Schibboleth //2723

Während wir aufwachsen, erlernen wir unsere Muttersprache. Dabei bildet sich einerseits das Gehör so aus, dass es die charakterischen Lautkombinationen dieser Sprache erkennt, zum anderen entwickelt sich die Gesichtsmuskulatur so, dass die üblichen Töne passend ausgeprochen werden können . [Ich habe immer noch massive Schwierigkeiten D/T bzw. B/P zu unterscheiden. Es erstaunt mich auch immer wieder, wie Leute „wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord“ oder „downtown“ korrekt und ohne Zögern aussprechen können. Um beispielsweise „pack your bags“ richtig auszusprechen, muss ich mich bewusst voll darauf konzentrieren. Da fehlt mir der Automatismus. Mein Betriebssystem kann das nicht. Also muss ich es aufwendig auf Anwendungsebene emulieren. Das kostet Performance.]
Jede Sprache hat ihre eigene Philosophie und Mentalität. Wenn man die nicht bereits als Kind verinnerlicht, wird es um so schwerer, je älter man wird.

Man nehme zum Vergleich native English speakers, und höre nur auf den Klang, nicht auf den Inhalt. Der Brite hört sich an, als ob er die Wangen eingezogen hätte, während die Sprache des Amerikaners viel breiter wirkt, oder so, als würde er ständig einen Kaugummi kauen.
Wenn man als Deutscher anfängt, Englisch zu lernen, ist zunächst mal das Th eine Herausforderung. Diesen Laut kennen wir im Deutschen gar nicht. Die abweichende Aussprache von R und W ist auch ungewohnt, und muss erst geübt werden.
Beim Französisch-Lernen ist das Nasalieren anfangs schwierig. Im Gegenzug haben die Franzosen Probleme, ein H auszusprechen. Obwohl sie praktisch jedes Wort auf der letzten Silbe betonen, ist ihre Sprachmelodie im Grunde genommen monoton, ganz anders als das Auf und Ab bei den Chinesen. Bei Spaniern scheint es so, als ob sie kein Sp oder St aussprechen können, ohne vorher E zu sagen. Gibt es überhaupt ein italienisches Wort, das nicht auf einen Vokal endet? Andere Sprachen wiederum sind umso mehr auf Konsonanten(kombinationen) ausgerichtet.
Für viele Nicht-Deutschsprachler ist das Wort Fünfundfünfzig eine Herausforderung. Die Kombination aus N und F ist unüblich, und den Ü-Laut kennen viele Sprachen nicht. Man kann es ja selbst mal ausprobieren: Um Ü zu sprechen, muss man die Lippen vorne extrem eng spitzen, als wolle man pfeifen. Wessen Mundmuskulatur nicht darauf trainiert ist, wird sich anstrengen müssen. Und selbst wer das Ü schafft, kommt vielleicht mit den ähnlichen Lauten U und I durcheinander, wenn es schnell gehen soll.

Auch unterschiedliche Dialekte haben verschiedene Laute. Die können sich sogar von Dorf zu Dorf unterscheiden.
Ich erinnere mich gerade an eine kleine Geschichte:
Als mein Vater meine Mutter noch nicht lange kannte und sie besuchte, fragte er ein Nachbarsmädchen, in welche Schulklasse sie ginge. Ihre Antwort „in die 2.“ gab sie in ihrem heimischen Dialekt. Meine Mutter amüsierte es auch später immer wieder, dass es meinem Vater nie gelang, dieses „2.“ originalgetreu auszusprechen. Er traf einfach die richtige Lautfärbung des ursprünglichen Vokals nicht. Dabei war er keine zwanzig Kilometer entfernt aufgewachsen. Meiner Schwester und mir dagegen bereitete die originalgetreue Aussprache keinerlei Schwierigkeit, und ich muss zugeben, dass es uns gelegentlich Spaß machte, ihn deswegen aufzuziehen.


Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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10 Antworten zu Schibboleth //2723

  1. keloph schreibt:

    ich frage mich immer wieder, wie sprache überhaupt entstanden ist und in bestimmten gruppen quasi „vereinbart“ wurde.

