.
    Kürzlich wollte ich auf dem Markt in der Stadt einen Becher Kaffee to go. Wollte der doch glatt 4 Euro von mir. Ich habe das Zeichen für geistige Verwirrung gemacht und ihn stehen lassen.
    Katzen können übrigens sehr gesellig sein. Meine trifft sich gerne mit Artgenossen. Nur im eigenen Revier duldet sie keine Artgenossen.

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  4. pirx1 schreibt:

    Wir erleben gerade recht plastisch, wohin es führt, wenn in einer Gemeinschaft, die sich aufgrund begrenzter Ressourcen einen Lebensraum teilen muss, ernsthafte soziale Interaktion nicht mehr geübt wird und jedes Individuum sich immer weiter auf seinen eigenen, zwangsläufig beschränkten Erfahrungshorizont zurückzieht. Dabei liegt die Betonung auf „ernsthaft“, denn tatsächlich wird doch der Großteil des Potenzials, das uns sog. „neue“ Kommunikationsmedien zur Verfügung stellen für belanglosen Blödsinn (Berichte vom letzten zerebralen Stuhlgang, Perseveration politischer Stammtischparolen, die zur Schaustellung des begrenzten Intelligenzniveaus von Fußballerfrauen oder Fotos von sinnentleerten Politikerurlauben auf der Krim) vergeudet.

    Und ich gebe zu: Soziale Interaktion ist zweifellos mühsam, zumal sie in der heute gern geübten Form oft genug weniger sozial, als asozial ist.

    Aber wenn einem das Gespräch mit einer älteren Dame im Café schon zu belanglos oder lästig ist, dann wird man auch Schwierigkeiten haben, aus den mehr oder weniger komplizierten Gedankengänge eines Nietzsche, Einstein, Teller oder Boris Becker Erkenntnisse für das eigene Leben abzuleiten und sich vermutlich nur auf ein bloßes Dasein beschränken – was schade und reichliche Vergeudung wäre, denn man verpasst damit den halben Spaß.

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  5. Plietsche Jung schreibt:

    Ich habe beruflich viel mit Menschen, Kunden und Mitarbeiter zu tun, dass mir mein Feierabend und die Freizeit in ruhiger Umgebung sehr wichtig geworden ist. Es scheint wirklich so, dass das Volumen an Worten/Tag endlich ist, wobei es nicht bei ein paar Kilo limitiert ist. So mag ich auch gern ruhige kinderfeindliche Hotels und freude mich auch nicht mit Rentnern an, die in der Vor- oder Nachsaison buchen.
    Als Kind hatte ich schon Kontakte, aber es fiel mir spielend leicht, sich mit mir selbst zu beschäftigen. Technische Dinge, Abläufe, Ursachen waren interessanter und fesselnder. Ab in die Bücherei, lesen, erkunden, anwenden. Sehe ich heute Kinder, wird’s mir traurig ums Herz ob der Heli-Eltern, die ihren Kinderchen alles abnehmen und sie ihre Erfahrungen nicht machen lassen.
    Aber so ist es halt *schulterzuck*

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    • Ruhe und Abgeschiedenheit sind so wichtig, um regenerieren zu können.

      Es stimmt, dass viele Kinder überbehütet und betüdelt werden. Die werden selbst im Jugendalter noch von den Eltern herumchauffiert, und haben deshalb kaum eine Chance, sich zu eigenständigen, unabhängigen Menschen zu entwickeln.
      Glücklicherweise gibt es trotzdem noch viele andere, die selbständiger aufwachsen.

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