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    • Das ist eine interessante Fragestellung.
      Ich nehme an, dass die Sprachentwicklung erst mal (in lokalen Gruppen) mit einem ganz kleinen Wortschatz („Baum“, „Stein“, „Himmel“, „Wasser“, ..) begonnen hat, noch ohne Grammatik.
      In einer Art Evolution – während die lokalen Gruppen auch mit anderen Kontakt hatten und sich mischten – wurde der Wortschatz größer. Es entstanden allmählich Sätze, zunächst Zweiwortsätze, dann konnten die allmählich länger und komplexer werden. Um sich feinnuanciert (und dennoch einigermaßen kompakt) ausdrücken zu können, braucht es eine Syntax, die Nebensätze zulässt, und durch Deklinationen und Konjugationen spezifische Information vermittelt.
      Nicht jede (natürliche) Sprache ist dafür im gleichen Maße geeignet.
      Die Sprachentwicklung eines Kindes verläuft ähnlich: erst nur eine Handvoll Wörter, dann Zweiwortsätze, .. mit etwa vier Jahren ist das Erlernen der Muttersprache im Wesentlichen abgeschlossen, was nicht heißt, dass man seine sprachlichen Fähigkeiten danach nicht noch verbessern, erweitern und ausbauen kann.

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  2. blindfoldedwoman schreibt:

    Sprichst Du im Alltag immer noch solch einen heftigen Dialekt?

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    • „Heftigen Dialekt“ habe ich nie gesprochen, sondern nur mäßigen. Auch diesen spreche ich im Alltagsleben schon lange nicht mehr. Da ist nur noch eine kleine Sprachfärbung. Schließlich lebe ich seit vielen Jahren in der Fremde. Da habe ich mich angepasst.
      Wenn ich allerdings mit meiner Verwandschaft rede, switche ich schon ein wenig um.

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      • blindfoldedwoman schreibt:

        „Es erstaunt mich auch immer wieder, wie Leute „wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord“ oder „downtown“ korrekt und ohne Zögern aussprechen können.“
        Das kann ich wiederum kaum nachvollziehen. Aber bei uns wächst man auch mit Hochdeutsch auf.

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  3. Plietsche Jung schreibt:

    haha … in London brauchte ich ein paar Tage, um mich „einzugrooven“. Das US English ist für mich leichter zu verstehen und auch zu sprechen.

    Aber man muss gar nicht so weit weg schauen. Die Dialekte in DE sind auch sehr vielfältig, manchmal klingen sie lustig, manchmal „anstrengend“. Interessant sind sie allemal.

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  4. Leser schreibt:

    Ich stamme ursprünglich aus einer Gegend, in der ein und dasselbe Wort in 2 Dörfern, die 5km weit auseinander liegen, auch völlig anders klingt. Und mein Vater stammt 30km von meiner Kindheits- und Jugendheimat entfernt, und der dortige Dialekt klingt fast wie eine Fremdsprache (welche sogar ein Wenig an das „Kaugummi-Englisch“ in den USA erinnert).
    Sprache ist ein faszinierendes Ding, weil man sich, damit diese funktioniert, ja auf einen gewissen Satz an kompatiblen Konzepten einigen musste – und das, obwohl sehr viele Gehirne intern völlig anders funktionieren und „unterschiedlich verdrahtet“ sind…das bemerkt man dann, wenn es um die Konzepte geht.
    Neulich fragte uns mal ein Polizist auf einem öffentlichen Platz (auf dem auch gerne mal ein Markt stattfindet, also generell kein Fahrzeugverkehr herrscht): „Wollen Sie an der Veranstaltung mit Fahrzeugen, die hier demnächst vorbei kommt, teilnehmen?“ – ich wies ihn dann darauf hin, dass wir uns auf einem Platz befänden, an dem Fahrzeuge nicht erlaubt seien, und dass wir alle zu Fuß hier wären, niemand hatte auch nur ein Fahrrad dabei – und fragte, wie er es sich dann vorstellen würde, ohne die Voraussetzung „Fahrzeug“ an einer Veranstaltung mit Fahrzeugen teilzunehmen. Das musste er einsehen und anstatt seine Frage zu präzisieren oder irgend etwas zu implizieren, zog er ab. Was kann ich dafür, wenn er sich nicht deutlich ausdrücken kann? 😉
    Es ging um einen Autokorso, der an dem Ort demnächst vorbeikommen würde, und dann dort einen kurzen Halt eingelegt hat um ein paar Redebeiträge über die Fahrzeug-PA zu verlauten…

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